Scholl-Latours Analyse für die tz

"Militärschlag in Syrien sinnlos und gefährlich"

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Peter Scholl-Latour

München/Damaskus - In Syrien könnte es in Kürze zu einem Militärschlag kommen. Doch es gibt auch Zweifel daran. Nahost-Experte Peter Scholl-Latour (89) analysiert für die tz die dramatische Lage

Während Washington, London und Paris eine militärische „Strafaktion“ gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad vorbereiten, hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon vor voreiligem Eingreifen gewarnt. Die UN-Inspekteure, die nach Beweisen für den Giftgas-Einsatz suchen, bräuchten noch vier weitere Tage Zeit . Laut dem US-Magazin Foreign Policy belegen US-Geheimdienst-Hinweise die Schuld des syrischen Regimes am Giftgas-Einsatz. Es habe „panische Telefonate“ zwischen dem Verteidigungsministerium und dem Chef der Chemiewaffen-Einheit gegeben, wer den Befehl gegeben habe. Es sei unklar, wer in Syrien die Befehls­gewalt habe. Nahost-Experte Peter Scholl-Latour (89) analysiert für die tz die dramatische Lage.

Hat wirklich Assad Giftgas eingesetzt oder waren es die Rebellen?

Peter Scholl-Latour: Das ist die große Frage. Das Seltsame an der Geschichte ist ja, dass eine UN-Kommission losgeschickt wurde, um zu untersuchen, ob Giftgas eingesetzt wurde – dabei besteht daran ja kein Zweifel mehr. Aber sie sind nicht losgeschickt worden, um herauszufinden, wer das Giftgas eingesetzt hat. Wir haben ja im Irak schon einmal erlebt, wie wir durch die Amerikaner angelogen wurden. Ex-US-Außen­minister Colin Powell, der noch heute unter den Lügen von George W. Bush und den US-Geheimdiensten über die angeblichen Chemiewaffen Saddams leidet, hat diesmal gesagt, wir sollten vorsichtiger sein mit unseren Behauptungen. Assad mag ja ein böser Mann sein. Aber dumm ist er nicht! Warum sollte er Obamas rote Linie überschreiten und den Westen zum Eingreifen bewegen? Im Moment steht Assad ja militärisch ganz gut da! Es gibt den juristischen Satz: Cui bono – wem nützt es. Und es nützt natürlich den Rebellen, wenn die Amerikaner eingreifen!

Vieles weist doch darauf hin, dass die Amerikaner einen teuren Krieg in Syrien überhaupt nicht wollen. Warum gibt es trotzdem diese Zuspitzung der Ereignisse?

Scholl-Latour: Die USA sind in der Tat sehr zögerlich. US-General­stabs­chef Martin Dempsey ist ein sehr vernünftiger Mann. Als Obama ihn fragte, was man machen kann, antwortete der General: Wir können bombardieren, wir können eine Flugverbotszone errichten – aber er hat ihm vorgerechnet, wieviele Milliarden das kosten würde und dass der Erfolg überhaupt nicht garantiert wäre.

Assad hat ja den USA bereits ein Debakel wie in Vietnam vorhergesagt…

Scholl-Latour: Es können keine Kriege mehr gewonnen werden! Vietnam ging schief, der Irak-Krieg ging schief. Ich war im Dezember in Syrien unterwegs. Am Anfang waren die Deserteure der syrischen Armee die tragenden Kräfte des Aufstands. Das waren ganz anständige Leute. Aber inzwischen haben extremistische Kräfte das Sagen! Die Hauptorganisation ist nun die „Front des Beistandes“, die ganz offiziell mit der irakischen Al-Kaida einen Pakt geschlossen hat. Die wollen einen gemeinsamen Gottesstaat mit dem Irak gründen! Wenn das die Alternative zu Assad ist, dann vielen Dank.

Macht ein auf zwei Tage beschränkter Militärschlag überhaupt Sinn?

Scholl-Latour: Erstens ist es Quatsch, so etwas im Voraus anzukündigen. Zweitens ist klar, dass die Bunker, in denen das Giftgas lagert, nicht bombardiert werden können. Denn dann würde das Gift austreten. Also können nur strategische Ziele anvisiert werden, die Assad allenfalls vorübergehend schwächen könnten. Das alles ist sinnlos.

Wie groß ist die Gefahr, dass die USA ungewollt in einen massiven Krieg mit Syrien rutschen?

Scholl-Latour: Die Gefahr besteht, auch deshalb, weil die Amerikaner und der gesamte Westen von Anfang an große Fehler gemacht haben. Wenn der Aufstand, der anfangs nur an der Grenze zu Jordanien ausgebrochen war, nicht von den USA unterstützt worden wäre, wenn die Türkei nicht massiv die Grenzen geöffnet hätte für die Waffenlieferungen der Saudis und von Katar, dann hätte Assad den Aufstand binnen drei Wochen niedergeschlagen. Dann gebe es heute nicht fast 200 000, sondern 5000 Tote.

Wie stark ist das Assad-Regime militärisch?

Scholl-Latour: Dank der Waffen aus Russland und dem Iran ist das Flugabwehrsystem sehr gut entwickelt, was Luftangriffe sehr gefährlich macht.

Trauen Sie Assad zu, aus Rache Terror-Trupps loszuschicken?

Scholl-Latour: Das hat Assad nie getan und wird er auch nicht tun! Aber Assad hat einen sehr starken Verbündeten, die von der harten Fraktion im Iran unterstützte schiitische Hisbollah im Libanon. Und das ist es, was vor allem Israel so nervös macht. Die könnten Tel Aviv unter Beschuss nehmen.

Interview: Klaus Rimpel

Risiken und Probleme eines Militäreinsatzes in Syrien

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So soll der US-Angriff laufen

US-Präsident Barack Obama hat nach Angaben des Pentagons verschiedene Optionen für einen Militärschlag gegen Syrien.

Raketenangriff: Vier moderne Lenkwaffenzerstörer der US-Marine (USS Mahan, USS Barry, USS Gravely und USS Ramage) sind im östlichen Mittelmeer, zwei davon nahe der syrischen Küste. Sie sind mit bis zu 100 Marschflugkörpern vom Typ Tomahawk bestückt. Der TV-Sender NBC berichtet, dass der Navy auch zwei U-Boote mit Marschflugkörpern in der Region zur Verfügung stehen, die sogar mehr als 150 Tomahawk-Raketen mit sich führen können.

Luftangriff: Theoretisch haben die USA viele Möglichkeiten, syrische Anlagen von Kampfflugzeugen aus zu bombardieren. Derzeit sind im Nahen Osten die zwei Flugzeugträger USS Harry S. Truman und USS Nimitz unterwegs, von denen aus solche Angriffe geflogen werden könnten. Jedoch macht das Pentagon derzeit keine Anstalten, die Schiffe näher nach Syrien zu holen. Alternativ könnten die Amerikaner ihre Kampfjets von Basen etwa in der Türkei losschicken oder Flugzeuge aus West­europa nach Bulgarien oder Italien verlegen. Zudem heißt es, dass amerikanische F-16 Jets nach einer Militärübung vor ein paar Monaten in Jordanien geblieben sind. Schwieriger wären Flüge von vier Stützpunkten in der Golfregion, etwa Katar oder Kuwait, aus. Nicht nur müssten die USA andere arabische Staaten um Überflugrechte bitten. Auch könnte eine Betankung in der Luft notwendig werden. Nicht völlig undenkbar scheinen auch Schläge mit bewaffneten Drohnen. Allerdings ist nicht bekannt, ob die USA diese unbemannten Flugzeuge in der Region haben, da sie vor allem in Pakistan, dem Jemen und im Osten Afrikas zum Einsatz kommen. Insgesamt scheinen die USA Risiko und Aufwand von Luftangriffen als zu groß zu empfinden.

Bodentruppen: Obama hat immer wieder betont, dass der Einsatz von Bodentruppen in Syrien nicht infrage kommt. Sollte er seine Meinung ändern, könnte er etwa auf Hunderte US-Soldaten in Amman zurückgreifen. Sie sind dort seit Monaten, um die Jordanier bei möglichen Angriffen aus Syrien zu unterstützen. Auch bodengestützte Flugabwehrraketen vom Typ Patriot stünden dort bereit.

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