Scholl-Latour im tz-Interview

"Wir haben nichts erreicht in Afghanistan"

+
Peter Scholl-Latour

Kabul/Berlin - Die Bundeswehr zieht aus Kundus ab. Die tz sprach mit Peter Scholl-Latour. Der Autor und Afghanistan-Experte sagt: "Nichts ist dort erreicht worden." 

Kundus – dieser Name steht wie kein zweiter für den mittlerweile zwölf Jahre andauernden Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan. Jetzt haben Bundesaußenminister Guido Westerwelle und Verteidigungsminister Thomas de Maizière das Feldlager an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben – die Bundeswehr zieht aus Kundus ab.

„Kundus, das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste zu kämpfen. Das war eine Zäsur – nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellschaft“, sagte de Maizière vor Ort. Für viele Deutsche ist Kundus nicht nur ein Synonym für den Afghanistan-Einsatz insgesamt, sondern auch für Krieg. Hier lieferten sich deutsche Soldaten am Karfreitag 2010 die schwersten Gefechte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Insgesamt sind in Afghanistan 54 deutsche Soldaten gestorben. 20 von ihnen alleine in Kundus. Nirgendwo in Afghanistan fielen mehr Deutsche als in Kundus und Baghlan.

Wie viel Leid diese Zäsur mit sich bringen kann, musste Tanja Menz am eigenen Leib erfahren. Die Minister hatten die Mutter des Stabsgefreiten Konstantin Menz, der am 18. Februar 2008 in Afghanistan fiel, mit auf die Reise nach Kundus genommen. Für sie ist es die dritte Reise in die Region, wo sie „eine besondere Nähe“ zu ihrem getöteten Sohn verspürt. Er war im Alter von nur 22 Jahren gemeinsam mit zwei Kameraden in der an Kundus angrenzenden Provinz Baghlan erschossen worden – von einem afghanischen Soldaten. Die Insider-Angriffe untergraben das Vertrauen in die einheimischen Sicherheitskräfte, erst am Samstag wurde in Südafghanistan auf diese Weise wieder ein ausländischer Soldat getötet.

Wenn die Bundeswehr jetzt abzieht, sind die afghanischen Sicherheitskräfte auf sich allein gestellt. Wie gut sie mit dieser Aufgabe zurechtkommen, kann derzeit niemand sagen. Klar ist nur: Ihre Aufgabe ist hochgefährlich. Allein in diesem Jahr wurden schon mehr als tausend afghanische Polizisten getötet.

„Mut, Kraft und auch Geduld“, wünscht de Maizière den afghanischen Sicherheitskräften. Der Minister hofft, „dass die afghanische Seite die Sicherheit in einem angemessenen Niveau sichern“ könne. Er fügt aber hinzu: „Eine Sicherheit , so wie wir sie bei uns gewohnt sind, wird es wohl in Afghanistan nie geben.“

Westerwelle bilanziert: „Richtig ist, dass wir noch längst nicht da sind, wo wir vor einigen Jahren hinwollten.“ Grünen-Verteidigungspolitiker Omid Nouripour bezeichnet den Einsatz in der BamS als „gescheitert“. Es drohe ein „langer und blutiger Bürgerkrieg“.

Mk.

„Wir haben nichts erreicht“

Wie schätzen Sie die Lage vor Ort ein?

Peter Scholl-Latour, Autor und Afghanistan-Experte: Bisher scheint der Abzug der Bundeswehr recht geordnet zu verlaufen. Aber was Kundus angeht: Ich habe gerade die Bilder von den zwei Generälen gesehen. Den einen kenne ich – und der sieht nicht gerade aus, als wäre er von seiner eigenen Armee und dem, was die ISAF da auf die Beine gestellt hat, überzeugt.

Wie geht es in Kundus ohne die Bundeswehr weiter?

Scholl-Latour: Kundus ist eine überwiegend tadschikisch bevölkerte Stadt, ringsherum sind aber auch paschtunische Ortschaften. In absehbarer Zeit werden sich die alten Formationen wie die Nordallianz oder die Taliban wieder hervortun – und dann schießt man wieder munter aufeinander.

Was hat man dann erreicht in Afghanistan?

Scholl-Latour: Nichts ist dort erreicht worden. Das sollte man endlich mal zugeben! Von Anfang an hätte man wissen müssen, dass dieser Krieg aussichtlos war, aber das wollte ja niemand hören. Und die Mädchenschulen, die da gebaut worden sind, die werden sicher schnell wieder verschwinden.

Was erwarten Sie von den Präsidentschaftwahlen in Afghanistan im kommenden Jahr?

Scholl-Latour: Wahlen? Wenn das Wort im Zusammenhang mit Afghanistan höre, kann ich nur lachen. Was sind denn das für Wahlen! Ich habe Wahlen dort erlebt, das ist ein reiner Zirkus. Wir sollten das Land auf jeden Fall den Afghanen überlassen. Der Westen hat bewiesen, dass er keinen Einfluss darauf nehmen kann, was in Afghanistan passiert.

Wie schätzen Sie die Kräfteverhältnisse in Afghanistan ein?

Scholl-Latour: Die Taliban sind die Stärksten. Im Moment ist die weitere Entwicklung aber gar nicht abzusehen, da kann man auch keine Prognosen machen. Aber man sollte so ehrlich sein zu sagen, dass die ganze Sache absolut gescheitert ist.

Interview: Mk.

 

Die Chronik des Einsatzes

22. Dezember 2001: Der Bundestag stimmt der Entsendung von bis zu 1200 Soldaten im Rahmen der Internationalen Schutztruppe Isaf zu. Sie sollen helfen, das Land nach dem Sturz der Taliban zu stabilisieren.

10. Februar 2003: Deutschland übernimmt gemeinsam mit den Niederlanden die Führung der Isaf.

25. Oktober 2003: Mit dem Eintreffen eines Vorauskommandos beginnt die Bundeswehr ihren Einsatz im nordafghanischen Kundus.

1. Juni 2006: Deutschland übernimmt das Isaf-Kommando für Nordafghanistan.

19. Mai 2007: Bei einem Taliban-Selbstmordanschlag auf dem Markt in Kundus-Stadt werden drei deutsche Soldaten getötet. Ein Wendepunkt in der bis dahin relativ sicheren Provinz.

4. September 2009: Bei einem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff auf zwei gekaperte Tanklastzüge in Kundus sterben Dutzende Menschen, darunter viele Zivilisten.

Karfreitag, 4. April 2010: Bei den bis dahin schwersten Gefechten in der Geschichte der Bundeswehr werden drei deutsche Soldaten in einem Hinterhalt der Taliban in der Provinz Kundus getötet.

6. Oktober 2013: Die Bundeswehr übergibt das Feldlager Kundus an die Afghanen. Damit endet der deutsche Einsatz in der gefährlichen Provinz ­ die bis heute nicht befriedet ist ­ nach zehn Jahren.

Auch interessant

Meistgelesen

Darum musste das Ordnungsamt bei Laschets Wahlparty einschreiten
Darum musste das Ordnungsamt bei Laschets Wahlparty einschreiten
Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern: CDU will weiter mit SPD regieren
Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern: CDU will weiter mit SPD regieren
In Frankreich bahnt sich eine Art "Groko" an
In Frankreich bahnt sich eine Art "Groko" an
Wahl 2017 in den Niederlanden im Ticker: Ministerpräsident Rutte hängt Wilders ab
Wahl 2017 in den Niederlanden im Ticker: Ministerpräsident Rutte hängt Wilders ab

Kommentare