Die Duzfreundin des Dreifach-Mörders

Schwere Vorwürfe gegen Haderthauer - Mollath sah zu

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Bestreitet, mit dem Dreifachmörder Roland S. beim Essen gewesen zu sein: Christine Haderthauer.

München - Höhepunkt im Untersuchungsausschuss zur Causa Haderthauer: Mit dem Dreifachmörder Roland S. wird einer der Schlüsselzeugen vernommen. Unter den Zuschauern war auch dessen Zellennachbar Gustl Mollath.

Er hat drei junge Männer getötet – 1971, dann, nachdem er nach neun Jahren auf Bewährung freigelassen wurde, 1982 und 1985 wieder. Seine Opfer zerstückelte er bestialisch, beim Urteil gegen Roland S. 1988 meinte ein Gutachter, er habe aus Selbstekel seine homosexuellen Partner so brutal ermordet.

Man muss diese extremen Taten noch einmal in Erinnerung rufen, um zu verstehen, wie fragwürdig die Sonderbehandlung war, die der damalige Stationsarzt im Bezirkskrankenhaus Ansbach, Hubert Haderthauer, Roland S. im Maßregelvollzug gewährte.

Vor dem Haderthauer-Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags schilderte der heute 76-jährige Dreifachmörder, wie wichtig er für Haderthauer war: Der hochbegabte Schlosser war Herz und Hirn des lukrativen Modellbau-Geschäfts. „Ich war vom ersten Bleistiftstrich bis zum Werkstattkehren überall involviert.“

Überhaupt war das ganze Modellbau-Projekt die Idee von Roland S.: „Die Ärzte haben gesagt: Macht uns Vorschläge.“ Es habe im BKH Ansbach keinerlei Therapie gegeben, nur monotones Tütenkleben, deshalb sei er glücklich über dieses Projekt gewesen.

Roland S. erzählt das alles klar, konzentriert – und es schimmert Stolz auf seine Arbeit durch, als er dem Ausschuss-Vorsitzenden Horst Arnold (SPD) Fotos von seinen Modellautos zeigt, für die er jedes winzige Teil zusammen mit seinem Psychiatrie-Team selbst gefertigt hat.

Bekommen hat Roland S. für seine geniale Arbeit 300 Euro im Monat – und große Freiheiten. Er erzählte, wie er das Bezirkskrankenhaus regelmäßig verlassen durfte, beispielsweise zur Modellbau-Messe in Dortmund, zum Technikmuseum in Sinsheim, aber auch zu einer „Konferenz“ der Modellbau-Firma im Elsass: Anders als frühere Zeugen behauptet Roland S., dass das Ehepaar Haderthauer auch bei diesem Ausflug in eine Jagdhütte im Elsass dabei gewesen sei.

Und Roland S. berichtet von einem weiteren Ausflug, der die Ex-CSU-Sozialministerin in Erklärungsnot bringen dürfte: In Ingolstadt besuchte er die Haderthauers erst in deren Privathaus und ging dann mit beiden zum Essen in ein Ingolstädter Restaurant. Dort habe ihm Christine Haderthauer – bei Alkohol, der den Psychiatrie-Insassen bei Ausflügen ausdrücklich verboten ist – das Du angeboten.

Die CSU-Politikerin hatte dagegen Anfang August 2014 auf Facebook geschrieben, sie sei „niemals mit Herrn R. S. essen gewesen“. Vor dem Bayerischen Landtag sagte sie später, sie könne sich nicht mehr daran erinnern.

Als die Modell­auto-Affäre dann in die Medien kam, bekam Roland S. in der Psychiatrie drei anonyme Anrufe: „Der Anrufer sagte, ich solle doch, wenn mir was an meiner Zukunft liegt, die Finger vom obersten Landesarzt lassen.“ Er habe gewusst, dass damit Hubert Haderthauer gemeint sei. „Das hat sich nicht nach einem Scherz angehört“, so der 76-Jährige.

Brisant ist auch, dass der pedantische Modellbauer über alle Ausgaben und Werkzeug-Teile für die Autos fein säuberlich Buch führte. Diese für die Haderthauers möglicherweise belastenden Unterlagen musste Roland S. abgeben – und sie sind dann 2008 aus dem Sozialministerium verschwunden. Das Ministerium war damals noch unter Haderthauers Leitung!

Ein Bentley-Modell, das eigentlich für einen anderen Kunden gedacht war, habe Hubert Haderthauer per Flugzeug persönlich zu VW-Chef Ferdinand Piëch gebracht. „Manchmal war die Farbe kaum trocken, so eilig hat es Haderthauer gehabt, an die Modelle zu kommen.“

Die Aussage von Roland S. wirft aber nicht nur auf die Haderthauers ein schlechtes Licht, sondern auf die gesamte bayerische Psychiatrie: Denn Roland S. macht deutlich, dass es trotz entsprechender Bitten keinerlei Therapie im BKH Ansbach gab. Erst 2014 habe er – nach 25 Jahren Maßregelvollzug – seinen ersten Therapieplan bekommen.

Krumme Geschäfte in der Psychiatrie

Unter den Zuschauern im Haderthauer-Untersuchungsausschuss war auch Gustl Mollath, der zwischen 2006 und 2009 der Zellen-Nachbar von Roland S. im Bezirkskrankenhaus Straubing war.

Wollten Sie damals im Modellbau-Team mitmachen?

Gustl Mollath: Ja, weil ich mich für Autos begeistere, hatte ich entsprechende Anträge gestellt. Aber es wurde abgelehnt. Über die Gründe kann ich nur spekulieren: Wenn man nicht spurt, wenn man nicht tut, was die Anstaltsleitung will, bekommt man das zu spüren.

Roland S. bekam große Freiheiten in der Forensik…

Gustl Mollath: Das wird in diesem Psychiatrie-System nach Gutsherrenart entschieden. Mit einem Mann, den die Gutachter als „höchstgefährlich“ einstufen, gemütlich essen gehen? Was ist das für ein Rechtsstaat. Das zeigt, dass die Psychiatrie ein rechtsfreier Raum ist: Sie behaupten, sie wollen das Beste für die Patienten – aber wir sind nur Dreck für sie.

Wann haben Sie davon gehört, dass die Familie Haderthauer bei den Modellautos mit drin steckt?

Ex-Psychiatriepatient Gustl Mollath.

Gustl Mollath: Erst 2008 habe ich im BKH Straubing entsprechende Gerüchte gehört. Aber diese Geschäfte sind kein Einzelfall: In Straubing gab es auch einen Angelhaken-Betrieb. Der Straubinger Chefarzt Bernd Ottermann ist begeisterter Hobby-Angler. Diese speziellen Haken fürs Fliegenfischen werden für bis zu 60 Euro pro Stück verkauft! Selbst am Wochenende mussten die Patienten dafür schuften!

Christine Haderthauer sagt, bei den Modellautos ging es um „Idealismus“, nicht ums Geld…

Gustl Mollath: Vielleicht glaubt sie das selber wirklich. Andere nennen das Wahnvorstellung.

Glauben Sie, dass der Fall Konsequenzen haben wird?

Gustl Mollath: Ich fürchte: Nein. Ich bin überzeugt, dass alles getan wird, die Wogen zu glätten. Und dann wächst schnell Gras über diese Haderthauer-Affäre. Die Kohlsche Aussitz-Methode ist immer noch sehr erfolgreich.

Klaus Rimpel

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