Seehofers Wut-Rede: Deswegen kam sie ins TV

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Horst Seehofer wurde wütend

Berlin - Normalerweise kommt ein "Interview nach dem Interview" nicht ins Fernsehen - Horst Seehofers Wut-Rede wurde aber doch gesendet. Weshalb?

Die katastrophale Niederlage des CDU-Wahlkämpfers Norbert Röttgen war der Tropfen, der das Fass bei Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zum Überlaufen brachte: Am Montagabend nutzte der CSU-Chef das Interview im Heute Journal, um seinem Frust über die schwarz-gelbe Regierungsarbeit in Berlin Luft zu machen. „Wir sollten etwas nicht schönreden, was nicht schön ist“, grollte Seehofer aus München. Er wolle den Erfolg der Koalition und „keinen Ärger machen“, aber die Union müsse sich mehr in Richtung 40 Prozent bewegen und nicht Richtung 30 Prozent. Nach der Aufzeichnung des offiziellen Interviews, rund fünfeinhalb Minuten lang, aber brach es richtig aus Seehofer heraus, er wurde deutlicher und emotionaler. Claus Kleber habe ihn ein bisschen angestachelt, erklärte Seehofer am Dienstag seine Einwilligung, das inoffizielle Gespräch auch zu veröffentlichen. „Als ich den Eindruck hatte, er spricht mir den Mut ab, habe ich gesagt: Senden Sie’s.“

Deshalb kam der Nachschlag ins TV

Claus Kleber, Moderator des Heute Journal, landete am Montagabend einen Coup der Superklasse. Schon im „normalen“ vor der Sendung aufgezeichneten Interview sparte CSU-Chef Horst Seehofer nicht mit Kritik an der Berliner Koalition, gegenüber dem CDU-Wahlverlierer Norbert Röttgen hielt er sich aber zurück. Immerhin waren seine Aussagen deftiger als das, was die Moderatoren oft trotz gewitzten Fragen aus ihren Polit-Gesprächspartnern herauslocken können.

Wie die Zuschauer bei dieser speziellen Ausgabe des Heute Journals erfuhren, sind die Interviewten vor und nach dem offiziellen Frage-Antwort-Spiel häufig offener, ihre Antworten interessanter. Das war auch bei Seehofers Klagen über sein Leiden an der Koalition im Allgemeinen und Röttgen im Besonderen so. Und weil Claus Kleber die Eingebung hatte, Seehofer am Ende des Nachgesprächs auf diesen Umstand hinzuweisen, gab der seinen Segen zur Veröffentlichung. Die Kamera war mitgelaufen, was sie bei solchen Nachklapps laut einem ZDF-Sprecher nicht routinemäßig tut.

Ob es nun von Seehofer listig geplant war, diese Unterhaltung auch freizugeben, wird man wohl nie herausfinden.

Seehofers Facebook-Party in Bildern

Seehofers Facebook-Party in Bildern

„Nicht nachtreten, wenn einer am Boden liegt!“

Bei der CDU in Nordrhein-Westfalen kam Seehofers Schimpftirade denkbar schlecht an. „Ich wünsche Horst Seehofer, dass er in einer Niederlage nie so von anderen Landesverbänden behandelt wird, wie er im Moment die CDU behandelt“, so der Vize der Landes-CDU, Armin Laschet. Der Berliner CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach rügt die Schärfe der Attacken: „Wenn jemand am Boden liegt, sollte man ihm die Hand reichen und nicht noch nachtreten.“ Außerdem: „Das nützt der Union nicht. Diese Art des Umgangs wird von außen genau beobachtet.“ Seehofer habe allerdings recht damit, dass man nach dieser krachenden Niederlage nun nicht zur Tagesordnung übergehen könne.

Das findet auch CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt, die sich in der Kritik an der Arbeit der schwarz-gelben Koalition in Berlin hinter ihren Parteichef stellt. „Horst Seehofer hat vollkommen recht“, sagte sie der Rheinischen Post.

Auch der Münchner CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer lobte gegenüber der tz den Auftritt des CSU-Chefs: „Horst Seehofer hat den richtigen Ton getroffen. Nicht wenige in der CSU treibt die Sorge um, wie die CDU das große bürgerliche Potenzial mobilisieren kann.“

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Thomas Silberhorn meinte zur tz: „Es lässt die CSU nicht unberührt, wenn die CDU im bevölkerungsreichsten Bundesland derart abschmiert. Die CSU hat nach der missglückten letzten Landtagswwahl sehr wohl Klartext geredet – das muss die CDU nun auch, denn mit den Konsequenzen muss die ganze Union leben.“

Peter Altmaier, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU, wertete Seehofers Interview als „Beitrag zur Transparenz“. Die Partei müsse die „offenen Worte“ des CSU-Chefs, die er in „erfrischender Weise“ präsentiert habe, aushalten können.

BW/KR

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