Verkauft, geschlagen, vergewaltigt

Shirin im tz-Interview: "Ich war Sklavin des IS"

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Mutig: Shirin hat ihre Erfahrungen aufgeschrieben.

München - Shirin geriert in die Fänge des IS, wurde missbraucht, geschlagen, verkauft. Den Horror, den sie erlebte, hielt sie in einem Buch fest. Die tz traf die junge Jesidin in München.

Sie wirkt so unschuldig, so kindlich. Die irakische Jesidin Shirin begrüßt uns mit schwachem Händedruck und scheuem Blick. Man glaubt diesem Mädchen sofort, dass es mit seinen damals 17 Jahren noch dachte, Babys würden beim Küssen gezeugt. Doch am 3. August 2014, als die IS-Terrormiliz ihr Dorf im nord­irakischen Sindschar-Gebirge überfiel, wurde Shirin diese Unschuld geraubt. Sie wurde von einem übelriechenden, ungepflegten IS-Kämpfer an den anderen weiterverkauft, geschlagen, vergewaltigt. Als Shirin dann schwanger wurde, trieb sie ihr Baby ab, indem sie so lange schwere Steine schleppte, bis das Ungeborene blutend abging. Die heute 19-Jährige hat die Kraft gefunden, diesen Horror in einem Buch zu erzählen – so detailliert, dass selbst das Lesen schon schmerzhaft ist.

Seit Juli 2015 lebt sie mit 16 ebenfalls traumatisierten Jesidinnen in einer Wohngruppe in Baden-Württemberg. Die tz traf die 18-Jährige in München – und erlebte eine junge Frau, die noch das Grausamste unglaublich tapfer erzählte – die jedoch mit den Tränen kämpfte, als sie über ihre Mutter und ihre Geschwister sprach, die noch immer in den Fängen des IS leiden müssen.

Unter den IS-Kämpfern waren arabische Nachbarn, mit denen Sie als Kind zusammen gespielt hatten. Warum haben diese Kindheitsfreunde den Jesiden nicht geholfen?

Shirin: Meine Nachbarn waren Sunniten, die im Irak sehr lange unterdrückt worden sind. Das hat ihren Hass genährt. Als sie die Chance sahen, sich für die Demütigungen durch die Regierung zu rächen, haben sie sich dem IS angeschlossen. Auch uns Jesiden gegenüber hat schon seit langem Hass in ihren Herzen gelodert. Sie haben früher zwar mit uns gelacht – aber hinter diesem Lachen hat etwas Falsches gesteckt. Die Sunniten haben unsere jesidische Religion nie anerkannt.

Es waren aber letztlich auch Sunniten, die Sie gerettet haben…

Shirin: Ich habe das Buch geschrieben, um zu zeigen, dass der IS böse ist – nicht der Islam. Unter den Muslimen gibt es viele gute Menschen, die uns gegen den abartigen, schlechten IS geholfen haben. Nicht alle Muslime sind gleich! Die IS-Kämpfer sind religiöse Fanatiker, die den Namen Gottes in den Mund nehmen und dabei schreckliche Dinge tun. Wie kann man im Namen Gottes Menschen töten?

Kurdische Peschmerga-Kämpfer bewachten Ihr Dorf zunächst. Doch sie liefen davon, als der IS kam. Ahnten Sie da schon, welcher Horror den Jesiden bevorstehen würde?

„Ich bleibe eine Tochter des Lichts: Meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen“ von von Alexandra Cavelius und Kizilhan Jan, 18,99 Euro, Europa-Verlag.

Shirin: Ich hatte niemals damit gerechnet, dass so etwas Schreckliches passieren könnte. Erst kam die Trennung von meiner Mutter, dann die Schläge. Dann habe ich versucht, mich selbst zu töten. Immer wenn ich dachte, es kann nicht mehr schlimmer werden, wurde es noch schlimmer. Ich wurde vergewaltigt. Es war nicht nur das, was diese Männer da mit mir gemacht haben, sondern es war solch eine Demütigung! Ich fühle mich so schmutzig, so furchtbar schmutzig. Ich frage mich, ob ich noch die alte Shirin bin? Ich weiß nicht, ob ich jemals die Gesichter dieser Männer vergessen kann. Aber das Schlimmste für mich war, dass ich immer Angst um meine Mutter, meinen Vater und meine Geschwister haben musste. Ihr Leben geht vor meinem, sie haben mich großgezogen!

Sie beschreiben im Buch, wie Sie es trotz der Gefahr mit Tricks schafften, zumindest den ersten der IS-Männer vom Missbrauch abzuhalten. Woher nahmen Sie diesen Mut?

Shirin: Von Gott. Und von dem Gedanken, dass ich meine Mutter eines Tages wiedersehen möchte. Das hat mich davon abgehalten, mich zu töten. Es ist seltsam: Während der Gefangenschaft hatte ich gar keine so große Angst vor diesen Männern – aber heute erkenne ich diese mutige Shirin von damals nicht mehr wieder. Wenn ich heute in Deutschland einen bärtigen Mann sehe, überkommt mich panische Angst und ich wechsle die Straßenseite. Wenn ich einen deutschen Bus sehe, erinnert mich das an die Busse, in denen wir verschleppt wurden.

Wie schafften Sie es, freizukommen?

Shirin: Neun Monate war ich in Gefangenschaft. Befreit wurde ich durch einen Sunniten, der letzte von vier „Ehemännern“. Er sagte, ich solle ihm vertrauen, er wolle mir helfen und selbst fliehen. Zunächst weigerte ich mich, weil ich nicht wieder von meiner Mutter getrennt werden wollte. Aber Mutter redete mir zu, ihn nach den Regeln des Islamischen Staates zu heiraten – eine Scheinehe, er rührte mich nie an. Gemeinsam flohen wir dann aus dem vom IS kontrollierten Gebiet ins Kurdengebiet. Es war eine lange, beängstigende, gefährliche Flucht…

Wie geht es Ihrer Familie?

Shirin: Anfangs wusste ich gar nicht, was aus ihnen geworden ist, sie waren unauffindbar. Aber vor einigen Wochen erfuhr ich von einem Bekannten, der aus dem IS-Gebiet fliehen konnte, dass meine Mutter in der IS-„Hauptstadt“ Rakka ist. Sie lebt, aber wie es ihr geht, weiß ich nicht. Meine jüngeren Geschwister wurden ihr entrissen … Mein Vater lebt in einem Flüchtlingscamp im Nord­irak – ich telefoniere jeden zweiten Tag lange mit ihm. Er sagt: Shirin, so lange es dir gut geht, bin ich noch am Leben …

Wie sollte man die IS-Milizen bekämpfen?

Shirin: Es ist so schrecklich, dass ein paar Primitivlinge den Irak und Syrien derart zerstören konnten. Sie nehmen unsere Buben und machen sie durch Gehirnwäsche zu Kriegern. Sie verkaufen unsere Frauen wie Sklaven, verdienen viel Geld mit diesem Missbrauch. Es geht um Religion, um Macht und Geld. Wenn jetzt nicht alle Staaten zusammenhalten und sie stoppen, dann kommt dieser Krieg auch nach Europa!

Wie belastend war die Arbeit an dem Buch?

Shirin: Es war schrecklich, diese Vergewaltigungen und Demütigungen so detailliert noch einmal zu erzählen, meine Peiniger zu beschreiben. Aber am Ende empfand ich es als Befreiung, endlich darüber reden zu können, meinen Tränen freien Lauf zu lassen und den Schmerz zuzulassen.

Interview: Klaus Rimpel

IS-Sklaven-Leitfaden

Aus dem offiziellen ISIS-Handbuch „Fragen und Antworten über Gefangene und Sklaven“ des Fatwa-Beirats:

Ist Sex mit einer Sklavin erlaubt?

Ja. „Allah der Allmächtige sagt: Erfolgreich sind die Gläubigen, die ihre Keuschheit bewahren, außer von ihren Ehefrauen oder von solchen, die sie von Rechts wegen besitzen, Gefangene und Sklaven, denn dann sind sie frei von Schuld.“ (Koran 23:5-6).

Darf es direkt nach der Gefangenschaft zum Sex mit den Sklavinnen kommen? 

Wenn die Sklavin noch Jungfrau ist, ist Sex erlaubt. Ist sie jedoch keine Jungfrau, muss ihre Gebärmutter zunächst gereinigt werden.

Können zwei Schwestern als Sklavinnen gehalten werden?

Ja, allerdings darf man nicht mit beiden Sex haben.

Dürfen Sklavinnen geschlagen werden?

Sklavinnen dürfen aus disziplinarischen Gründen geschlagen werden. Es ist allerdings nicht zulässig, diese aus Genugtuung zu foltern. Zudem ist es nicht erlaubt, die Sklavinnen ins Gesicht zu schlagen.

Ist es erlaubt, Geschlechtsverkehr mit einer weiblichen Sklavin zu haben, die noch nicht die Pubertät erreicht hat?

Es ist erlaubt, Geschlechtsverkehr mit einer weiblichen Sklavin zu haben, wenn sie körperlich bereit dafür ist. Ist sie allerdings noch nicht bereit, sollte es reichen, sie ohne Geschlechtsverkehr zu genießen.

tz-Stichwort Jesiden

Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. 450.000 der 550.000 irakischen Jesiden sind heute auf der Flucht. Zehntausende Frauen wurden wie Shirin versklavt, zehntausende Männer hingerichtet. Die Jesiden glauben an den Erzengel Taus-i-Melek, der sich als einziger der sieben Erzengel weigerte vor Adam, dem ersten Menschen, niederzuknien. Für die Jesiden ist dieser Engel deshalb der höchste – er blieb als einziger allein Gott treu. Da es aber Ähnlichkeiten zum gefallenen Engel Iblis – dem Satan – im Koran gibt, glauben die IS-Fanatiker, die Jesiden seien Teufelsanbeter. Weltweit gibt es rund 880.000 Jesiden, davon leben 100.000 in Deutschland, 4000 allein in München.

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