Sozialreport: Die wichtigsten Antworten

Wer arm ist, stirbt früher

München - Klingt zynisch, ist aber zutreffend: „Arme sterben früher,“ so spitzt Roland Habich vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung eines der erschreckenden Ergebnisse des Sozialreportes 2013 zu.

Die Daten, die darin über die soziale Lage im eigentlich reichen Deutschland Auskunft geben, lassen keinen Zweifel daran zu, dass sich Armut unmittelbar auf die Lebenserwartung auswirkt. Laut Studie ist das Armutsrisiko der 55- bis 64-Jährigen in Deutschland deutlich gestiegen. Trotz des anhaltenden Beschäftigungsbooms – 2012 hatten mit 41,5 Millionen Personen fast drei Millionen mehr eine bezahlte Arbeit als 2007 – sind mehr Menschen von Armut bedroht als 2007, vor allem Frauen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Wie groß ist der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen arm und gut verdienend? 

Die mittlere Lebenserwartung von Männern der niedrigsten Einkommensgruppe liegt bei der Geburt fast elf Jahre unter der von Männern der hohen Einkommensgruppe! In absoluten Zahlen heißt das: Werden bedürftige Männer durchschnittlich 70,1 Jahre, leben reiche Männer etwa 80,9 Jahre. Laut Statistik-Zahlen der CIA aus diesem Jahr entspricht damit die Lebenserwartung armer Männer in Deutschland in etwa der Lebenserwartung der Bevölkerung in Honduras, Bangladesch oder dem Iran. Bei Frauen beträgt der Unterschied acht Jahre.

Wie viele Deutsche sind von Armut bedroht? 

Der Anteil ist von 15,2 Prozent im Jahr 2007 auf 16,1 Prozent im Jahr 2011 gestiegen. Das entspricht 13 Millionen Menschen. Im Vergleich zu 2010 erhöhte sich die Zahl der Betroffenen um ca. 200 000. Als bedenklich sehen die Autoren die Tatsache an, dass sich Armut mehr als früher „verfestigt“: Fast 81 Prozent der Personen, die 2011 unter dem Grenzwert lagen, waren bereits in den vorangegangenen vier Jahren betroffen. Fast 40 Prozent sind dauerhaft arm. Im Jahr 2000 lag die Quote bei 27 Prozent.

Ab welchem Einkommen gilt man als arm? 

2011 galt derjenige als arm, der weniger als 980 Euro im Monat zur Verfügung hatte. Betroffen sind hauptsächlich Menschen in „atypischen Beschäftigungsverhältnissen“: befristeter oder Teilzeitbeschfätigung unter 21 Stunden, mit Minijobs oder in Zeit- und Leiharbeit.

Wie verteilt sich die Gefahr auf verschiedene Altersgruppen? 

Bei den 55- bis 64-Jährigen erhöhte sich das Armutsrisiko von 17,7 (2007) auf 20,5 Prozent (2011). Die Rentenansprüche von Neurentnern der unteren Einkommensschichten sind nach Darstellung von Mitautor Roland Habich seit mehr als 20 Jahren im Sinkflug (sihe auch OECD-Bericht unten) Auch unter den 18- bis 24-Jährigen gilt jeder Fünfte als armutsgefährdet. Diese Zahl hat sich seit 2007 kaum verändert.

Welche Haushalte sind betroffene Haushalte?

Am stärksten betroffen sind mit großem Abstand die Haushalte von Alleinerziehendenen. 38,8 Prozent und damit weit mehr als ein Drittel der Elternteile und Kinder solcher Haushalte haben zu wenig Geld zur Verfügung. Die Quote steigt an: Im Jahr davor waren es 37,1 Prozent. Wie geht es Menschen mit Mitgrationshintergrund? Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, betont, mit 21,5 Prozent seien Menschen mit Migrationshintergrund nahezu doppelt so häufig von Armut betroffen wie jene ohne Migrationshintergrund. Aufgrund von Zuwanderung würden die Zahlen mittelfristig sicher steigen, prognostizierte Krüger.

Wie ist die Situation bei der Kinderarmut? 

Hier ist die Entwicklung positiv. Sie ist von 14 Prozent zwischen 2000 bis 2002 auf 12,8 Prozent zwischen 2009 und 2011 gesunken.

BW

Schlusslicht bei Renten

Geringverdiener sind in Deutschland stärker als in vielen anderen Industriestaaten von Altersarmut bedroht. Dies geht aus dem neuen OECD-Rentenbericht hervor, der die Entwicklung in 27 wichtigen Industrieländern vergleicht. Besonders für Menschen, die nicht ihr ganzes Leben durchgängig voll gearbeitet haben, wird es immer schwieriger, mit dem Geld aus der Rentenversicherung über die Runden zu kommen, heißt es. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit gering, dass Geringverdiener privat Altersvorsorge betreiben können.

Wer nur die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens verdient, wird im Alter netto auch nur noch 55 Prozent seiner heutigen Bezüge erhalten. Das sei weniger als in allen anderen Industrienationen, rechnet der Rentenbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor. Ein Grund dafür ist die Abhängigkeit der Rentenhöhe von Versicherungsjahren und Beitragshöhe in Deutschland. Andere Staaten hätten bei der Alterssicherung Umverteilungssysteme zugunsten von Geringverdienern eingeführt. In Deutschland waren diese Anfang der 1990er Jahre abgeschafft worden.

Für künftige Rentner gelte aber auch anderswo die Formel: „Länger arbeiten, mehr sparen.“ Die Wirtschaftskrise habe in der Mehrzahl der OECD-Mitgliedsländer Reformen der Alterssicherung beschleunigt. Fast überall sei das Renteneintrittsalter nach hinten verschoben worden. 67 Jahre seien als Zielzahl inzwischen in den meisten Staaten Standard. Zugleich würden künftigen Rentnergenerationen nur noch niedrige Einkommen versprochen – auch um die Folgen des demografischen Wandels und der höheren Lebenserwartung für die Rentenkassen abzufedern. Durch einen längeren Verbleib im Erwerbsleben (Rente mit 67) kann laut OECD nur ein kleiner Teil dieser Verluste ausgeglichen werden.

Anders als in vielen Industriestaaten profitiert in Deutschland mit rund 50 Prozent nur ein relativ kleiner Teil der Rentner von Wohnungseigentum (OECD-Schnitt: 76 Prozent). Nach OECD-Berechnungen kommen in Deutschland ähnlich wie in den meisten Staaten etwa 17 Prozent der Alterseinkünfte aus Kapitaleinkünften – meist privaten Zusatzrenten und Lebensversicherungen.

Rubriklistenbild: © dpa

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