So lief der Rauswurf von Norbert Röttgen

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Norbert Röttgen hatte am vergangenen Mittwoch seine letzte Kabinettssitzung.

München - Es war ein Paukenschlag mit Riesennachhall: Das erste Mal während ihrer Amtszeit hat Bundeskanzlerin Merkel mit Norbert Röttgen einen Minister hochkant hinausgeworfen. Wir erklären den Rauswurf und die Folgen:

Am Mittwochvormittag durfte er ein letztes Mal noch an den Berliner Kabinettstisch, am Nachmittag war der 46-Jährige seinen Job los. Seitdem ist Röttgen untergetaucht. Richtig Auftrieb brachte die Aktion der Kanzlerin dennoch nicht: Teile der Union meckern, Teile der Opposition sehen die Union am Ende und fordern Neuwahlen. Die tz erklärt Röttgens Rauswurf und die Folgen:

Wie hat Kanzlerin Angela Merkel Röttgens Rauswurf begründet?

Offiziell spielte der CDU-Absturz auf 26,3 Prozent bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen keine Rolle. Bei ihrer Erklärung verwies Merkel darauf, dass Röttgen als Umweltminister die Grundlagen für die Energiewende geschaffen habe. „Aber wir haben noch ein Stück Arbeit vor uns.“ Für die noch erforderlichen „großen Anstrengungen“ brauche das Umweltministerium einen „personellen Neuanfang“. Am Montag allerdings hatte Merkel zu dem Thema noch gesagt: „Die Kontinuität der Aufgabenerfüllung ist notwendig, um die Energiewende vernünftig gestalten zu können.“

Aufgestiegen - und unter Merkel abgestiegen: Röttgen ist kein Einzelfall

Aufgestiegen - und unter Merkel abgestiegen: Röttgen ist kein Einzelfall

Hat Röttgen die Energiewende wirklich versemmelt?

Es gab zumindest Anfang Mai heftige Kritik aus der Wirtschaft an der Bundesregierung. Vor und auf dem Energiegipfel bemängelten die Industrievertreter etwa den schleppenden Ausbauplan für zusätzliche Leitungen, um Öko-Strom von Norden nach Süden zu bekommen, sowie den Ausbau von Gaskraftwerken. Dazu kamen politische Angriffe auf Röttgen persönlich: Sein Plan zur Kürzung der Solarförderung ging nicht durch - weil Schwarz-Gelb im Bundesrat dafür keine Mehrheit fand.

Gibt es also noch einen anderen Grund?

Aus Merkels Umfeld hieß es, dass die Kanzlerin hinter verschlossenen Türen über Röttgen regelrecht getobt habe: Besonders darüber, dass er die NRW-Wahl mit zur Abstimmung über Merkels Euro-Politik erklärt hatte. Damit habe er die Schuld für die erwartete Niederlage auf die Kanzlerin gelenkt.

Warum gab es keine persönliche Erklärung Röttgens?

Das zeigt das große Zerwürfnis zwischen Merkel und Röttgen. Die Kanzlerin legte ihm am Dienstag den Rücktritt nahe. Doch der war sich Regierungskreisen zufolge keiner Schuld bewusst. Deshalb machte Merkel am Mittwoch von ihrem Recht Gebrauch, Röttgen zu entlassen. Zuvor ließ sie den Minister aber noch kreidebleich zur Kabinettssitzung anreisen. Danach erklärte sie ihm und anschließend der Presse Röttgens Rauswurf.

Die Bundesregierung: Merkel und ihre Minister

Die Bundesregierung: Merkel und ihre Minister

Spielte Seehofers Wut-Interview im ZDF eine Rolle?

Offiziell nicht. Aber der CSU-Chef befeuerte mit seinen zunächst nur für den Interviewer bestimmten, offenen Worten Röttgens Rauswurf. Politikberater Michael Spreng sieht das allerdings anders: „Röttgen wurde geopfert, weil er nach der Kritik von CSU-Chef Seehofer als Minister nicht mehr tragbar war. Seehofer hätte keine Ruhe gegeben.“ Seehofer hatte Röttgen vorgeworfen, sich nicht voll für NRW entschieden und so die Union insgesamt gefährdet zu haben. Nach Röttgens Rauswurf erklärte Seehofer, es habe „Handlungsbedarf bestanden“.

Ist die Union jetzt erleichtert?

Nein, statt Ruhe gibt es neues Rumoren: Der Umweltausschuss-Obmann Josef Göppel schimpft Richtung Merkel: „So darf man in einer Partei mit dem C im Namen nicht miteinander umgehen.“ Bundestagspräsident Norbert Lammert nannte die Entscheidung bedauerlich „für das Ressort und auch für die Partei“. Röttgen habe immerhin schon mit seinem Rücktritt als NRW-Landeschef sofort Konsequenzen gezogen. NRW-CDU-Generalsekretär Oliver Wittke konnte nicht verstehen, dass Röttgen bis Sonntag als „der hervorragende Umweltminister galt, der er war“ und drei Tage später entlassen wurde.

Warum hat Merkel Peter Altmeier befördert?

Er ist ein enger Vertrauter und gilt als willige wie auch starke Allzweckwaffe: So ließ sie ihn öffentlich Bundespräsident Christian Wulff gegen die Vorwürfe in der Kreditaffäre verteidigen - bis er am Schluss über Twitter verkündete, dass er das jetzt nicht mehr kann.

Wann wurde zuletzt ein Minister gefeuert?

Normalerweise bewegt ein Bundeskanzler Minister dazu, selbst ihren Rücktritt zu erklären. In dieser Art wie bei Röttgen gab es einen Rauswurf zuletzt nur bei Rudolf Scharping, als Gerhard Schröder den Verteidigungsminister am 19. Juli 2002 feuerte. Grund waren Geschäfte mit einer PR-Agentur und Fotos, wie sich Scharping im Swimmingpool mit seiner Lebensgefährtign vergnügte, während Bundeswehr-Soldaten kurz vor dem ersten Auslandseinsatz standen.

Was sagt die Opposition?

Die SPD sieht im Abgang von Merkels einstigem Vertrauten einen Beleg für den „maroden Zustand“ der schwarz-gelben Bundesregierung. „Wie Röttgen nun von den eigenen weggemobbt wurde, beweist, welches Klima in der Koalition mittlerweile herrscht.“

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