Trostlose Atmospähre in Manching

So schiebt Bayern ab: tz-Besuch im Balkanzentrum

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tz-Reporterin Jasmin Menrad im Gespräch mit den Asylbewerbern.

Manching/Ingolstadt - Die tz hat das Abschiebe- und Balkanzentrum in Manching besucht. Die Menschen hoffen dort trotz ihrer aussichtslosen Lage weiterhin auf eine positive Bescheidung ihres Asylantrags.

Agrton Z. (42) und Besnik H. (38) sollen Deutschland verlassen. Die bayerische Regierung will es ihnen so ungemütlich wie möglich machen – sagen die beiden Männer (Namen geändert) aus dem Kosovo. Seit Dezember sind sie in Bayern. Am 5. Dezember 2015 kommen zwei Busse zu den Containern in Berg am Laim, in denen sie ein Jahr lang gelebt haben und fahren sie mit 80 Asylbewerberm aus dem Balkan nach Ingolstadt. 

Beim Designer-Outlet Ingolstadt Village kommen sie in eine Außenstelle des Ankunfts- und Rückführungszentrums Manching. In bunten Containern leben hier 260 Asylbewerber und warten auf ihre Abschiebung. Bisher wurde kein einziger Antrag positiv beschieden. „Wir gehen nicht freiwillig, eine winzige Chane haben wir“, sagt Besnik H. Seine Anfrage auf eine Sondergenehmigung, um arbeiten zu gehen wurde sofort abgelehnt. 

Die Bewohner der Abschiebecamps werfen der Regierung vor, dass man es ihnen so schwer wie möglich machen möchte – bis sie freiwillig gehen. „Wasserkocher, Kaffeemaschine, Fernseher, Radio: Uns wurden alle Geräte außer dem Handy abgenommen“, behauptet Agron Z. Die Regierung sagt zuerst: Niemandem wird etwas abgenommen. Dann: Wasserkocher und Kaffeemaschine wegen der Brandgefahr. Dann: Manche Fernseher und Radios, weil es sonst zu Kurzschlüssen kommt. 

Die Regeln im Camp sind streng: Verderbliche Produkte wie Fleisch und Milch sind verboten. Gegessen wird, was auf den Kantinentisch kommt. Eine Küche oder Kühlmöglichkeiten gibt es nicht. „Mütter können Babynahrung im Camp nicht warmmachen“, sagt Agrton Z. Jeder, der das Camp verlässt, muss sich in eine Liste eintragen und wird wieder ausgetragen, wenn er zurückkommt. So bleibt der Regierung und den Sicherheitsleuten auch das Treffen mit der tz-Reporterin nicht verborgen. Rein kommt niemand. Auch die Lehrerin nicht, die Besnik H.s Kinder besuchen möchte. In München hat sie die Kinder täglich unterrichtet. 

Vizeregierungspräsidentin Maria Els.

Als der Kosovo-Krieg 1997 ausbrach, war Besnik schon mal in Deutschland. Drei Monate war er in einer Asylbewerberunterkunft, dann fand er eine eigene Wohnung und arbeitete acht Jahre lang als Koch. Jetzt hofft er, dass er, seine Frau und seine drei Kinder hier bleiben dürfen. Zwischen acht und zwölf sind sie und damit auch in Deutschland schulpflichtig. Bis zum ersten Unterricht dauert es lange. „Wir hatten Probleme mit dem Busshuttle zur Kaserne, wo der Unterricht ist“, sagt Vizeregierungspräsidentin Maria Els. 150 Kinder leben in den vier Abschiebelagern. Für sie gibt es drei Lehrer. Deutsch lernen sie nicht. „Die Prioritäten sind anders gesetzt als in einer regulären Erstaufnahmeeinrichtung. Hier geht es nicht um Integration“, erklärt Els. 

Ein Zimmer in der Max-Immelmann-Kaserne.

Zwei verbundene Zimmer teilen sich jeweils ein Bad. „Familien bleiben zusammen, deshalb sind auch nicht alle Betten belegt“, sagt Els. Das Camp gibt’s erst seit Dezember. Sauber und geordnet geht es hier zu. Wer abgeschoben wird, erfährt das in der Früh gegen 6 Uhr. Dann kommen die Polizeibeamten. 70 Prozent reisen freiwillig aus. „Wir drängen niemanden. Die Menschen kommen auf uns zu, weil sie nach Hause möchten, und wir zeigen ihnen die Möglichkeiten auf. Die Gründe sind unterschiedlich: Die Kinder sollen ihren Abschluss machen, die Mutter daheim ist krank, oder die Asylbewerber sehen realistisch, dass sie hier keine Chance haben“, sagt Els. „Ich weiß nicht, was ich im Kosovo machen soll“, sagt Agrton Z. Er war Dolmetscher bei den Amerikanern. Dolmetscher werden im Kosovo nicht mehr gebraucht. Von 143 Euro deutschem Taschengeld leben im Kosovo seine Frau und drei Kinder. 

Während sie erzählt, kicken die Kleinen mit einer Betreuerin auf dem Hof: Fußball, Tanzen und Basteln sollen eine Tagesstruktur schaffen. Bespaßung statt Integration – damit sie Deutschland verlassen können.

Daten & Fakten zur Abschiebepraxis in Bayern

In den Ankunfts- und Rückführungseinrichtungen (ARE) in Manching und Ingolstadt sind ausschließlich Asylbewerber aus den Balkanstaaten Albanien, Bosnien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und dem Kosovo, die eine sehr geringe Bleibeperspektive haben. Alle Behörden, die mit der Entscheidung über einen Asylantrag zu tun haben, sind hier gebündelt: Die Regierung von Oberbayern mit der Ausländerbehörde, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und das Verwaltungsgericht München für Einsprüche gegen abgelehnte Bescheide vor Ort sind. So soll das Verfahren beschleunigt werden.

  • Die Asylbewerber sind entweder bereits länger in Bayern oder Neuankommende werden im Ankunftszentrum München registriert und medizinisch gescreent. Das bundesweite Verteilungssystem EASY prüft, ob Bayern zuständig ist. Dann geht‘s in eines der Balkanzentren oder in eineAußenstelle. 
  • Der Asylantrag wird im Balkanzentrum beim BAMF gestellt. Das legt gleich eine Akte an, vereinbart rasch einen Anhörungstermin und entscheidet danach über den Asylantrag. 
  • Bei der Rechtsantragsstelle kann der Asylbewerber bei einer Ablehnung Widerspruch einlegen. Binnen zwei Wochen wird im Eilverfahren über den Widerspruch entschieden. 
  • Einzeln oder gesammelt werden die abgelehnten Asylbewerber rasch abgeschoben. Sie haben aber auch jederzeit die Möglichkeit, sich bei der Ausländerbehörde beraten zu lassen und freiwillig auszureisen. 
  • 3623 Asylanträge von Menschen aus dem Balkan sind in Bayern derzeit in Bearbeitung. 
  • Seit 1. September sind 939 Menschen aus dem Balkanzentrum in Manching in ihre Heimatländer zurückgekehrt. 278 wurden abgeschoben, 661 gingen freiwillig. 
  • An vier Standorten soll es rund um Manching irgendwann 2900 Plätze für Menschen vom Balkan geben. Derzeit sind es 770 Asylbewerber. 
  • 143 Euro Taschengeld erhält jeder Erwachsene monatlich. 
  • In ganz Deutschland wurden im Januar 883 Asylbewerber registriert.

Idomeni wird geräumt

Kinder im Flüchtlingslager von Idomeni.

Die griechische Regierung will bis zum Wochenende die beiden großen provisorischen Flüchtlingslager im Hafen Piräus sowie bei Idomeni (Bild) an der Grenze zu Mazedonien räumen. Die Migranten würden in arabischer Sprache aufgefordert, mit bereitgestellten Bussen in die offiziellen Auffanglager zu fahren, meldete das Staatsfernsehen (ERT). Reporter vor Ort berichteten am Dienstag jedoch, Aktivisten rieten den Flüchtlingen, den Aufforderungen nicht zu folgen. Im Überseehafen Piräus leben noch 5000, in Idomeni 12 000 Migranten. Bisher sind nur wenige bereit, sich innerhalb Griechenlands umsiedeln zu lassen.

Jasmin Menrad

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