Interview mit Politologin Münch

„Schadet massiv“: Expertin warnt Union vor Wahlflop und nimmt Söder ins Visier - „Kein fairer Wettbewerb“

Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Landesvorsitzender der CDU in Nordrhein-Westfalen, steht in einem Studio in Köln, während CSU-Chef Markus Söder zugeschaltet ist.
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Markus Söder gegen Armin Laschet: Die K-Frage entwickelt sich zum Streitpunkt innerhalb der Union.

Wer führt die Union in die Bundestagswahl? Das Kanzler-Rennen zwischen Söder und Laschet spitzt sich zu. Politologin Ursula Münch ordnet es für uns ein.

München/Berlin – Laschet will, Söder will. Und jetzt? Die Politologin Ursula Münch spricht über die heikle Kanzlerkandidaten-Frage in der Union.

Frau Prof. Münch, sechs Monate bis zur Bundestagswahl. Würden Sie der Union in ihrem jetzigen Zustand einen Sieg zutrauen?
Ja, unter einer Bedingung: Wenn sich die Pandemie-Situation bis dahin deutlich verbessert und der Großteil der Bevölkerung geimpft ist, gehe ich davon aus, dass sich die Stimmung zugunsten der Regierungsparteien verbessern kann, allen voran der Union.
Und wenn nicht?
Sollte sich der Eindruck eines Corona*-Missmanagements fortsetzen, gerade beim Impfen und Testen, wird es schwierig für die Union. Das ständige Hin und Her zwischen Öffnen und Schließen, der Unmut der Kanzlerin* über einzelne Ministerpräsidenten* auch aus der eigenen Partei, all das schadet massiv.
Sie vergessen die holprige Suche nach einem Kanzlerkandidaten...
Das sollte man nicht überschätzen. Der Großteil der Bevölkerung ist viel mehr an der Bekämpfung der Pandemie interessiert als an der Frage, wer wann genau zum Kanzlerkandidaten erklärt wird.
Aber die Union ist elektrisiert und alle wollen mitreden: vom einzelnen Abgeordneten bis zur Fraktion*. Wer ist überhaupt legitimiert, das zu entscheiden?
Das ist nirgends geregelt, aber bisher war es Konsens, dass die Parteichefs von CDU und CSU* das miteinander klären. Die Union hat nur dann ein Problem, wenn keiner von beiden oder wenn beide antreten wollen. In dem Fall könnte man auf 1980 zurückgreifen, als die K-Frage in der Fraktion entschieden wurde. Helmut Kohl war damals raffiniert: Er rechnete sich selbst keine Chancen aus und wusste, dass die Union auch bei einem Wahlsieg keinen Koalitionspartner hätte. Also schickte er Ernst Albrecht vor. Die Fraktion wählte bekanntlich Franz Josef Strauß zum Kandidaten.
Heute könnte es ähnlich laufen. Armin Laschet und Markus Söder* wollen ja offenbar beide antreten...
Bei Söder bin ich mir nach wie vor nicht sicher. Es irritiert doch, dass er zwar ständig an Armin Laschet* herummäkelt, aber sich auch nicht hinstellt und sagt: Ich wäre bereit, es zu machen. Natürlich kann er den Gegenkandidaten schlecht machen, das wirkt sich aber unter Umständen auf das Ansehen der ganzen Union aus. Wenn dieser unausgegorene Wettbewerb zwischen beiden noch lange so weiterläuft, wächst der Verdruss in der Wählerschaft.
Also muss eine schnelle Entscheidung her?
Aus Sicht der Bevölkerung hätte das den Vorteil, dass das Thema erledigt wäre. Ich meine aber, dass Söder eher das Interesse hat, die Entscheidung noch hinauszuschieben. So bleibt die Aufmerksamkeit bei ihm und er kann noch ein wenig weiterstänkern. Sobald die Sache entschieden ist – womöglich gegen ihn – müsste er sich bei den Laschet-Befürwortern einreihen.
Söder würde gerne Angela Merkel* mitentscheiden lassen, die bisher stets betont, sich nicht einmischen zu wollen. Ist das sinnvoll?
Weder ist es sinnvoll, noch wird sie es machen. Die Kanzlerin wird sich zurückhalten, da bin ich mir sicher.
Die Umfragen sprechen für Söder. Seine Chancen?
Die CDU muss abwägen, wo die größere Gefahr für ihren Wahlerfolg liegt: Bei einem Kandidaten Laschet, der bis zur Entscheidung, auch durch eigenes Zutun, womöglich noch weiter beschädigt wird. Oder bei einem Kandidaten Söder, der einen nicht besonders fairen, weil unerklärten Wettbewerb führt. Und wie käme dieser Söder bei der Wahlbevölkerung überhaupt an? Im Unterschied zu 1980 gibt es einen CDU-Vorsitzenden, der kandidieren möchte. Das wiegt meines Erachtens relativ schwer. Mit einem Kandidaten Söder würde die CDU Laschet als Parteichef und Ministerpräsidenten von NRW beschädigen. Bevor die CDU das Wagnis mit Söder eingeht, muss noch sehr viel gegen Laschet vorgebracht werden.
Es gäbe noch Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus als dritte Option*.
Dann müsste den Menschen nur noch irgendwer erklären, wer dieser Ralph Brinkhaus ist. Im Ernst, das kann ich mir nicht vorstellen. Man hat gerade erst mit Christian Baldauf in Rheinland-Pfalz gesehen, dass ein Kandidat zwar intern angesehen sein kann, aber deshalb noch lange nicht in der Lage ist, Wähler zu mobilisieren.

Das Interview führte Marcus Mäckle. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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