Soldaten: "Was interessiert uns, ob Guttenberg kopiert?"

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Bundeswehrsoldaten tragen am Montag in Masar-i-Scharif einen Sarg in ein bereitstehendes Flugzeug. Nach dem Angriff eines afghanischen Soldaten haben die deutschen Truppen Abschied von ihren drei getöteten Kameraden genommen.

Berlin - Während in Afghanistan Deutsche sterben, diskutiert die Heimat Plagiatsvorwürfe und Bundeswehr-Affären. Der Einsatz am Hindukusch rückt dabei völlig in den Hintergrund. Die Soldaten finden das empörend - und stellen sich hinter ihren Minister.

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Ein Unteroffizier sagt auf die Frage nach den Gründen für die außerordentliche Beliebtheit Guttenbergs: “Ich habe das Gefühl, der interessiert sich wirklich für uns.“ Der Feldwebel wittert bei den Plagiatsvorwürfen “absolut“ eine Kampagne der Opposition gegen den Minister. “Das ist lächerlich, dass da so ein Hype drum gemacht wird“, sagt er. “Es wirkt noch lächerlicher, wenn wir wirklich bedauernswerte Verluste haben.“ Und ein Offizier meint dazu: “Was interessiert uns, ob Guttenberg kopiert. Hier sterben Soldaten.“ Oberst Michael Dederichs steht am Montag im Camp Masar-i-Scharif am Ehrenspalier für die drei Gefallenen, auf die ein afghanischer Soldat das Feuer eröffnete. Gleich werden die Särge vorbeigefahren, bedeckt mit der deutschen Flagge mit dem Bundesadler, auf jedem Sarg ein Helm. Hunderte bedrückte Männer und Frauen säumen die Straße zum Flughafen, um ihren Kameraden ein letztes Mal zu salutieren. “Angesichts der Vorfälle hier“, sagt Dederichs, “kann ich manche Diskussionsschwerpunkte in der Heimat nicht verstehen“.

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Im privaten Gespräch machen manche Soldaten ihrem Frust mit drastischeren Worten Luft. Die Plagiatsvorwürfe gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, die Affären um die “Gorch Fock“, um geöffnete Feldpost und um die Informationspolitik zum Unfalltod eines deutschen Soldaten vor Weihnachten - all das finde mehr Aufmerksamkeit als der Tod ihrer Kameraden, beklagen sie. “Über die Feldpost gab es größere Aufregung als über drei Gefallene“, sagt ein Offizier, der anonym bleiben will. “Das ist schlimm.“

Hauptmann Daniel T. beklagt ebenfalls mangelndes Interesse der Deutschen am Einsatz. Es sei “hart“, die Gefallenen zu verabschieden, sagt er beim Ehrenspalier. Die Opfer hätten in den kommenden Tagen ihren Afghanistan-Einsatz beendet gehabt, nun werden sie in Särgen in die Heimat gebracht. Einer der Toten hinterlässt eine Frau und ein vier Monate altes Baby. “Ich muss jedes Mal aufpassen, dass ich nicht anfange zu weinen“, sagt der Hauptmann. Und er beklagt: “Wir sind hier, weil das Parlament und damit das deutsche Volk uns hierhin geschickt haben. Da ist das geringe Interesse wirklich enttäuschend.“

Besonders irritieren die Soldaten die Vorwürfe gegen ihren Minister, dessen Beliebtheit bei der Truppe am Hindukusch keinen Schaden genommen zu haben scheint - kritische Stimmen sind jedenfalls nicht zu hören. “Wir wissen, was wir an unserem Minister haben“, sagt der ranghöchste deutsche General in Afghanistan und Kommandeur der internationalen Streitkräfte im Norden des Landes, Hans-Werner Fritz. “Die Truppe steht hinter ihm.“ Fritz nennt es problematisch, dass durch die Debatten in der Heimat die erzielten Erfolge der Truppe in Afghanistan überdeckt würden.

Guttenberg auf der chinesischen Mauer

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Offiziere im Einsatz warnen auch, dass die Bundeswehr mitten im Umbruch stecke. Für die anstehenden tiefgreifenden Reformen brauche die Truppe einen Chef wie Guttenberg - zu ihm sei keine Alternative in Sicht. Selbst wenn der Minister abgeschrieben haben sollte, so sagen sie, könnte ein Rücktritt katastrophale Folgen haben.

Die Soldaten in Afghanistan sehen Guttenberg nicht als Luftnummer, als die er nun wegen seiner Doktorarbeit von Kritikern in der Heimat verspottet wird - im Gegenteil. “Er ist hier nicht der Ankündigungsminister, sondern der Umsetzungsminister“, sagt ein Offizier. Unter Guttenberg habe sich die Ausrüstung deutlich verbessert, für die Truppe am Hindukusch seien dringend benötigte gepanzerte Fahrzeuge beschafft worden. “Die Autos sind jetzt halt da, die Leute können rausfahren. Das ist, was hier ankommt.“

Von Can Merey

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