Nach ARD-Deutschlandtrend

SPD-Urgestein: Darum sind die Sozis im Unfragetief

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Walter Adam (72), seit 50 Jahren SPD-Mitglied.

München - SPD-Urgestein Walter Adam (72) spricht in der tz über das Umfragetief der Sozialdemokraten - und über dessen Gründe.

Schock für Sozialdemokraten: Im ARD-Deutschlandtrend ist die SPD um zwei Prozentpunkte auf ihren bisher absoluten Tiefpunkt,21 Prozent, gefallen! Was ist aber grundsätzlich los mit der (ehemaligen?) Volkspartei SPD, die 1972 mit Willy Brandt an der Spitze 45,8 Prozent einfahren konnte? Die tz fragte Abensbergs Parteiurgestein Walter Adam, der im Juni 2015 Schlagzeilen machte, als er bei der Vorstandswahl den Landesvorsitzenden Florian Pronold herausforderte – und 31,7 Prozent einheimste. Als „Parteirebell“ wurde der 72-jährige pensionierte Musik- und Wirtschaftslehrer bezeichnet, den Ausdruck mag er aber gar nicht. Der Niederbayer ist Zugpferd der Basisinitiative (www.andiemutigen.de), die die SPD wieder an ihre traditionellen Werte erinnert und auf den linken Pfad zurückführen will.

Warum geht es mit der SPD immer weiter nach unten?

Walter Adam (72), seit 50 Jahren SPD-Mitglied: Meine Partei ist dabei, ihren Grundkern zu vergessen. Sie folgt nur noch dem Pragmatismus und Relativismus.

Ist Pragmatismus so schlecht?

Adam: Ich war lange Zeit im Stadtrat, weiß also, dass man pragmatisch arbeiten und auch mal Bündnisse eingehen muss. Aber von den Grundprinzipien der Partei darf man kein Jota abweichen.

Wann ist die SPD da auf Abwege geraten?

Adam: Eigentlich schon unter Gerhard Schröder. Damals kam diese neoliberalistische Strömung auf, nach dem Motto: Tut ja den Wirtschaftsmächtigen nichts an. Die SPD war aber nie die Partei der Großkopferten! Sie war immer eine Partei der Vernünftigen, aber auch derjenigen, die nicht privilegiert sind. Für die haben wir immer ein Herz gehabt, auch für Flüchtlinge. Und dahin möchte ich sie wieder zurückrufen.

Gerhard Schröder steht für die Agenda 2010 und die Weigerung, die 1997 ausgesetzte Vermögenssteuer wieder einzuführen?

Adam: Letzteres war ein großer Fehler. Und die Einführung der Agenda 2010 war auch problematisch, da werden kleine Leute vollkommen ausgezogen. Für den Hartz-IV-Empfänger strengen sich unsere Bürokraten an, sammeln Daten und legen dicke Ordner an. Unterdessen treiben Betuchte unbehelligt ihr Spiel, das nicht sauber ist. Da hat die SPD total versagt.

Es ist wohl nicht nach Ihrem Geschmack, dass der Parteichef Gabriel Wirtschaftsminister ist?

Adam: Das ist eine Katastrophe! In diesem Ministerium verfolgen natürlich alle genau die falsche Richtung.

Was bedeutet es für die SPD, dass sich die CDU immer mehr in die Mitte bewegt?

Adam: In der Mitte herrscht jetzt ein Riesengedränge, weil jede Seite versucht, sie zu erobern. Die SPD stand aber traditionell links! Ich bin beileibe kein verbohrter Parteilinker, habe grundsätzlich was gegen Fanatismus und reine Lehre. Wir haben einen wunderbaren Staat, ein wunderbares Grundgesetz. Wir könnten mit unseren demokratischen Grundsätzen sehr gut leben, aber wir müssten sie auch auf die Wirtschaft und die Großverdiener anwenden. Unsere Aufgabe als SPD wäre es jetzt angesichts der Enthüllungen über die Briefkastenfirmen in Panama, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken. Leider hat die SPD keinerlei Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung, keine strikte Haltung. Es werden Banken gerettet, aber ihnen kein Korsett angelegt.

Wie erleben Sie die real existierende Partei SPD?

Adam: Ich bin ja nicht mehr als Mandatsträger aktiv. Und Unterbezirksveranstaltungen sind so verkrustet, so schlimm, dass da ein junger Mensch kein zweites Mal mehr hingeht. Da wird inhaltlich gar nichts mehr geredet, nur Organisatorisches, und Pöstlein werden verteilt. Und dann die Signale von oben! Kürzlich habe ich Gabriel gehört, mit der 5000-Euro-Prämie für jeden E-Autokäufer: Da schiebt dann halt der Käufer eines E-Porsche Cayenne für 93 000 Euro die 5000 Euro ein. Das ist FDP-Politik in reinster Form.

Die SPD in der Bundesregierung reklamiert Erfolge für sich. Sehen Sie die nicht?

SPD-Urgestein Walter Adam (72) : Nein. Ich finde auch diese Rente mit 63 nicht gut. Nächste Woche wird über die Erbschaftssteuer gesprochen, da werden Sie beobachten, wie die SPD über den Tisch gezogen wird. Ich bin heute schon auf 180, wenn ich daran denke.

Was wäre Ihr erster Schritt zu einer Rückbesinnung der SPD?

Adam: Wir müssten uns ernsthaft fragen, ob wir in dieser Koalition noch verbleiben können. Wir verlieren immer mehr an Inhalten und den Bezug zu denen, die uns brauchen. Unser Motto ist nicht „Mia san mia“, sondern „mia san für eich do“.

Und wie geht’s weiter?

Adam: Es gibt viele an der Basis, mich inklusive, die sich schwer überlegen, ob sie vor der nächsten Bundestagswahl noch Wahlkampf machen. Jedes Mal bin ich draußen gestanden, habe rote Rosen oder rote Äpfel verteilt und mich als Sozialdemokrat bayerischer Art vorgestellt. Darauf war ich immer stolz. Mit einer Basis-Initiative wollen wir jetzt den Trend nach unten stoppen oder besser: umkehren. Nach drei Veranstaltungen gibt es bald eine Regionalversammlung in Nürnberg, zu der auch die Partei einladen wird. Da reden wir Tacheles und stellen Bedingungen für den Wahlkampf. Wir wollen, dass die SPD nicht vor die Hunde geht und haben viel Zulauf von Leuten, die innerlich schon aus der Partei ausgetreten sind.

Wenn’s im Bund auf Schwarz-Grün zulaufen würde, könnte sich die SPD in der Opposition wieder finden – wäre das gut?

Adam: Da täten mir die Grünen leid. Die würden sich in einer Koalition mit der Union bis zur Unkenntlichkeit verändern. Mein Wunsch wäre, dass man die Scheu vor den Linken verliert und mit ihnen vernünftig arbeitet und endlich sagt: Rot-Rot-Grün wäre das Richtige.

Interview: Barbara Wimmer

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