Staat gibt Milliarden aus

So läuft das Geschäft mit den Flüchtingen

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Diese Traglufthalle in Taufkirchen soll als Flüchtlingsunterkunft dienen.

München - Die Flüchtlingskrise kostet den Staat eine Menge Geld. Einige Unternehmen machen dagegen ein großes Geschäft. Die tz zeigt, wer von dem Flüchtlingszustrom profitiert.

Zelte, Container, Essen – Hunderttausende Flüchtlinge müssen untergebracht und versorgt werden. Dafür gibt der Staat Milliarden aus. Davon profitieren zahlreiche Branchen und Unternehmen – von der Großküche bis hin zum Dolmetscher. Über Preise und Profit spricht man allerdings nicht gern. Wo die Kassen klingeln – eine Übersicht:

Traglufthallen: Früher baute das Berliner Unternehmen Paranet Traglufthallen vor allem für Schwimmbäder oder Sportplätze – jetzt kommen etliche Aufträge für die Unterbringung von Flüchtlingen hinzu. Zehn Hallen hat Paranet bereits errichtet, mehrere davon im Raum München. 15 sollen in den nächsten drei Monate folgen. Die Firma hat sich seit rund zwei Jahren auf die Unterbringung von Flüchtlingen vorbereitet und sein Modell „Care Dome“ bei Regierungsvertretern vorgestellt. Die Nachfrage sei deshalb kein Problem: Die Standardhallen seien in Teilen bereits vorproduziert.

Flüchtlingsnotunterkünfte

Zelte: Bierfeste oder Firmenfeiern sind die ursprünglichen Geschäftsfelder von Zelt-Herstellern wie Tartler. Die Firma aus dem hessischen Lützelbach hat jetzt Zeltanlagen mit 5000 Quadratmetern Fläche in Hanau, Darmstadt und dem Odenwaldkreis vermietet. Trotz der großen Nachfrage stellt Tartler Zelte nur in der Region auf.

Verpflegung: Der Kantinenkosthersteller apetito probiert gerade neue Rezepte aus, um bei der Vielzahl der Bestellungen aus Flüchtlingsunterkünften auch den Geschmack der Bewohner zu treffen. Derzeit beliefert die Firma aus Rheine bei Düsseldorf rund 80 Flüchtlingsunterkünfte. Drei König aus Schwäbisch Gmünd hat sich auf die Verpflegung von Flüchlingsheimen spezialisiert, versorgt u. a. eine Unterkunft in Schweinfurt. Umsatzvolumen: für 550 Personen für ein Jahr 2,34 Millionen Euro.

Dolmetscher: Auch sie freuen sich über viele Aufträge von Kommunen und Behörden. Der Münchner Übersetzungsanbieter lingoking, der fast 5000 Dolmetscher und Übersetzer im Netz hat, meldet eine „deutlich gesteigerte Nachfrage“. Einige Sozialämter lassen beispielsweise Willkommensbroschüren in die jeweiligen Muttersprachen der Flüchtlinge übersetzen.

Wohnungsbau: Auf die Baubranche wirkt der Flüchtlingsstrom wie ein Konjunkturprogramm: Die Bundesarchitektenkammer geht davon aus, dass mehr als 400 000 Wohnungen benötigt werden. Die Schattenseite bringt Düsseldorfs OB Thomas Geisel auf den Punkt: Beim Besuch der Münchner Messe Expo Real meinte er: „Für ein Schweinegeld gehen jetzt Ladenhüter über die Theke.“

Was noch alles benötigt wird – hier die Bestellzettel einer Städte aus den letzten Wochen: Köln orderte für 3,4 Millionen Euro. 2200 Herde, 3800 Waschmaschinen und 4600 Kühlschränke. Magdeburg suchte 9000 Bettwäschesets, 5300 Matratzen, 2250 Etagen- und 1000 Kinderbetten. Nürnberg suchte eine Putzfirma für eine Aufnahmeeinrichtung und zahlt für vier Jahre 1,3 Millionen Euro.

Bernreiter: "Bayernweit koordinieren"

Das Geschäft mit den Flüchtlingen – wie groß ist für Firmen und Vermieter die Versuchung, aus der Not Profit zu schlagen? Die tz fragte bei Landrat Christian Bernreiter (CSU), Chef des Landkreistages nach:

Wie schätzen Sie die Situation ein?

Christian Bernreiter

Bernreiter: Im Großen und Ganzen läuft alles seriös ab. Aber man muss schon aufpassen, weil viel versprochen wird und Liefertermine nicht gehalten werden.

Wie vermeidet man, dass die Landkreise, die ja alle dringend Unterkünfte brauchen, nicht gegeneinander ausgespielt werden?

Bernreiter: Am Freitag haben wir im Bayerischen Sozialministerium vereinbart, dass wir das künftig bayernweit koordinieren. Jetzt muss jeder Landrat und OB offen sagen, was er konkret noch leisten kann und was er dafür braucht.

Was kostet beispielsweise eine Traglufthalle?

Bernreiter: Wir in Deggendorf zahlen für die große Halle - für 300 Leute - 80 000 Euro Monatsmiete.

Wie viel benötigt man für die Unterkunft und Verpflegung für einen Flüchtling?

Bernreiter: Realistisch sind 30 bis 40 Euro/Tag für alles - das umfasst auch Personal, Reinigung, Sicherheitsdienst - insgesamt also 1100 bis 1200 Euro im Monat.

Versucht mancher Vermieter, mehr Miete als üblich herauszuschlagen?

Bernreiter: Schwarze Schafe gibt's überall. Auch im Bayerischen Wald. Da wittert manche uralte Pension jetzt das Geschäft. Aber was irgendwie vertretbar ist, wird angemietet.

Interview: WdP

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