Rente steigt 2015 nur um bis zu zwei Prozent

Statistik-Trick klaut Rentnern 2,4 Milliarden

München - Die Renten werden 2015 bis zu zwei Prozent angehoben. Doch fast 21 Millionen Rentner bleiben von der guten wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt.

Immerhin: Die Rente steigt 2015 höher als die Inflation. Die Deutsche Rentenversicherung geht davon aus, dass die Renten bis zu zwei Prozent angehoben werden. Damit dürfte die Erhöhung aber deutlich niedriger ausfallen, als noch 2013 gedacht.

VdK-Präsidentin Ulrike Mascher zeigte sich enttäuscht: „Wieder einmal bleiben die fast 21 Millionen Rentner von der guten wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt.“ Denn die Löhne im Westen steigen nach Berechnungen der Bundesregierung um 2,8 Prozent (2,9 Prozent im Osten).

Zu der Abkopplung der Rentner von diesem Lohnzuwachs trägt auch der Statistik-Trick bei, über den die tz bereits am 28. Oktober berichtet hatte: Wegen EU-Vorgaben werden ab jetzt auch Beschäftigte in Behindertenwerkstätten oder in Jugendhilfeeinrichtungen in das Durchschnittseinkommen mit einbezogen. Dadurch sinkt das Durchschnittseinkommen statistisch – und die Rente faktisch, die sich an den Gehältern orientiert.

Annelie Buntenbach, Vorstandschefin der Deutschen Rentenversicherung, erklärte, dass wegen dieses „statistischen Einmaleffekts“ die Renten­erhöhung um rund 1,1 Prozent niedriger ausfallen wird. Dies entspreche gut 2,4 Milliarden Euro, die den Rentnern vorenthalten würden.

Im Osten dürfte die Rentenanpassung aufgrund der günstigeren Lohnentwicklung etwas höher ausfallen als im Westen, so der Präsident der Rentenversicherung, Axel Reimann. Sicherheit gebe es aber noch nicht: „Erst im Frühjahr kommenden Jahres werden die zur Anpassung relevanten Daten vorliegen“, so Buntenbach.

Der Beitragssatz dürfte Anfang 2015 von derzeit 18,9 auf 18,7 Prozent vom Einkommen sinken. Diese Senkung um 0,2 Prozent bringt eine Entlastung von je einer Milliarde Euro für die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber. Bezogen auf den Durchschnittsverdiener sei das eine Entlastung von 35 Euro pro Jahr, so Buntenbach.

Ulrich Schneider (Paritätischer Gesamtverband): So stoppen wir die Altersarmut!

Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband fordert: Jeder Rentner soll 50 Prozent seines früheren Einkommensniveaus bekommen.
Das klingt gut, aber wie soll das finanziert werden?

Ulrich Schneider: Das derzeitige Rentenniveau liegt ja noch bei 47,9 Prozent. Dieses Niveau soll nach dem Willen der Bundesregierung bis 2030 auf 43 Prozent sinken. Wir sagen: 50 Prozent, darunter geht es nicht, wenn wir nicht massenhaft Altersarmut provozieren wollen. Finan zieren kann man das zum einen durch Erhöhung des Rentenbeitrags auf 19 Prozent – in den 70er Jahren lag der Beitrag bei über 20 Prozent, in den 80er und 90er Jahren lag er regelmäßig über 19 Prozent. Es gibt keinen Anlass, den Beitragssatz noch weiter runterzufahren, wie es die Kanzlerin versprochen hat. Als zweites müssen wir die versicherungsfremden Leistungen konsequent über Steuern finanzieren. Es gibt zum Beispiel überhaupt keinen Grund, warum die Mütterrente jetzt aus Beitragsmitteln finanziert wird. Da gehören Steuermittel her.

Die Idee der Rentenpolitiker war ja, dass zu diesem 43-Prozent-Renteniveau noch private Vorsorge kommt. Warum fürchten Sie trotzdem eine Welle der Altersarmut?

Schneider: Es zeigt sich einfach, dass das System Riester überhaupt nicht funktioniert! Insbesondere bei den einkommensschwachen Haushalten bleibt am Ende des Monats schlicht nicht genug Geld übrig. Da tun schon fünf bis zehn Euro im Monat weh. Diese Leute haben ganz andere Sorgen als die Rente, die noch 30 Jahre entfernt ist. Das Geld, das man zur Subventionierung der Riester-Rente zahlt, sollte besser in die Rentenversicherung fließen.

Wie viele Menschen sind von Altersarmut bedroht?

Schneider: Im Moment sind es 490 000. Wir haben zwei Hauptursachen für den Anstieg von Altersarmut: Das eine ist die zunehmende Zahl von Langzeitarbeitslosen, die jetzt ins Rentenalter kommen. Das andere ist das sinkende Rentenniveau. Beides wird sich etwa ab 2025 so zuspitzen, dass wir davon ausgehen, dass dann über eine Million Rentner auf Grundsicherung angewiesen sein werden.

Werden dann auch Menschen betroffen sein, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben?

Schneider: Das kann sein. Wer heute ein Einkommen von 2200 Euro hat, muss 45 Jahre lang einzahlen, um überhaupt eine Rente zu bekommen, die auf jetzigem Grundsicherungs­niveau liegt. Wenn die Mieten weiter so steigen, werden aber bis 2030 ganz andere Grundsicherungs-Niveaus nötig sein.

Unsere Leser beklagen immer wieder die wachsende Schere zwischen Renten und Pensionen. Lässt sich das Pensionssystem, wonach man nach 40 Dienstjahren 71,75 Prozent seiner letzten Bezüge bekommt, aufrechterhalten?

Schneider: Mit zunehmender Altersarmut und zunehmend sinkendem Rentenniveau wird das Pensions-System immer mehr an Unter­stützung in der Bevölkerung einbüßen. Der einzige Weg da raus wird sein, sehr genau hinzuschauen, wo tatsächlich der Beamtenstatus noch nötig ist. Nötigenfalls müssen alle in die Rentenversicherung einzahlen.

KR

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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