Energiewende

Stromnetz-Ausbau: Bürger sollen mitreden

Berlin - 3800 Kilometer an neuen Stromtrassen sollen im Zuge der Energiewende in Deutschland gebaut werden. Zu den Planungen sollen sich jetzt erneut die Bürger zu Wort melden.

Die Bürger sollen in den kommenden acht Wochen ihre Meinung zum überarbeiteten Entwurf für mehrere große Stromautobahnen in Deutschland äußern. Bürger, Verbände, Umweltorganisationen oder Behörden sollten sich an einer Diskussion beteiligen, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, am Donnerstag in Berlin. „Jetzt ist gefragt, dass mitgeredet wird, dass mitgemacht wird, dass mitentschieden wird und am Ende mitgestaltet wird.“

Energiewende: Diese Probleme sind noch zu lösen

Kanzlerin Angela Merkel  macht die Energiewende stärker zur Chefsache. Doch noch zeigen sich vielen offenen Fragen, die dringend geklärt werden müssen, damit der Atomausstieg auch klappt. © dpa
ÖKOSTROM BOOMT: Bei der Produktion von Wind- und Solarenergie purzeln die Rekorde. Von Januar bis April gab es beim Windstrom ein Plus von 25 Prozent im Vergleich zu den ersten vier Monaten 2011. Bei der Solarenergie waren es sogar 30 Prozent mehr: Der Ökoenergieanteil am Strommix liegt bereits bei rund 20 Prozent. © dpa
Doch während überall neue Wind- und Solarparks entstehen, kommen die Netze an ihre Grenzen. Wenn viel Geld für die Förderung ausgegeben wird, die Anlagen dann aber mangels Netzen abgeschaltet werden müssen, sei das volkswirtschaftlicher Unsinn, sagt Umweltminister Peter Altmaier. Es fehlt bisher der Schlüssel für die Speicherung überschüssigen Stroms. © dapd
NETZAUSBAU LAHMT: Rund 4500 Kilometer an neuen Höchstspannungsleitungen fehlen, dazu zehntausende Kilometer an Verteilnetzen, über die der meiste Ökostrom transportiert wird. Die Netzbetreiber müssen sich verstärkt vorhalten lassen, nicht genug zu investieren und so die Energiewende zu torpedieren. Hier ist die Politik gefragt. © dpa
Vor allem müssen wegen der Anschlussprobleme des Betreibers Tennet rasch Lösungen gefunden werden, damit die extrem teuren Windparks in der Nordsee ihren Strom auch wegbekommen. © dpa
KRAFTWERKE FEHLEN: Wenn tatsächlich bis 2022 die restlichen neun Atommeiler vom Netz sollen, müssen neue Kraftwerke mit einer Leistung von mindestens 10 000 Megawatt her. Das sollen vor allem hochmoderne Gaskraftwerke und weniger klimaschädliche Kohlemeiler sein. Die bisherigen Atomländer Bayern und Baden-Württemberg wollen so nicht zu abhängig von Windstrom aus dem Norden und Osten werden. © dpa
Und man braucht sie, wenn kein Wind weht und es Nacht ist. Aber angesichts des Ökostromwachstums fehlt eine Garantie für genug Betriebsstunden. Daher wird ein eigener Strommarkt für solche konventionellen Kraftwerke erwogen, damit sie eine Absatzgarantie haben. © dpa
KOSTEN DROHEN AUSZUUFERN: Ob bei Netzkosten, Ökoenergieförderung oder möglichen Zuschüssen für neue Kraftwerke - die Energiewende dürfte viel teurer werden als gedacht. Das Energiesparen wird aber vernachlässigt. Zudem fehlen wegen eines Preisverfalls im Handel mit EU-Verschmutzungsrechten in den nächsten Jahren bis zu fünf Milliarden Euro. © dpa
Hier ist die Regierung gefragt, mittelfristige Kostenprognosen zu erstellen. Sonst drohen bei den Strompreisen starke Steigerungen und ein Verlust der Akzeptanz. Die Industrie warnt bereits vor einer Deindustrialisierung. Erwogen wird daher eine Senkung der Stromsteuer. Oder der Staat könnte stärker mit Milliardenzuschüssen eingreifen, wird gefordert. © dpa
KOORDINATION FEHLT: Das Mammutprojekt muss dringend zentral und übergreifend koordiniert werden, weil alles miteinander zusammenhängt. Mit einem Masterplan, der über Jahre reicht, könnte auch Investitionssicherheit hergestellt werden. Jedes Bundesland hat bisher ein Energiekonzept, hinzu kommen Hunderte kommunale Pläne. Der Bund muss stärker regeln, dass der Ausbau erneuerbarer Energien auf die Netze abgestimmt wird. © dpa

An sechs Informationstagen stellt die Bundesbehörde den Entwurf der Übertragungsnetzbetreiber zum „Netzentwicklungsplan Strom 2012“ vor. Bis zum 2. November können Bürger Stellungnahmen dazu abgeben. In der ersten Konsultationsphase, die vom 30. Mai bis 10. Juli dauerte, waren rund 1500 Stellungnahmen eingegangen, die in den nun vorliegenden überarbeiteten Netzentwicklungsplan eingeflossen sind.

Das Vorhaben ist ein Schlüsselprojekt der Energiewende. 3800 Kilometer an neuen Stromautobahnen sollen gebaut werden, um den Atomausstieg bis 2022 zu schaffen. Zudem sollen 4400 Kilometer im bestehenden Höchstspannungsnetz so optimiert werden, dass sie fit werden für die schwankende Ökostromeinspeisung. Insgesamt werden Kosten von 20 Milliarden Euro veranschlagt.

„Mehr Tempo beim Ausbau der Übertragungsnetze ist ein entscheidender Schlüssel für das Gelingen der Energiewende“, sagte Homann. Der Netzentwicklungsplan werde nach dem Bürgerdialog noch einmal überarbeitet und der Bundesregierung als Entwurf für einen Bundesbedarfsplan vorgelegt. Noch im Dezember soll vom Kabinett ein Gesetz auf den Weg gebracht werden, um die Stromautobahnen, die vor allem von Nord nach Süd verlaufen sollen, zu planen und zu bauen.

Homann rechnet bei einer zügigen Umsetzung des Zeitplans ab dem Jahr 2015 mit dem ersten Bauabschnitt. Die Bundesnetzagentur plädierte in dem Zusammenhang dafür, Stromleitungen, die Ländergrenzen überqueren, auf Bundesebene zu planen und genehmigen.

dpa

Auch interessant

Meistgelesen

„Einvernehmlicher“ Geschlechtsverkehr mit Elfjähriger: Gesetzesänderung sorgt für stürmische Debatte
„Einvernehmlicher“ Geschlechtsverkehr mit Elfjähriger: Gesetzesänderung sorgt für stürmische Debatte
Bundesweit erste Diesel-Fahrverbote angekündigt
Bundesweit erste Diesel-Fahrverbote angekündigt
Politikerin nach Enthüllung versetzt: Der Krimi um Josefa Schmid
Politikerin nach Enthüllung versetzt: Der Krimi um Josefa Schmid
Schmähgedicht-Streit: Böhmermann kontert Erdogan
Schmähgedicht-Streit: Böhmermann kontert Erdogan

Kommentare