"Eltern müssen Sicherheit vermitteln"

Psychologe: So erklären Sie den Kindern die Anschläge

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Wie das Unfassbare erklären? Kinder legen ­nach dem Terrorakt Blumen in Berlin nieder.

München - Die Bilder von den blutigen Terroranschlägen in Paris lassen sich nur schwer abschütteln. Ein grausames Massaker, das für uns Erwachsene unfassbar ist. Aber wie geht es unseren Kindern?

In Zeiten der unbegrenzten Informationsflut schnappen sie die Nachrichten im Minutentakt auf. „Kommen die bewaffneten Männer jetzt auch zu uns?“, ist eine der ­häufigsten Fragen, die vom Nachwuchs gestellt wird. Der Kinderpsychologe Fredy Orendt gibt im tz-Gespräch Tipps, wie ­Eltern ihren Kindern ­helfen können, die Realität zu verarbeiten.

Herr Orendt, die Terroranschläge von ­Paris bewegen uns alle. Was lösen die schockierenden ­Bilder und Berichte bei Kindern aus?

Fredy Orendt: Das kann man schwer pauschal sagen, weil ­jedes Kind anders ist und unterschiedlich reagiert. Aus der Traumatherapie wissen wir aber, dass Kinder durch Bilder oder Filmdarstellungen Ängste entwickeln und auch traumatisiert werden können. Man weiß aber auch, dass sich die meisten Kinder auch ohne besondere Behandlung recht gut von diesen Eindrücken wieder erholen können.

Welche Aufgabe ­haben wir Eltern?

Orendt: Wie Kinder reagieren, hängt stark von den Eltern ab. Unsere primäre Aufgabe ist es deshalb, Sicherheit zu vermitteln – das hilft einem Kindergartenkind genauso wie einem Teenager, der schon differenziert diskutieren kann. Schwierig wird es nur dann, wenn die Eltern selbst große Ängste haben. Das spüren Kinder.

Wie erkläre ich die Geschehnisse meinen Kindern? Wie viel Information darf, wie viel muss sein?

Freddy Orendt

Orendt: Das hängt vom Alter ab. Kleinkinder muss man mit solchen Bildern verschonen. Die können noch nicht unterscheiden, was Realität und was Fiktion ist. Und wenn sie nicht von sich aus nachfragen, sollte man die Dinge auf sich beruhen lassen. Bei Kindern im Grundschulalter beginnt so allmählich eine eigene Urteilsbildung. Sie sind neugierig und fragen nach. Da sollte man die Dinge erklären, ohne bis ins letzte Detail zu gehen. Mit Teenagern kann man dagegen auch schon diskutieren, aber gerade die entwickeln oft Ängste. Da kommt meiner Meinung nach auch der Schule eine wichtige Aufgabe zu.

Ist es in Ordnung, wenn ich meinem Kind nicht die Wahrheit sage, um ihm ein Gefühl von Sicherheit zu geben?

Orendt: Das muss jeder für sich entscheiden. Grundsätzlich rate ich vom Lügen aber ab, allein schon, weil die Kinder ja auch durch Schule und Freunde mit den Nachrichten konfrontiert werden und dann verunsichert sind, wenn sie von den Eltern etwas ganz anderes gehört haben. Da ist die Gefahr groß, dass die Vertrauensbasis beschädigt wird. Darüber hinaus ist es auch wichtig, dass Kinder lernen, mit Ängsten umzugehen. Aber natürlich kann ich die Wahrheit dosieren und die Information sparsam halten. In Haushalten mit Kindern sollte nicht den ganzen Tag der Fernseher oder das Radio mit den aktuellen Nachrichten laufen. Das überfordert Kinder.

Was kann ich tun, wenn mein Kind bereits konkrete Ängste hat und sich davor fürchtet, dass der Terror auch zu uns kommt?

Orendt: Auch in solchen Fällen ist es wichtig, das Sicherheitsgefühl wieder herzustellen. Da muss man einfach für die Kinder da sein, sie begleiten, wenn sie nicht allein irgendwo hingehen wollen und durch Taten und Gespräche zeigen: Schau her, ich habe keine Angst. Zusammen machen wir das. In einzelnen Fällen kann es auch sinnvoll sein, sich bei einer Beratungsstelle oder einem Schulpsychologen Hilfe zu holen.

Nicht nur Kinder, auch viele ältere Menschen fühlen sich durch die aktuellen Ereignisse überfordert. Wie bekommt man als Erwachsener Ängste in den Griff?

Orendt: Es ist sicher sinnvoll, zwischendrin mal eine Nachrichtenpause einzulegen und sich nicht jeden Brennpunkt anzuschauen. Und dann hilft es, den Hobbys nachzugehen, Sport zu treiben, sich in den Alltag zu begeben, um sich abzulenken. Nur so kann man auch mal abschalten.

Kinder fragen – so können Sie antworten

Was ist in Paris genau ­passiert? Tobias, 8 Jahre

In der Nacht vom vergangenen Freitag gab es in der französischen Hauptstadt mehrere Anschläge, bei denen Menschen verletzt und getötet wurden. Bewaffnete Männer stürmten eine Konzerthalle und schossen dort um sich. Die Terroristen feuerten auch auf Besucher in Restaurants und Cafés und zündeten Sprengsätze. Die acht Angreifer starben bei ihren Attacken. ­Polizei und Rettungskräfte waren die ganze Nacht im Einsatz.

Was sind das für Terroristen und warum machen die das? Anna-Maria, 10 Jahre

Hinter den Anschlägen stehen Kämpfer einer Terrorgruppe, die sich Islamischer Staat (IS) nennt. Und genau ­darum geht es den Terroristen: Sie ­wollen einen eigenen Islamischen Staat errichten, in dem sie allein die Macht haben. In Teilen Syriens und des Iraks haben sie mit brutaler Gewalt schon große Gebiete erobert. Und sie wollen diese Gebiete noch ausweiten. Frankreich kämpft gemeinsam mit den USA gegen diese ­Terrorgruppe. Das ist einer der Gründe, warum der IS die Anschläge in Paris verübt hat.

Kommen die Terroristen jetzt auch zu uns? Max, 7 Jahre

In Deutschland versuchen Geheimdienste und Polizei alles, um Anschläge zu verhindern. Sie sammeln jede Menge Informationen über Verdächtige und tauschen sich mit anderen Ländern aus. Islamisten, von denen sie glauben, dass sie gefährlich sind, werden besonders streng überwacht. So ist es in der Vergangenheit schon oft gelungen, Pläne für ­Anschläge rechtzeitig aufzu­decken.

Warum verüben Terroristen Anschläge, bei denen sie selber sterben? Haben die keine Angst? Paul, 10 Jahre

Die sogenannten Selbstmordatten­täter glauben fest daran, dass sie Vorkämpfer für eine bessere Welt sind. Schon im Teenageralter wird ihnen ­erzählt, dass es eine große Ehre ist, für den Glauben zu sterben und deshalb sind sie oft bereit, ihr Leben zu opfern.

Die aktuellen Entwicklungen vom Sonntag finden Sie im News-Ticker zum Terror in Paris.

Astrid Kistner

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