Das steckt hinter der neuen Strategie

Terror-Experte fordert Bodentruppen gegen den IS

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Der selbst ernannte Kalif des Islamischen Staats, Abu-Bakr al Baghdadi.

München - Der Terror von Paris bedeutet für die EU das, was die 9/11-Anschläge für die USA waren. Die tz sprach mit dem Terrorismus-Experten Rolf Tophoven über die Folgen dieser neuen Stufe der Gewalt.

Nach diesem Freitag, den 13., ist in Europa nichts mehr wie es war.

Erstmals hat der IS seinen bislang regionalen Feldzug auf die westliche Welt ausgeweitet. Was steckt hinter diesem Strategiewechsel?

Terrorismus-Experte Rolf Tophoven.

Rolf Tophoven: Die jüngsten Anschläge zeigen, dass der IS eine lernende Terrororganisation ist. Der Terror von Paris war eine generalstabsmäßig geplante und professionell durchgeführte Aktion. Der IS hat Al-Kaida längst übertrumpft. Der IS hält ein riesiges Territorium besetzt, das er „Kalifat“ nennt. Dieser Bezug auf die Vergangenheit und dieser Erfolg macht den IS so attraktiv für viele junge Muslime und Konvertiten.

Nach 9/11 reagierte die USA mit dem Angriff auf Afghanistan. Jetzt erklärte Frankreichs Premier Manuel Valls, Frankreich sei im Krieg und werde diesen Feind zerstören. Wird Frankreich mit Bodentruppen in Syrien eingreifen?

Tophoven: Ich habe schon seit langem gefordert, dass der IS nur durch Bodentruppen wirklich entscheidend geschwächt werden kann. Die Luftschläge treffen vielleicht eine IS-Basis oder einen Truppentransport – aber sie schwächen den IS nicht existentiell. Am besten wäre ein robustes Mandat der UN – wo dann aber nicht nur die Franzosen, sondern auch die USA in dieses Gebiet hinein müssen. Notfalls mit Putin als Anti-Terror-Partner.

Und wie wird sich Deutschland da verhalten?

Tophoven: Die Frage ist, was die Bundeswehr leisten kann. Sie macht einen guten, erfolgreichen Job bei der Ausbildung der kurdischen Peschmerga. Aber ich kann mir noch nicht vorstellen, das der Bundestag ein Kampfmandat erteilen würde. Aber das kann sich schnell ändern – die Einschläge des Terrors rücken näher und man kann diesem terroristischen Vormarsch nicht tatenlos zuschauen.

Der Afghanistan-Krieg hat den Terror und die Taliban nicht wirklich besiegt. Lässt sich solch eine mörderische Ideologie überhaupt mit militärischen Mitteln bekämpfen?

Tophoven: Es ist richtig, dass ein militärischer Sieg allein nicht reicht. Die Ideologie lässt sich aus den Köpfen nicht rausbomben. Das heißt, wir müssen gesellschaftliche Alternativmodelle entwickeln, um diese Menschen vor dem Dschihad, den Heiligen Krieg, abzuhalten.

Assad machte die „fehlgeleitete Politik der westlichen Staaten, vor allem Frankreichs“ verantwortlich, zur Expansion des Terrorismus beigetragen zu haben.

Tophoven: Das ist eine perfide Äußerung. Denn Assad war es ja, der durch sein brutales militärisches Vorgehen gegen das zarte Pflänzchen des Arabischen Frühlings vorgegangen ist.

Aber hat nicht tatsächlich der Westen die Rebellen und Katar und Saudi-Arabien den IS durch Aufrüstung gegen Assad erst groß gemacht?

Tophoven: In der Tat sind die Rebellen Assads Hauptfeind – auch Putin bombardiert ja vor allem die gemäßigten Rebellen, nicht den IS. Der IS profitiert davon und kann ruhig abwarten. Assad könnte eher mit dem IS leben als mit den Rebellen. Die Ursache allen Übels liegt also sicher nicht in Frankreich!

„Dies ist nur der Anfang“, heißt es im Bekennerschreiben des IS. Wie groß ist die Gefahr, dass weitere Anschläge, auch in Deutschland, folgen?

Tophoven: Angesichts des Ausmaßes der Anschläge in Paris muss davon ausgegangen werden, dass das keine leere Drohung ist – was man allein daran sieht, dass die Sicherheitsbehörden die Drohungen durchaus ernst nehmen. Wir hatten im Januar den Anschlag auf Charlie Hebdo, dann im August den vereitelten Anschlag auf den Thalys zwischen Amsterdam und Paris. Wenige Tage vor der jetzigen Terror-Aktion in Paris gab es zudem bereits einen vereitelten Anschlag auf die Marinebasis der Franzosen in Toulon. Das sind eindeutige Anzeichen, dass der IS sich von seinem europäischen Schwerpunktzentrum in Frankreich metastasenhaft auszubreiten versucht.

Die aktuellen Entwicklungen vom Sonntag finden Sie im News-Ticker zum Terror in Paris.

Interview: Klaus Rimpel

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