Nach Terroranschlägen in Brüssel

Herrmann: "Angst wäre keine vernünftige Reaktion"

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Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

München - Der Terror in den Nachbarländern und die Warnung an Silvester: Viele Menschen auch in Bayern haben Angst. Wir sprachen mit Innenminister Joachim Herrmann.

Flughäfen abriegeln und vor der Abflughalle Sicherheitsschleusen aufbauen? Wird wenig bringen, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Wir haben mit ihm nach den Brüsseler Anschlägen telefoniert.

Die Anschläge rücken näher an unser Land. Ist Angst angebracht?

Joachim Herrmann, bayerischer Innenminister: "Nein, Angst ist immer ein ganz schlechter Ratgeber. Wir müssen uns des Risikos von Anschlägen auch in Deutschland, auch in Bayern, bewusst sein. Aber Angst wäre keine vernünftige Reaktion."

War das ein Anschlag auf Europa?

Herrmann: "Es war höchstwahrscheinlich zunächst eine Reaktion auf die Festnahme des Paris-Attentäters am 18. März. Aber natürlich ist es auch ein Angriff in der Hauptstadt Europas. Jeder islamistische Anschlag richtet sich auch gegen unsere Art zu leben, gegen unser Verständnis von Freiheit und Grundrechten – und gegen unsere Ablehnung dieser fanatischen Intoleranz, die den Islamisten zu Eigen ist."

Warum steht so oft Belgien im Mittelpunkt?

Herrmann: "Leider gibt es das Faktum, dass sich hier über Jahre eine überdurchschnittlich große gewaltbereite islamistische Szene entwickelt hat, parallel zu der in Frankreich. Die Zahl der Gefährder dort wird um ein Fünffaches größer eingeschätzt als in Deutschland. Das ist der Hintergrund für den Schwerpunkt Belgien. Darüber hinaus muss uns aber klar sein: Wir sehen uns einem weltweiten Frontalangriff des islamistischen Terrorismus ausgesetzt.

Herrmann: "Keine vergleichbare Szene in Deutschland"

Könnte eine solche islamistische Szene bei uns im Verborgenen wachsen?

Herrmann: "Ich glaube, dass eine vergleichbare Szene in Deutschland nicht existiert, in Bayern kann ich das sogar ausschließen. Wir haben mit starken Kräften von Verfassungsschutz und Landeskriminalämtern Gefährder im Blick. Trotzdem bleibt immer das Restrisiko, dass es auch Gewalttäter geben kann, von denen die Sicherheitsbehörden noch keine Kenntnis haben."

Müssen wir unsere Flughäfen besser sichern? 

Herrmann: "Seit 30 Jahren steigen die Sicherheitsmaßnahmen deutlich. Der Fokus liegt darauf, dass keine Terroristen in die Nähe von Flugzeugen kommen, schon gar nicht an Bord. Der allgemein zugängliche Bereich einer Abflughalle, wo nun in Brüssel das Attentat verübt wurde, unterscheidet sich aber nicht von einem Bahnhof, der U-Bahn, einem Fußballspiel oder Volksfest. Hier gibt es keine hundertprozentige Sicherheit."

Sie könnten die Passagiere vor Betreten der Halle kontrollieren, wie es an einigen Flughäfen in den USA üblich ist.

Herrmann: "Wir werden über weitere Maßnahmen in Ruhe nachdenken. Bei diesen Anschlägen geht es aber nur darum, irgendwo eine möglichst große Menschenmenge zu treffen. Sicherheitsschleusen am Eingang würden einen Rückstau erzeugen – auch in dieses Gedränge können sich dann gezielt Terroristen mischen. Ein Einzeltäter mit Sprengstoffgürtel unter dem Mantel ist in unserer umtriebigen Gesellschaft nicht mit absoluter Sicherheit zu entdecken."

Herrmann: "Notwendig für die Sicherheit in unserem Land"

Reichen bestehende Gesetze zur Gefahrenabwehr? Reicht das Geld?

Herrmann: "Wir müssen Polizei und Verfassungsschutz personell so ausstatten, dass sie gefährliche Szenen flächendeckend im Blick haben können. Mir erscheint darüber hinaus wichtig, dass wir den Vorschlag des Bundesinnenministers weiterverfolgen, ein komplettes Ein- und Ausreiseregister für die Europäische Union oder den Schengen-Raum aufzubauen."

Strenge Kontrollen an der Außengrenze?

Herrmann: "Wir müssen wissen, wer einreist, wer hier bleibt, wer abreist. Das ist in den USA ganz selbstverständlich. Wir haben in Europa aber nach wie vor überhaupt keinen Überblick. Das ist alles kein Allheilmittel, aber wenn wir die Sicherheit in unserem Land erhöhen wollen, ist das unbedingt notwendig."

Interview: Christian Deutschländer

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