tz-Serie zum geplanten Abkommen

TTIP: Bayerisches Bier aus Kanada

+

München - Mit dem Kürzel TTIP, das das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und Amerika bezeichnet, verbinden viele Skepsis. Wie die tz-Serie zeigt: auch der deutsche Mittelstand.

TTIP – ein Kürzel, viele Emotionen! Seit Juni 2013 wird über das geplante Freihandelsabkommen (Transatlantic Trade and Investment Partnership) zwischen der Europäischen Union und den USA verhandelt. Das Ziel: Zölle und andere Handelshemmnisse beseitigen und zum Beispiel Lebensmittel- und Umweltstandards sowie Gesetze angleichen. Verbraucher sind skeptisch, fürchten insbesondere, dass regionale Produkte von Konkurrenz aus Übersee verdrängt werden. Aber auch mittelständische Unternehmen sind skeptisch, wie unsere tz-Serie heute zeigt.

Genau 100 Mitarbeiter, rund 33 Millionen Euro Umsatz: Unternehmer Georg VI. Schneider, Chef der Traditionsmarke Schneider Weisse (seit 1872) ist ein klassischer Mittelständler. Und damit einer, dem TTIP angeblich eine ganze Palette neuer Chancen eröffnen soll.

Aber Schneider ist skeptisch. Es ist vor allem die Art und Weise der Verhandlungen, die ihm Bauchweh bereitet. „Eigentlich“, sagt der 49-Jährige, „wissen wir Brauer gar nichts.“ Und das erinnert ihn fatal an das, was bei Ceta, dem (bereits ausverhandelten, aber noch nicht ratifizierten) Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada, passiert ist. Das hat die Brauer nämlich, wie es Schneider formuliert, „kalt erwischt“. Da sei im stillen Kämmerlein verhandelt worden, „Und als es fertig war, standen wir plötzlich da wie der Ochs vorm Berg.“

Dabei ging‘s bei den Verhandlungen um nicht mehr oder weniger als die Bayerische Bier-Identität! Darum, ob der Begriff „Bayerisches Bier“ eine Herkunftsangabe ist oder einfach nur eine Gattungsbezeichnung, wie zum Beispiel Pils. Ein Bier nach Pilsener Brauart kann überall auf der Welt hergestellt werden. „Und genau das ist jetzt bei Ceta passiert“. Bayerisches Bier, das für das Münchner Bier, also ein helles Vollbier steht, wird bei Ceta zum Gattungsbegriff degradiert.

Kanadische Brauer dürfen damit ihr Bier „Bavarian Beer“ nennen, wenn es nach dieser Rezeptur gebraut wird. Schneider: „Dabei haben wir als Bayerischer Brauerbund Jahre lang dafür gekämpft, dass dieser Begriff als geographisch geschützte Herkunftsangabe eingestuft wird.“ Für Ceta wurde dieser Schutz geopfert. „Zwar nicht in deutscher Sprache“, so Schneider, „aber die englische und französische Übersetzung gehen als Gattungsbegriff durch.“

Bedanken dürfen sich die Bayern für dieses Verhandlungsergebnis laut Schneider übrigens bei den Belgiern. Denn die schickte die EU für die Branche an den Verhandlungstisch – und zwar durchaus sensibilisiert für dieses Thema: Denn der Begriff „Belgisches Bier“ ging als Herkunftsbezeichnung durch. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, so Schneider.

Wieso ausgerechnet die Belgier am Verhandlungstisch saßen? Vielleicht, weil die InBev, der weltgrößte Bierkonzern, ihren Sitz in Brüssel hat? Schneider, der 2013 zum Vizepräsident der Brewers of Europa (des europäischen Dachverbandes der Brauer) gewählt wurde, weiß es nicht: „Die Unterhändler hat die EU ausgewählt. Details wissen wir nicht. Das ist für uns wie eine große Blackbox! Das ist komplett intransparent. Da gibt’s irgendwann einen fertigen Text, der dann nach dem Motto Friss Vogel oder stirb zu beschließen ist. Und das war’s.“

Immerhin laufe der Prozess bei TTIP jetzt – zumindest etwas – transparenter ab. „Aber wir sind immer noch weit davon entfernt, sagen zu können, wir wären über die Verbände oder die Brewers of Europa eingebunden.“ Die Unterhändler hätten die Haltung: Wir wissen schon, was für euch gut ist. Schneider: „Man kann sich das dann tatsächlich so vorstellen, so wurde es mir zumindest berichtet, dass es zugeht, wie auf einem großen Basar, wo beim Feilschen gelte: Gibst Du mir das, geb’ ich Dir das...“

Mit den USA pflegt Schneider, der sein Unternehmen in der sechsten Generation führt, übrigens seit 20 Jahren Handelsbeziehungen. Die Amerikaner sind für Schneider Weisse, das sein Bier in 42 Länder verkauft, zweitwichtigster Abnehmer.

Das Geschäft dort, so Schneider, funktioniere allerdings völlig anders als bei uns. Eine Brauerei (bzw. ihr Importeur) dürfe das Bier nur herstellen (importieren) und an den Großhandel verkaufen. Eigene Gastronomie oder Großhandelsketten seien Brauern verboten. Die Gründe dafür gehen auf die Zeit der Prohibition zurück, als man, um den Alkoholverkauf besser kontrollieren zu können, Gesetze erließ, um Marktgiganten- und Kartelle erst gar nicht entstehen zu lassen. „Unser Modell, in dem Brauereien Gaststätten finanzieren oder eigene Lieferketten aufbauen können, ist in den USA nicht zulässig.

TTIP könnte diese alten Strukturen aufbrechen, Schneider wünscht sich das allerdings nicht. „Profitieren würden davon nur die ganz Großen. Die hätten dann die Möglichkeit, marktbeherrschende Strukturen zu schaffen. Für mich entstünden höchstens neue Risiken. Bisher wird der Importeur, der wie ein Hersteller behandelt wird, für Schadensersatzforderungen, die ja in den USA schnell in die Millionen gehen können, haftbar gemacht. Wir sind derzeit also relativ gut geschützt. Was nicht heißt, dass wir nicht alles tun, um die Sicherheitsstandards hochzuhalten. So verwenden wir beispielsweise für den Export in die USA nur Neuglas.“

Wenn er alle Faktoren abwägt, dann fällt Schneiders Fazit zu TTIP relativ ernüchternd aus: „Ich glaube, dass dieses Handelsabkommen der bayerischen Brauwirtschaft gar nichts bringen wird.“ Nicht einmal die Abschaffung von Zöllen brächte einen großen Effekt. Schneider: „Der Preis spielt für uns nur eine untergeordnete Rolle, wichtiger sind Innovationen, Besonderheiten, dann macht auch der Zoll das Kraut nicht Fett.“

Dass nach TTIP US-Bier den EU-Markt überschwemmen könnte, schließt Schneider aus: „Wer in den Markt einsteigen wollte, konnte das ja auch schon bisher. Und es ist ja auch passiert.“ München liefere hierzu Beispiele. Die Spaten-Löwenbräu-Gruppe (die auch Franziskaner abfüllt) gehört inzwischen ja der Anheuser-Busch InBev (die auch das US-Massenbier Budweiser produziert). „Aber Bier im großen Stil aus den USA nach Europa macht wegen des hohen Wasseranteils von 85 Prozent einfach keinen Sinn.“

Bierspezialitäten aus den USA hätten dagegen sicher ihre Chance – und darüber freut sich Schneider sogar. „Ich probiere ja auch gern…“ Seine Sorgen zu TTIP sind ganz andere: „Ich fürchte, dass sich Europa in einigen Teilen über den Tisch ziehen lässt und die amerikanische Dominanz weiter ausgebaut wird.“ Ein großes Problem stellen für Schneider die unterschiedlichen Rechtsauffassungen dar: „Unser System ist auf Gesetzen aufgebaut, das amerikanische orientiert sich an Präzedenzfällen.“

Dem Brauer fällt es schwer, sich vorzustellen, „dass das einmal zusammenpassen könnte.“ Andererseits seien faire Kompromisse aber nur möglich, wenn Spielregeln und Ausgangslagen für beide Seiten zumindest in etwa vergleichbar seien.

Schneider geht davon aus, dass TTIP schon sinnvoll sei, aber nicht für einen Mittelständler wie ihn, sondern „für die große exportgetriebene Wirtschaft.“ In Europa profitiere vor allem die Automobilwirtschaft „als unser größter Exporteur“, Was die Art der Verhandlungen angeht, fällt Schneiders Urteil knallhart aus: „ Für mich ist das Bürokratie-Diktatur!“ Allerdings, so Schneider, müsse er den verantwortlichen Politikern fairerweise zugestehen, dass er auch nicht wüsste, wie man’s besser machen könne. Immerhin verbindet der Brauer mit TTIP zumindest eine Hoffnung: „Manche Dinge des Lebens werden zwischen Europa und den USA sicher einfacher werden!“

Das sind die EU-Siegel für regionale Produkte

Garantierte traditionelle Spezialität: Das Gütezeichen bezieht sich nicht auf einen geografischen Ursprung, sondern hebt ein traditionelles Herstellungsverfahren oder traditionelle Produkt-Zusammensetzung hervor. Der Herstellungsort ist egal. Beispiele: Mozzarella oder Serrano-Schinken.

Geschützte geografische Angabe: Produkte mit diesem Siegel zeigen, dass sie spezifische Eigenschaften haben, die sie mit einer bestimmten Region verbinden. Beispiel: Nürnberger Lebkuchen, der ausschließlich in Nürnberg hergestellt werden darf. Die Zutaten müssen nicht aus der Region kommen.

Geschützte Ursprungsbezeichnung: Dieses Siegel garantiert, dass Erzeugung, Verarbeitung und Herstellung in einem bestimmten geografischen Gebiet nach einem anerkannten, festgelegten Verfahren erfolgt sind. Beispiel: Allgäuer Emmentaler, für den nur Allgäuer Milch verwendet werden darf.

Braurecht direkt vom Kini

Der Firmengründer der Weißbierbrauerei Schneider, Georg Schneider I., war der erste Bürgerliche, der von König Ludwig II. 1872 das Privileg erhielt, Weißbier brauen zu dürfen. Mit dieser Spezialisierung ist es den Nachkommen des Gründers bis heute gelungen, sich als Mittelständler gegen die Mega-Getränkekonzerne zu behaupten. Inzwischen lebt die Bier-Dynastie der Schneiders in siebter Generation.

Nachdem im Zweiten Weltkrieg die Produktionsanlagen in München bei Bomben­angriffen zerstört wurden, zog die Brauerei ins niederbayerische Kelheim um. Das Stammhaus, das Weiße Bräuhaus im Tal, blieb in München. Heute beschäftigt die Brauerei rund 100 Mitarbeiter. Der Jahresausstoß der neun verschiedenen Weißbiersorten beträgt etwa 300 000 Hektoliter.

Wolfgang de Ponte

auch interessant

Meistgelesen

Altbundespräsident Roman Herzog gestorben
Altbundespräsident Roman Herzog gestorben
Trump liebt Deutschland - und warnt BMW
Trump liebt Deutschland - und warnt BMW
Von der Leyen organisiert Sex-Seminar bei der Bundeswehr
Von der Leyen organisiert Sex-Seminar bei der Bundeswehr
Charleston-Schütze Dylann Roof zum Tode verurteilt
Charleston-Schütze Dylann Roof zum Tode verurteilt

Kommentare