Gabriel rückt von Plänen ab

tz fragt nach: Wie gefährlich sind Stromleitungen?

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München - Die diskutierte Nord-Süd-Hochspannungstrasse elektrisiert Bürger in Nordbayern seit Monaten. Die tz erkundigte sich nach der Gefahr durch Stromleitungen und dem Stand der Planung.

Der Protest gegen die als gesundheitsschädlich und landschaftszerstörend angesehenen Masten und Leitungen ist lautstark – auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat ihn gehört. Jetzt sprach er in Nürnberg einen Satz, der ebenfalls aufhorchen ließ: „Natürlich wird der jetzige Korridor nicht kommen.“ Die tz erkundigte sich nach der Gefahr durch Stromleitungen und dem Stand der Planung.

Wie wirkt die elektromagnetische Strahlung von Hochspannungsleitungen auf die Menschen?

Anja Lutz, Bundesamt für Strahlenschutz (BFS): Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, Strom zu übertragen: Wechsel- und Gleichstrom. Dabei entstehen elektrische und magnetische Felder. Die elektrischen Felder dringen nicht in den Körper ein und werden beispielsweise durch Häuser abgeschirmt. Bei der Diskussion über mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen geht es um die mag­netischen Felder. Für Wechselstrom gilt ein Grenzwert von 100 Mikrotesla, für Gleichstrom 500 Mikrotesla – die unterschiedliche Höhe liegt daran, dass sich die magnetischen Felder von Wechselstrom und von Gleichstrom unterscheiden.

Gibt es Nachweise für gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Stromleitungen?

Anja Lutz : Die gültigen Grenzwerte schützen nach dem heutigen Kenntnisstand vor nachgewiesenen gesundheitlichen Auswirkungen. Bei Wechselstrom gibt es allerdings Hinweise auf einen erhöhtes Leukämierisiko bei Kindern, wenn sie dauerhaft einer überdurchschnittlichen Belastung ausgesetzt sind. Bewiesen ist das nicht, es gibt Studien, die darauf hinweisen und Studien, die keinerlei Zusammenhang mit dem Blutkrebs-Risiko sehen. Aus Vorsorgegründen empfiehlt das BFS, die Belastungen beim Bau neuer Leitungen so gering wie möglich zu halten.

Strahlen unterirdisch verlegte Leitungen, wie sie jetzt Sigmar Gabriel in Wohnnähe vorschlägt, wirklich weniger als Hochspannungsleitungen?

Anja Lutz : Üblicherweise ist das Magnetfeld dort am höchsten, wo Sie der Leitung am nächsten sind. Bei Wechselstrom-Erdkabeln nimmt das Magnetfeld mit seitlichem Abstand schneller ab als bei Wechselstrom-Freileitungen. Dafür sind direkt über dem Erdkabel höhere Magnetfeld-Werte möglich als direkt unter einer Freileitung. Das Magnetfeld ist beim Erdkabel schmaler, weil die einzelnen Leitungen enger beieinander liegen als bei einer Freileitung. Für Gleichstromleitungen kann man das noch nicht so allgemein sagen, weil die technische Umsetzung der geplanten Leitungen nicht genau bekannt ist.

Erdkabel sind also nicht unbedingt weniger gesundheitsschädlich? 

Anja Lutz : Entscheidend ist, dass die Belastung für die Anwohner möglichst gering gehalten wird. Ob ein Erdkabel oder eine Freileitung dafür die bessere Lösung ist, hängt von den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort ab.

Wie sieht es mit der Strahlenbelastung bei den Alltagsgeräten zu Hause aus?

Anja Lutz : Die durchschnittliche Belastung mit niederfrequenten Magnetfeldern liegt in Deutschland bei 0,1 Mikrotesla – zum Vergleich: Der Grenzwert liegt bei 100 Mikrotesla. Die Belastung kommt mehrheitlich durch die Stromleitungen und Geräte daheim zustande. Kurzfristig können dabei auch Werte über dem Grenzwert für Stromleitungen auftreten: Beispielsweise liegt das Magnetfeld eines Haarföns bei drei Zentimetern Abstand zwischen sechs und 2000 Mikrotesla. Dieser vergleichsweise hohe Wert reduziert sich bei 30 Zentimetern Abstand auf 0,01 bis sieben Mikrotesla. Die Belastung nimmt mit dem Abstand schnell ab.

Sind Gleichstromleitungen generell unbedenklicher als die bisherigen Wechselstrom-Hochspannungsleitungen?

Anja Lutz : Ja. Nach heutigem Wissensstand sind beide nicht gefährlich. Aber wegen des noch unbewiesenen Leukämieverdachts sind Gleichstromleitungen Wechselstromleitungen vorzuziehen.

Interview: Klaus Rimpel

Versprechen und Drohung mit der Preiskeule

„Natürlich wird der jetzige Korridor nicht kommen“: Nach dieser Aussage Sigmar Gabriels dürfte bei den Trassengegnern in der Oberpfalz und in Oberfranken die Hoffnung keimen, sie hätten die gefürchtete Stromtrasse schon halb verhindert. Stimmt das? Beate Braams aus der Presseabteilung des Bundeswirtschaftsministeriums erläutert, der Minister habe angesichts der Proteste aus Bayern „deutlich gemacht, dass es zu Veränderungen bei den Anfangs- und/oder Endpunkten der geplanten Leitung kommen kann“. Es war bereits durchgesickert, dass die Stromleitung nicht schon in Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) beginnen soll, sondern weiter nördlich. So könne Windenergie eingespeist werden, womit man die Bedenken der Bayern zerstreue, es solle hauptsächlich dreckiger Braunkohlestrom aus dem Osten nach Süden transportiert werden.

Für die konkrete Trasse gibt es laut Ministerium noch kein Verlaufs-Konzept, nur einen ersten Entwurf des Netzentwicklungsplanes. Der sei nicht Gegenstand des laufenden Konsultationsverfahrens, sagte Braams zur tz.

Gabriel kündigte an, dass streckenweise auch Erdverkabelungen zugelassen und bei Freileitungen verträgliche Lösungen gesucht werden sollen. Der Minister warnte aber auch: Bei anhaltendem Widerstand gegen Stromtrassen drohten nach der Abschaltung der Kernkraftwerke in Teilen von Deutschland Stromengpässe und verschiedene Preiszonen: Wo Strom ein knappes Gut sei, müssten Verbraucher mehr zahlen.

BW

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