tz-Interview zum Windkraft-Streit

Barthel: "Wir laufen wieder in den Atomstaat"

+
Großes Bild: Ein Windrad nahe Wildpoldsried (Oberallgäu). Kleines Bild: Herbert Barthel.

München - Horst Seehofer will eine 2000-Meter-Regel für Windräder durchsetzen. Im tz-Interview erklärt Dr. Herbert Barthel vom Bund Naturschutz, warum der Vorstoß so gefährlich ist.

Das Thema Windkraft ist ja auch für den Bund Naturschutz schwierig – es gibt ja immer wieder regionalen Widerstand von Umweltschützern…

Dr. Herbert Barthel, Energie-Experte des Bund Naturschutz in Bayern: Um aus der Atomkraft und der Kohle auszusteigen brauchen wir die Windenergie in Bayern. Wir haben sehr viel darüber diskutiert, aber letztlich sind der Bund und alle 76 Kreisgruppen in Bayern pro Windkraft. Aber natürlich mit einer fachlich fundierten, gründlichen Planung. Deshalb haben wir den Winderlass der bayerischen Staatsregierung von 2011 begrüßt.

Viele Vogelschützer sind trotzdem gegen Windkraft…

Barthel: Es sterben 100 mal so viele Vögel und Fleder­mäuse im Straßenverkehr wie an Windrädern! Auch an Hochspannungsleitungen gehen mehr Vögel zu Grunde. Natürlich gibt es regional Probleme. Deshalb fordern wir eine saubere Planung mit Umweltverträglichkeits- und Artenschutz-Prüfungen.

Windkraft: CSU-Aufstand gegen Horst Seehofer

Und wie stehen Sie zu den Klagen wegen Landschaftsverschandelung?

Barthel: Landschaft ist ein schwieriges Thema – den einen stört’s weniger, den anderen mehr. Es gibt an bayerischen Hochschulen die Wissenschaft der Landschaftsarchitektur, die da gute Beiträge leisten kann: Selbst diese Ungetüme lassen sich hinter Waldrändern oder Hügelkuppen verstecken. Wir glauben, dass ein Prozent der Landschaft in Bayern für Windräder genutzt werden kann, was 20 Prozent des heutigen Strombedarfs decken würde.

Und der Lärm durch die Rotoren?

Barthel: Die Probleme sind hier eigentlich gelöst: Wir haben ein Emissionsschutzgesetz, woraus sich ergibt, dass mindestens 800 Meter Abstand zwischen einem Windrad und einem Wohnhaus liegen müssen – so wie es auch im Winderlass der bayerischen Staatsregierung von 2011 steht.

Aber jetzt fordert Horst Seehofer plötzlich 2000 Meter Abstand. Wie kommt er zu dieser Zahl?

Barthel: Das wissen wir nicht. Entweder ist die Zahl völlig willkürlich – oder es steckt die böse Absicht dahinter, die Energiewende in Bayern zum Stolpern zu bringen. Aus Naturschutzsicht ist diese 2000-Meter-Regel gefährlich: Denn dann könnten Windräder nur noch dort gebaut werden, wo Bayern am schönsten ist. Auf der Hohen Rhön oder in den Hochlagen des Bayerischen Walds oder des Fichtelgebirges. Das ist also nicht nur ein Angriff auf die Energiewende, sondern auf den Landschaftsschutz in Bayern!

Gleichzeitig wird die Leistungserhöhung für das Atomkraftwerk Gundremmingen beantragt. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Barthel: Offiziell wird gesagt: Nein. Aber wir haben die Befürchtung, dass da Kräfte im Hintergrund sind, die Druck auf die bayerische Staatsregierung machen – offenbar mit Erfolg. Der Atomausstieg in Bayern ist nicht sicher, die Energiewende kommt unter die Räder. In Unterfranken wird ja noch diskutiert, das Akw Grafenrheinfeld auch nach 2015 weiterlaufen zu lassen. Das macht Angst, dass der Atomausstieg umgedreht wird und wir wieder in den Atomstaat Bayern laufen!

Dagegen gibt es inzwischen ja sogar Widerstand in der CSU…

Barthel: Ja, wir setzen auf mutige Kommunalpolitiker in allen Parteien. Es gibt ja auch in der CSU Leute wie den Bundestagsabgeordneten Josef Göppel, der wirklich für die Erneuerbaren Energien kämpft. Wir hoffen, dass dieser Druck aus den eigenen Reihen die Verantwortlichen in der Regierung zur Besinnung bringt.

Interview: Klaus Rimpel

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Aktuelle Umfrage: AfD legt nach Jamaika-Aus zu
Aktuelle Umfrage: AfD legt nach Jamaika-Aus zu
Wer von Neuwahlen profitieren könnte - und wer um sein Mandat bangt
Wer von Neuwahlen profitieren könnte - und wer um sein Mandat bangt
Libanesischer Premier Hariri schiebt Rücktritt zunächst auf
Libanesischer Premier Hariri schiebt Rücktritt zunächst auf
Nordkoreanische Soldaten jagen Kameraden an Landesgrenze
Nordkoreanische Soldaten jagen Kameraden an Landesgrenze

Kommentare