Altkanzler verstirbt von 96 Jahren

tz-Nachruf: Schmidt Schnauze wird uns fehlen!

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Helmut Schmidt verstarb am Montag im Alter von 96 Jahren.

Hamburg - Helmut Schmidt ist am Montagnachmittag in seinem Haus in Hamburg verstorben. tz-Redakteur Klaus Rimpel wird die Schnauze des Ex-Kanzlers vermissen. Ein Nachruf:

Nein, ein sanfter, versöhnlicher älterer Herr war dieser Helmut Schmidt bis zuletzt nicht, wollte er auch nie sein. Nach einem seiner letzten Auftritte in München, 2014 bei der Sicherheitskonferenz, titelte die tz: „Helmut Schmidt – der Party-Schreck“: Der damals 95-jährige Alt-kanzler verfolgte die vorher brav dahinplätschernde Diskussion zur Nato eine Zeit lang schweigend, wurde dabei sichtlich immer grantiger – ehe er barsch das Wort ergriff: „Es interessiert mich nicht, über die letzten 50 Jahre zu reden. Vielleicht liegt das an meinem Lebensalter: Ich bin mehr dafür, mich mit den nächsten 50 Jahren zu beschäften!“

Und dann legte Schmidt Schnauze los, wetterte über die Tatenlosigkeit der Politik angesichts der Bevölkerungsexplosion und über die durch nichts begrenzte Macht der Londoner und New Yorker Finanzmanager. Dieser Auftritt in München zeigte damals wie im Brennglas, warum Schmidt der beliebteste Deutsche ist – oder, wie man jetzt leider sagen muss: war. Denn dieser Politiker redete Klartext, verlor sich dabei aber nie im Kleinklein, sondern brachte die wirklich großen Probleme auf den Punkt – und hatte, auch als 96-Jähriger, immer die Zukunft im Blick.

Helmut Schmidt: "... dann gibt es die EU bald nicht mehr"

Wenn er damals auf der Siko sagte „Wenn die EU weiter so vor sich hin wurstelt wie in den letzten zehn Jahren, dann gibt es die EU bald nicht mehr“ – dann klingt das heute, angesichts der aktuellen Zerfallsprozesse in Europa, fast schon prophetisch.

Helmut Schmidt war ein wahrer Weltpolitiker – was viele seiner Mitstreiter bei Podiumsdiskussionen schon auch nerven konnte, wenn er mal wieder in historische Exkurse abglitt oder wie nebenbei Anekdoten von seinen Treffen mit historischen Größen wie Mao oder Deng Xiaoping einwarf. Aber das, was dieser spröde Hanseat zu erzählen hatte, war immer von solcher Tiefe und Klarheit, dass jede Merkel-Rede oder (um einen seiner vielen glücklosen Nachfolger in der SPD zu nennen) jedes Wort Sigmar Gabriels daneben klingt wie hohles Gerede eines Kaninchenzüchter-Vereinsvorsitzenden.

Er wird uns fehlen, dieser Mahner aus dem hohen Norden, dessen Meinungen zur Innen- und Außenpolitik oft jenseits des Mainstreams lagen. So wie er auch als Kanzler oft jenseits der Linie seiner SPD lag – etwa, als er für den Nato-Doppelbeschluss eintrat, um der atomaren Aufrüstung der Sowjetunion etwas entgegenzusetzen.

Helmut Schmidt war kein Mann der großen Gefühle

Diese innerparteiliche Opposition war es letztlich, die 1982 Schmidt aus dem Kanzleramt fegte – so sah er seinen Sturz durch Helmut Kohl später selbst, so sehen es auch viele Historiker. Dieser Misserfolg trieb Schmidt Zeit seines Lebens um. 1986 schrieb er in einem Leserbrief: Er habe den Doppelbeschluss als Druckmittel für beiderseitige Verhandlungen konzipiert, bezweifle aber, dass sie ernsthaft geführt worden seien. Der Fall der Mauer, der auch ein Ergebnis einer in den Ruin gerüsteten Sowjetunion war, gab ihm am Ende – mal wieder – recht…

Schmidt war nie ein Mann großer Gefühle – aber gerade diese regelrecht zur Schau gestellte Nüchternheit machte ihn so sympathisch. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, so einer dieser typischen Schmidt-Sprüche, die seine spröde Art, zu denken und Politik zu machen, wunderbar beschreibt.

Je älter er wurde, desto beliebter wurde Schmidt – als Kanzler, das darf man nicht unterschlagen, war dieser SPD-Politiker genauso im Feuer der täglichen Kritik wie später Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder heute Angela Merkel. So beliebt war er in seinen letzten Lebensjahren, dass selbst eingefleischte Nichtraucher ihm verziehen, wenn er trotz Rauchverbots im TV-Studio oder auf der Bühne des Münchner Volkstheaters seine unvermeidliche Mentholzigarette anzündete. Als die Nachricht kam, dass der Arzt dem 96-Jährigen das Rauchen verbot, wussten wir: Es wird bald zu Ende gehen … Hoffentlich gibt es kein Rauchverbot im Himmel!

Klaus Rimpel

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