Terroranschläge überschatten Freundschaftsspiel

tz-Reporter: Meine Nacht im Stadion der Angst

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Nach Abpfiff rannten viele Zuschauer von den Tribünen auf das Spielfeld

München - Kein Freundschaftsspiel wie jedes andere war die Partie zwischen Frankreich und Deutschland. tz-Reporter Sven Westerschulze berichtet von den unklaren Stunden im Stade de France.

Freitagmittag gab die Pariser Polizei Entwarnung. Die Nationalmannschaft durfte nach der Bombendrohung vom Morgen wieder in ihr Hotel, der beunruhigendste Teil der Länderspielreise schien überstanden, dachten wir alle. Es kam anders. Der Abend wurde einer der dunkelsten in Frankreichs Geschichte.

Dabei hatte er im Stade de France ganz normal begonnen. Knapp 80 000 Franzosen sangen inbrünstig die Nationalhymne und feuerten ihr Team an. Alles lief wie immer – bis zwei laute Explosionen Mitte der ersten Halbzeit das Stadion in Aufruhr versetzten. Auch wir Journalisten auf der Pressetribüne schauten uns fragend an. So laute Böller? Die Partie lief weiter, also ging auch ich weiter meiner Arbeit nach. Sekunden vor der Pause fiel das 1:0, in der Halbzeit diskutierten einige Kollegen und ich ein paar Szenen aus der ersten Hälfte.

Sven Westerschulze war am 13. November im Stade de France.

Als ich gerade zum Wiederanpfiff Platz genommen hatte, kam Unruhe auf. Die ersten Kollegen berichteten von einem Attentat, nicht weit vom Stadion. Auch im Zentrum habe es einen Anschlag gegeben. Ein paar Minuten später berichtete der nächste von einer Geiselnahme, auch über Twitter gab es nun erste Meldungen, in denen von einem Terroranschlag die Rede war. Die Stadiontore wurden geschlossen, das Gebiet abgesperrt. Der Stadionsprecher verzichtete allerdings auf Durchsagen, man wollte eine Massenpanik vermeiden. Ich telefonierte mit den Kollegen aus der Redaktion in München, doch auch die kannten zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Einzelheiten der grausamen Anschläge. Im Stadion wurde es immer ruhiger, man hörte Hubschrauber kreisen. Ich versuchte, mich weiter auf das Spiel zu konzentrieren – aber es wurde von Minute zu Minute schwieriger, fast unmöglich. In der Schlussphase schaute ich mehr aufs Handy als aufs Feld, Müllers Pfostenschuss und Gignacs Tor wurden nur noch unter „ferner liefen“ registriert.

Sven Westerschulze im Interview

Dennoch wussten wir beim Schlusspfiff noch immer nicht, dass sich die Ereignisse als einer der schlimmsten Terroranschläge in Europa, in der ganzen Welt, herausstellen sollten. Das schreckliche Ausmaß war uns zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Ums Stadion herum schien wieder Normalität eingekehrt, die Tore wurden vor Abpfiff geöffnet, die Zuschauer gingen. Wir Journalisten machten uns auf den Weg in die Mixed-Zone, um später noch mit den Spielern über ihre Eindrücke dieses traurigen Abends zu sprechen. Wir kamen nicht weit. Auf dem Weg in die Katakomben sahen wir plötzlich, wie die Menschen wieder zurückrannten. Es gab Gedränge, zum ersten Mal an diesem Abend spürte ich Angst. Auch von meinen Kollegen wusste niemand, was da draußen los war und warum die Menschen wieder ins Stadion flüchteten. Wir gingen direkt zurück auf die Tribüne und sahen Tausende Fans auf dem Rasen. Mir wurde von Minute zu Minute mulmiger.

Auf mein Handy hatte ich das letzte Mal in der Endphase des Spiels geguckt, jetzt, knapp 20 Minuten später, sah ich etliche Nachrichten von Familie und Freunden aus der Heimat. Gerne hätte ich ihnen gesagt, was hier vor sich ging – aber ich wusste es nicht. Inzwischen wurden immer mehr Informationen bekannt, die Zahl der Toten immer größer. Der Puls schlug schneller als sonst, Ungewissheit paarte sich mit Angst. Wie sollte es weitergehen? Das Stadion leerte sich bis Mitternacht, wir Journalisten blieben bis ein Uhr auf der Tribüne – für uns der sicherste Ort. Anschließend ging es in den Presseraum. Wir warteten auf weitere Instruktionen von unserem DFB-Reiseleiter, der in ständigem Kontakt zu seinen Kollegen stand. Kurz nach zwei war klar, dass wir in unser Hotel zurückfahren würden. Die Mannschaft war noch im Stadion, im Gegensatz zu uns blieb sie auch dort. Angesichts der unübersichtlichen Lage und der Tatsache, dass der auffällige Mannschaftsbus des Weltmeisters eine fahrende Zielscheibe sein könnte, erschien den Verantwortlichen eine Rückkehr ins Hotel zu gefährlich.

Auch unsere Fahrt ins Hotel war gespenstisch. Die Straßen leer gefegt, die Stimmung bedrückt. Jeder wusste, dass nicht nur Frankreich, sondern die ganze Welt in dieser Nacht erschüttert wurden. Um sechs Uhr morgens ging es dann mit dem Bus zum Flughafen. Als wir ankamen, saß die Mannschaft schon in der Maschine, die um kurz vor neun in Richtung Frankfurt abhob. Zurück in Deutschland war die Erleichterung groß. Doch viel größer ist die Trauer und das Mitgefühl für die Opfer und die Angehörigen dieser feigen Anschläge. Wie es scheint, hatten wir Stadionbesucher großes Glück, dass die Sicherheitskräfte einen Selbstmordattentäter erkannten und ihn nicht in die Menge hereinließen. Doch dieses Glück hatten am Freitagabend leider nicht alle.

Die aktuellen Entwicklungen vom Sonntag finden Sie im News-Ticker zum Terror in Paris.

Sven Westerschulze

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