Perfekte Bühne für Altkanzler und OB

Udes Geschichtsstunde mit Helmut Schmidt

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Ein Tisch, ein Aschenbecher, zwei Männer, zwei Afri-Cola: Christian Ude und Helmut Schmidt

München - Altkanzler Helmut Schmidt gibt sich in München Ehre und 600 Menschen im ausverkauften Volkstheater hängen an seinen Lippen - auch OB Christian Ude.

6000 Karten hätte die SPD für diesen Abend verkaufen können. Locker. Sagt Rainer Glaab, der Sprecher der Bayern-SPD. So sind es 600 Menschen, die Dienstagabend im ausverkauften Volkstheater Platz gefunden haben, um das größte Vorbild der Deutschen (Ergebnis einer aktuellen Umfrage) einmal live zu erleben: Altkanzler Helmut Schmidt (93) im Gespräch mit OB Christian Ude (64). Unter den Gästen 100 Journalisten aus der ganzen Republik, Alt-OB Hans-Jochen Vogel, der den Termin arrangiert hatte - und Schmidts neue Lebensgefährtin Ruth Loah (79).

Die Plauderei zwischen Fragesteller Ude („Sie, Herr Bundeskanzler“) und Hauptredner Schmidt („Sie, Christian“) entwickelt sich schnell zur einprägsamen Geschichtsstunde - auch wenn der Altkanzler nicht zwingend auf jede Frage eingeht. Was er von Bayern hält? „Da muss ich zurückgehen in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg...“ Wie er den früheren Ministerpräsidenten Alfons Goppel erlebt hat? „Er war ein wunderbarer Kerl.“ Was er von Franz Josef Strauß gehalten hat? „Wir waren Gegner, haben uns aber gegenseitig geachtet. Wir hatten mehr persönliche Kontakte als öffentlich bekannt. Er kam durch den Garten des Bundespräsidenten, und ich begrüßte ihn: Na, Sie alter Gauner. Er sagte: Na Sie alter Lump.“ Strauß habe bereits als Verteidigungsminister in den 1950er-Jahren versucht, sämtliche neue Technologien in Bayern anzusiedeln. „Wenn er am Ammersee hätte U-Boote bauen können, hätte er es getan.“

Und so plaudern sich die beiden locker durch den Abend, reden über den Nato-Doppelbeschluss von 1979 („Ich habe die Demonstranten dagegen verstanden, konnte ihnen aber nicht Recht geben“) ebenso wie über Schmidts Sturz durch die FDP und Helmut Kohl 1982 („Ich glaube, die FDP wollte zeigen, dass man ohne sie nicht regieren kann“), machen einen Abstecher zur Hamburger Sturmflut von 1962 und zur Schleyer-Entführung 1977. Beim Thema Euro richtet sich Schmidts Blick auf Gegenwart und Zukunft - und dort wird der kurzweilige Erzähler zum deutlichen Mahner. Europa leide „unter einem Staatsschuldenproblem, einem Bankenproblem und einer Konjunkturkrise“, sagt er. „Ich beneide Angela Merkel da nicht.“ Erforderlich sei vor allem eine viel stärkere Regulierung der Banken. Die verdienten ohnehin zu viel Geld. „Eine Handvoll bereichert sich durch Methoden, die nicht in Ordnung sind.“ Und Europa brauche starke Führungspersönlichkeiten, wie es einst Charles de Gaulle und Winston Churchill waren.

Schmidt bemängelt nämlich auch ein „Defizit an Demokratie“, wenn Politiker meinten, eine nationale europäische Währung quasi aus dem Handgelenk wieder einführen zu können. Nach eindreiviertel Stunden, fünf Zigaretten der Marke Reyno und einer Afri-Cola gibt es lang anhaltenden Beifall für Helmut Schmidt - und für Fragensteller Christian Ude. Und die weitaus meisten der 600 Gäste gehen kurz vor 22 Uhr beseelt nach Hause. Auch weil Schmidt ganz zum Schluss noch eine Vision parat hatte. In vier Jahrzehnten könne es gut möglich sein, dass sich die USA und China einen Wettkampf um den besseren Sozialstaat liefern. Die 600 Besucher - sie würden auch in vier Jahrzehnten noch an Helmut Schmidts Lippen hängen.

Peter Schiebel

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