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Sogar in Russlands Staats-TV ändert sich der Tonfall: Putins Propaganda-Maschine hakt

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Von: Franziska Schwarz

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Wladimir Putin
Vormals eine Seltenheit: offene Kritik an Wladimir Putin © Uncredited/POOL TASS Host Photo Agency/AP/dpa

Im russischen Staatsfernsehen ist plötzlich offene Kritik an Wladimir Putin zu hören - und die kremltreuen Moderatoren scheinen überfordert.

Moskau - Das Programm des russischen Staatsfernsehens kommt üblicherweise Pro-Putin-Festspielen gleich, auch im Ukraine-Krieg, der offiziell nicht so heißen darf. Die Erfolge der ukrainischen Gegenoffensive provozieren nun aber öffentliche Kritik am Kremlchef. Das frühere Duma-Mitglied Boris Nadezhdin etwa hat am Sonntag in einem Politik-Talk des Senders NTW offen die Strategie des russischen Militärs in Frage gestellt – ein Affront.

So selten ist im TV Widerspruch gegen Wladimir Putin, dass die US-Nachrichtenagentur AP direkt bei Nadezhin nachhakte. Immerhin forderte der Politiker Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine, ein Unterfangen, das aktuell am Unwillen der Regierung von Wolodymyr Selenskyj scheitere, wie der Kreml behauptet.

Gegenüber AP betonte Nadezhin jedoch, dass Verhandlungen „jederzeit und überall“ möglich seien. Vor dem NTV-Publikum hatte er sogar unterstrichen, dass er keine Strafen wegen „Fake News“ über die „militärische Spezialoperation“ fürchte.

Putin-Kritik im Russland-TV: „Harte Fragen“ wegen Ukraine-Krieg

Dass das Propaganda-TV plötzlich auch „harte Fragen“ an den Kremlchef parat hat, fiel auch dem US-Sender CBS anlässlich des NTW-Talks auf. In der Runde mit Nadezhin saß auch der Politik-Experte Viktor Olevich, der Putins Narrativ ebenfalls nicht mehr glauben wollte: „Sie sagen, alles läuft nach Plan“, rief er laut CBS ungläubig. „Wollen die uns wirklich erzählen, dass vor einem halben Jahr geplant war, einen Gegenoffensive abwehren zu müssen?“

Russischer Militär-Verwalter im TV: „Die Situation ist nicht lustig“

In einer der jüngsten Ausgabe von „60 Minuten“ wiederum - einem abendlichen Polit-Talk auf dem Staatssender Rossija 1 - sagte ein pro-russischer Verwalter in der Region Donezk laut n-tv ganz offen: „Die Situation ist nicht einfach, die Situation ist nicht lustig.“ Die Gegenoffensive der Ukraine werde zwar keinen Erfolg haben, „aber wir dürfen uns nicht entspannen“.

Die kremltreuen Moderatoren Ewgenij Popow und Olga Skabejewa konnten diese Aussage gar nicht mal so entspannt „wegmoderieren“, so der Bericht.

Russlands Staatsfernsehen und seine Rolle im Ukraine-Krieg

Im Zuge der russischen Invasion in die Ukraine verbietet der Kreml, vermeintliche Falschnachrichten über Russlands Streitkräfte zu verbreiten. Offiziell sprechen Russlands Präsident Wladimir Putin und seine Gefolgschaft nur über eine „militärische Spezial-Operation“. Bei Verstoß gegen das neue Gesetz drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Die Journalistin Marina Owsjannikowa hatte im März 2022 den Live-Protest im russischen Staatsfernsehen gegen die russische Invasion in die Ukraine gewagt. Russland verhängte Geldstrafen gegen sie.

Die Verbreitung der russischen Staatsmedien RT und Sputnik ist in der EU sei Anfang März verboten, weil ihnen Kriegspropaganda vorgeworfen wird. Im Juli scheiterte RT France mit seiner Klage gegen das EU-Sendeverbot vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch der Ableger RT Deutschland darf hierzulande nicht senden

TV-Moderator zur Gegenoffensive: Ukrainer machen aus „Scheiße Pralinen“

Auch Maxim Yusin, Außenpolitik-Kommentator der russischen Zeitung Kommersant, sprach im Staatsfernsehen ganz frei. „Ich habe den Eindruck, dass wir auf kaltem Fuß erwischt wurden“, sagte er in einem NTW-Talk - obwohl der Moderator ihn noch daran hindern wollte, beobachtete das Schweizer Portal blick.ch.

Vom Studiopublikum sei Yusin für diese Aussage faktisch „niedergeschrien“ worden, während der Moderator die Erfolge der Ukrainer herunterspielte: „Sie können aus Scheiße Pralinen machen.“ Kritik muss der Kremlchef inzwischen aber auch Off-Screen aushalten. Lokalpolitiker fordern Putin offen zum Rücktritt auf. (frs)

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