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Kriegsgräuel in Butscha: Selenskyj wendet sich an Merkel - er will ihr den Tatort persönlich zeigen

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Von: Patrick Huljina

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Die schrecklichen Bilder aus dem Kiewer Vorort Butscha sorgten für Entsetzen im Ukraine-Krieg. Zahlreiche Politiker forderten Aufklärung und Konsequenzen.

Update vom 5. April, 6.25 Uhr: Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hat alle Kollegen, die an der Wirkung neuer Sanktionen gegen Russland zweifelten, zu einem Besuch des Kiewer Vororts Butscha eingeladen. Dort haben russische Truppen nach bisherigen Ermittlungen viele Zivilisten getötet. Die Einladung gelte vor allem für einige nicht genannte Angehörige der Gruppe G7, sagte Kuleba am Montag nach einem Treffen mit der britischen Außenministerin Liz Truss in Warschau. „Ich weiß, dass es einige Mitglieder der G7 gibt, die immer noch am Sinn weiterer Sanktionen gegen Russland zweifeln“, wurde Kuleba von der Agentur Unian zitiert.

Kriegsverbrechen in Butscha: Zweifler sollen mit eigenen Augen hinsehen

„Daher lade ich diese Kollegen ein, noch vor ihrem Ministertreffen am Donnerstag Butscha zu besuchen, um jegliche Zweifel zu zerstreuen“, sagte Kuleba. Neben den Außenministern seien auch andere Mitglieder ihrer jeweiligen Regierungen willkommen. „Halbe Maßnahmen reichen nicht mehr aus“, sagte Kuleba und bekräftigte seine Forderung nach „strengsten Sanktionen“ gegen Moskau. Zur G7 gehören Deutschland, Großbritannien, Kanada, die USA sowie Japan, Italien und Frankreich.

Die Bilder aus dem Kiewer Vorort Butscha, wo nach dem Abzug russischer Truppen Dutzende Leichen von Bewohnern auf den Straßen gefunden worden waren, hatten am Wochenende international für Entsetzen gesorgt. Die Ukraine macht für das Massaker russische Truppen verantwortlich, die die Stadt bis vor kurzem besetzt hatten. Moskau bestreitet das.

Update vom 4. April, 9.12 Uhr: In seiner jüngsten Videoansprache wendete sich Wolodymyr Selenskyj direkt an die Altkanzlerin: „Ich lade Frau Merkel und Herrn Sarkozy ein, Butscha zu besuchen und zu sehen, wozu die Politik der Zugeständnisse gegenüber Russland geführt hat“, sagte der ukrainische Präsident am Sonntag.

Angela Merkel* (CDU*) und Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy sollen laut Selenskyj in das von Gräueltaten betroffene Butscha reisen. Die Bilder aus dem Kiewer Vorort, wo nach dem Abzug russischer Truppen zahlreiche Leichen von Bewohnern auf den Straßen gefunden worden waren, haben international für Entsetzen gesorgt.

Die Ukraine macht für das Massaker russische Truppen verantwortlich, die die Stadt bis vor kurzem besetzt hatten. Moskau bestreitet das. Die russische Botschaft in Berlin sprach beispielsweise von einer „Inszenierung des Kiewer Regimes für westliche Medien“.

Ukraine-Krieg-News: Selenskyj wirft Nato „Fehlkalkulation“ vor

Im Jahr 2008 hätten die Nato-Staaten die Aufnahme der Ukraine in das Militärbündnis abgelehnt, aufgrund der „absurden Angst einiger Politiker“ vor Russland, sagte Selenskyj. Sie hätten geglaubt, „dass sie durch die Ablehnung der Ukraine Russland besänftigen könnten“.

Wegen dieser „Fehlkalkulation“ habe die Ukraine eine Revolution, acht Jahre Krieg im ostukrainischen Donbass und nun „den schlimmsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg“ erlebt. Aber „wir geben nicht dem Westen die Schuld“, fügte der Präsident hinzu. „Wir beschuldigen niemanden außer dem russischen Militär und denjenigen, die ihnen Befehle gegeben haben.“

Ukraine-Krieg: Wolodymyr Selenskyj in seiner Videoansprache vom 3. April 2022 aus seinem Büro in Kiew
Videostill vom 3. April: Selenskyj in einer seiner Ansprachen im Ukraine-Krieg © Uncredited/Pressebüro des ukrainischen Präsidenten via AP/dpa

Ukraine-Krieg: Moskau dementiert Schuld an Butscha-Massaker 

Update vom 3. April, 19.10 Uhr: In einer Mitteilung hat das russische Verteidigungsministerium die Schuld für das Massaker an der Zivilbevölkerung in der ukrainischen Stadt Butscha von sich gewiesen. „In der Zeit, in der die Siedlung unter der Kontrolle der russischen Streitkräfte stand, hat kein einziger Einwohner unter irgendwelchen Gewalttaten gelitten“, hieß es darin. Die russischen Soldaten hätten den Kiewer Vorort bereits am vergangenen Mittwoch verlassen.

Die Behörde in Moskau deutete zudem an, dass die Aufnahmen gefälscht sein könnten – etwa weil einer der Menschen, die am Straßenrand liegen, in einer Videoaufnahme angeblich seine Hand bewegen soll. Das ist jedoch falsch. In dem entsprechenden Video ist keine Handbewegung zu sehen. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge handelt es sich um Leichen, die dort liegen. Auch in weiteren Aufnahmen, die in derselben Straße unter anderem von Pressefotografen gemacht wurden, liegen die Leichen an exakt derselben Stelle.

Ukraine-Krieg: Entsetzen über Gräueltaten in Butscha – „Die Hölle des 21. Jahrhunderts“

Erstmeldung: Kiew - Es ist ein weiterer grausamer Höhepunkt seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts. Die Bilder aus Butscha sind erschütternd und verstörend. Die Vorstadt Kiews, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt gelegen, war seit Beginn des russischen Angriffs vor mehr als fünf Wochen heftig umkämpft. Inzwischen hat sich die russische Armee aus dem Gebiet zurückgezogen – hinterließ allerdings ein Bild des Grauens. Leichen liegen mitten auf den Straßen, Wohnhäuser sind vollständig zerstört.

In Butscha wurden laut Angaben der ukrainischen Behörden fast 300 Leichen gefunden. Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten, dass zahlreiche Tote zivile Kleidung getragen hätten. Sie sahen auf einer einzigen Straße in dem Vorort von Kiew mindestens 20 Leichen liegen. Mychajlo Podoljak, ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, teilte auf Twitter Bilder von erschossenen Männern. „Die Hölle des 21. Jahrhunderts“, schrieb er dazu.

„Alle diese Menschen wurden erschossen“, berichtete der Bürgermeister von Butscha, Anatoly Fedoruk. „Sie haben sie mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet.“ Es stünden Autos auf den Straßen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“. Nach Angaben des Bürgermeisters mussten 280 Menschen in Butscha in Massengräbern beigesetzt werden.

Gräueltaten in Butscha: Scholz fordert „schonungslose Aufklärung“ – Baerbock kündigt Sanktionen an

Das Entsetzen ist groß, weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. „Das, was in Butscha und anderen Vororten von Kiew passiert ist, kann man nur als Völkermord bezeichnen“, sagte Vitali Klitschko – Bürgermeister von Kiew – der Bild. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sprach von einem „absichtlichen Massaker“ und forderte weitere Sanktionen. Die russischen Streitkräfte hätten „eine totale Katastrophe und zahlreiche Gefahren“ hinterlassen, schrieb Präsident Selenskyj bei Facebook. Er warnte vor vermintem Gebiet und weiteren Luftangriffen.

In Berlin machte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Moskau direkt für schwere Kriegsverbrechen verantwortlich. „Die Bilder aus Butscha erschüttern mich“, so der langjährige SPD-Außenminister. Zuvor hatte ihm der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, eine bedenkliche politische Nähe zu Russland vorgeworfen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) verlangte am Sonntag in Berlin: „Diese Verbrechen des russischen Militärs müssen wir schonungslos aufklären.“

Eine Frau geht auf einer Straße in Butscha, die übersäht ist mit zerstörten russischen Militärfahrzeugen.
Nach dem Rückzug der russischen Armee bietet sich in Butscha ein Bild der Zerstörung. © Rodrigo Abd/dpa

Außenministerin Annalena Baerbock bezeichnete die Bilder als „unerträglich“. Auf Twitter machte sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich verantwortlich: „Putins hemmungslose Gewalt löscht unschuldige Familien aus und kennt keine Grenzen.“ Die Grünen-Politikerin fügte hinzu: „Die Verantwortlichen für diese Kriegsverbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Sie kündigte härtere Sanktionen gegen Russland und weitere Hilfen für die Ukraine an.

Ukraine-Krieg: Russische Opposition spricht von „Völkermord“

US-Außenminister Antony Blinken zeigte sich ebenfalls entsetzt über die Gräueltaten. Als „einen Schlag in die Magengrube“ bezeichnete er die Bilder. „Das ist die Realität, die sich jeden Tag abspielt, solange Russlands Brutalität gegen die Ukraine anhält. Deshalb muss es ein Ende haben“, sagte Blinken dem Sender CNN. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte: „Es ist eine Brutalität gegen Zivilisten, wie wir sie in Europa seit Jahrzehnten nicht gesehen haben.“ Das unterstreiche die Notwendigkeit, dass der Ukraine-Krieg beendet werde und die Verantwortlichen für Gräueltaten zur Verantwortung gezogen würden.

Aus dem Kreml gab es zu den Vorwürfen in den ersten Stunden kein Wort – auch nicht vom russischen Verteidigungsministerium. Doch die russische Opposition sieht die Verantwortung ebenfalls bei Präsident Putin. „So sieht die von Putin arrangierte ‚Verteidigung der russischen Welt‘ aus“, meint die Sprecherin des inhaftierten Kremlgegners Alexej Nawalny, Kira Jarmysch. Was in Butscha geschehen sei, habe nichts mit Krieg zu tun. „Krieg bedeutet einen mehr oder weniger gleichberechtigten Kampf zwischen beiden Seiten – das aber ist Völkermord.“ (ph/dpa/afp)

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