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Greift Putin zu Chemie-Waffen? USA warnen Verbündete und nennen ein Szenario

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Von: Marcus Giebel

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Im Ukraine-Krieg wird seit Monaten vor einem Nuklearschlag durch Russland gewarnt. Die USA schauen aber auch auf den möglichen Einsatz chemischer Waffen durch Wladimir Putin.

München - Der Ukraine-Krieg ist Wladimir Putin zuletzt immer mehr entglitten. Selbst die Teilmobilmachung vor einigen Wochen scheint dem russischen Präsidenten bei seinem geplanten Eroberungsfeldzug nur noch eine Schadensbegrenzung zu ermöglichen. Stück für Stück werden die Invasoren wieder in Richtung ihrer eigenen Landesgrenze gedrängt, die Ukrainer holen sich strategisch wichtige Städte wie Cherson zurück.

Doch nicht nur angeschlagene Boxer sind gefährlich. Das gilt auch für angeschlagene Autokraten, wenn sie scheinbar nichts mehr zu verlieren haben und von ihrem Lebenswerk nur ein Scherbenhaufen übrig zu bleiben droht. Und so geht weiter die bange Frage um, wozu sich Putin im Angesicht seiner persönlichen Schmach noch hinreißen lassen wird.

Ukraine-Krieg: US-Regierung sieht grundsätzliche Gefahr eines Einsatzes von chemischen Waffen

Im Umfeld von US-Präsident Joe Biden jedenfalls soll die Befürchtung herrschen, dass der Kreml-Chef auf chemische Waffen zurückgreifen könnte, ehe er Nuklearwaffen einsetzen und es auf eine Eskalation mit der Nato ankommen lassen würde. Dies sei ein Szenario, sollten seine Truppen in der Ukraine weiter an Boden verlieren. So berichtet es die US-Zeitung Politico unter Berufung auf sechs Personen, die mit der Angelegenheit vertraut seien.

Demnach würde die US-Regierung die Verbündeten dazu aufrufen, sich auf eine solche Möglichkeit vorzubereiten. Empfohlen werde etwa, in neue Detektionssysteme für den Einsatz chemischer Waffen zu investieren.

Es gebe zwar keine Hinweise auf einen zeitnahen Angriff mit solchen Waffen. Allerdings werde erwartet, dass der Krieg noch lange andauern werde. Denn in den Wintermonaten werde die Front quasi eingefroren sein, keine der Kriegsparteien große Landgewinne verzeichnen können. Die Ukrainer tun sich demnach gerade an der Ostseite des Dnjepr schwer, wo die russischen Streitkräfte verstärkt worden seien.

Menschen in Schutzanzügen im Einsatz auf einem Rasen
Glücklicherweise nur eine Übung: Im Jahr 2019 übten Kadetten der ukrainischen Universität für Katastrophenschutz den Ernstfall eines Chemiewaffeneinsatzes. © IMAGO / Ukrinform

Russland und Chemiewaffen: Verweis auf Nawalny-Vergiftung und Syrien-Krieg

Sollten die Kreml-Truppen wider Erwarten doch weiter zurückweichen müssen oder die Armee sogar zusammenbrechen, könnte Moskau jedoch chemische Waffen für den Einsatz freigeben. Genannt wird etwa Nowitschok – der Giftstoff wurde in der Vergangenheit in den Körpern von Kreml-Kritiker Alexej Nawalny und Ex-Geheimagent Sergej Skripal nachgewiesen. Beide sollen Opfer des Putin-Lagers geworden sein, überlebten die Vergiftung jedoch.

Zudem wird Russland mit der Nutzung von chemischen Waffen im Syrien-Krieg in Verbindung gebracht. Moskau soll zumindest der Regierung von Baschar al-Assad dabei geholfen haben, den Einsatz von Giftstoffen gegen die eigene Bevölkerung zu vertuschen.

Möglich sei diesmal auch ein Anschlag auf eine Menschenmasse. Der Artikel nennt als Optionen, die Chemikalien könnten in ein Aerosol verwandelt oder in Munition verwendet werden. So ließen sich die Substanzen leicht verbergen, was es kompliziert gestalten würde, Russland den Einsatz nachzuweisen.

Massenvernichtungswaffen im Ukraine-Krieg? USA haben offenbar in Osteuropa vorgesorgt

Den USA sei demnach seit langem bekannt, dass Russland seinen Bestand an Chemiewaffen ausweite. Als Vorkehrung habe das Pentagon in diesem Herbst Teams in osteuropäische Länder entsandt, um die dortigen Streitkräfte hinsichtlich chemischer und biologischer Bedrohungen auf den neuesten Stand zu bringen. Kiew sei zudem mit chemischer, biologischer und nuklearer Schutzausrüstung ausgestattet worden.

Weiter heißt es, hochrangige Beamte würden darauf drängen, das US-Konzept zur Vorbereitung und Reaktion auf mögliche Angriffe mit Chemiewaffen – nicht nur durch Russland – zu überarbeiten. Die Regierung plane höhere Investitionen in neue Früherkennungssysteme und tragbare Technologien wie Masken. Auch sollten genauere Überblicke über die Bestände anderer Länder ermöglicht werden.

Wladimir Putin sitzt auf einem Stuhl und grinst
Wie weit wird er gehen? Wladimir Putin wird auch der Einsatz von chemischen Waffen im Ukraine-Krieg zugetraut. © IMAGO / Sipa USA

Ukraine-Krieg und chemische Waffen: Traditionelle Methoden bei Verfolgung nicht mehr zeitgemäß

Ein Problem bei der Verfolgung solcher Massenvernichtungswaffen sei jedoch, dass sich deren Substanzen leicht verbergen lassen und in legalen Industriezweigen verarbeitet werden könnten. Darauf verweist in dem Artikel Gregory Koblentz.

Der Direktor des Biodefense Graduate Program an der George Masin University erklärt: „Unsere traditionellen Methoden, die wir wirklich gut beherrschen, wie Satellitenbilder und Signalaufklärung, sind nicht wirklich nützlich, um dahinterzukommen, was in diesen biologischen Anlagen vorgeht.“ Nötig sei dafür „menschliche Intelligenz, und die ist nur schwer zu bekommen“.

Immerhin: Die Gefahr eines Chemiewaffen-Einsatzes wurde vor einigen Wochen offenbar schon höher eingestuft als aktuell. So wurden nicht nur die USA besonders hellhörig, als aus Russland der Vorwurf geäußert wurde, die Ukraine würde den Einsatz einer schmutzigen Bombe auf eigenem Territorium vorbereiten, um diesen dann Moskau in die Schuhe zu schieben. Daraufhin – so die Befürchtung – hätte der Kreml dann mit chemischen, biologischen und nuklearen Waffen geantwortet.

Chemiewaffen-Einsatz im Ukraine-Krieg? Laut offizielle Stellen nicht wahrscheinlich

Mittlerweile habe sich die Bedrohung durch schmutzige Bomben jedoch „etwas gelegt“, schreibt Politico unter Verweis auf einen hochrangigen Beamten des Verteidigungsministeriums. US-Beamte hätten demnach viele Telefonate mit ihren ukrainischen und russischen Gesprächspartnern geführt. Offizielle Stellen halten derweil weder einen nuklearen noch einen chemischen Angriff für wahrscheinlich.

Doch die USA sind gewarnt. Und setzen darauf, dass auch andere Staaten auf den Fall der Fälle vorbereitet sind. Falls Putin plötzlich so verzweifelt sein sollte, dass ihm alles egal ist. (mg)

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