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„Putins Koch“ als Retter im Ukraine-Desaster? US-Experten wollen neuen Kreml-Plan erkannt haben

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Von: Bettina Menzel

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Der auch als „Putins Koch“ bekannte russische Geschäftsmann Jewgeni Prigoschin im Jahr 2016 in St. Petersburg
Auch als „Putins Koch“ bekannt: Jewgeni Prigoschin (Archivbild von 2016). © ITAR-TASS/Imago

Angesichts der Niederlage in Charkiw kommt auch von Freunden des Kreml Kritik an der Führung in Moskau - doch ein Sündenbock und ein „Retter“ sind offenbar schon ausgemacht.

Moskau - Die Söldnertruppe Wagner gilt als Russlands Schattenarmee, ihr werden schwere Menschenrechtsverstöße bei Einsätzen in Libyen, Mali, Syrien und im Ukraine-Krieg vorgeworfen. Der russische Oligarch Jewgeni Prigoschin soll als Finanzier mit der Gruppe Wagner in Verbindung stehen. Angesichts des russischen Rückzugs im Gebiet Charkiw kommt nun auch Kritik von Freunden des Kreml- sogar von Krieg ist plötzlich die Rede, etwa in der Duma. Den Kriegsforschern der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) zufolge wird Prigoschin nun als „Gesicht“ der russischen Invasion aufgebaut, um die Kritiker zu beruhigen.

Wagner-Chef als neues Gesicht der russischen Invasion?

Offiziell leugnet die russische Regierung, mit der Söldnertruppe Wagner in Verbindung zu stehen. Inoffizieller Chef der brutalen Truppe sei der Putin-Vertraute Jewgeni Prigoschin, bestätigte zuletzt das britische Verteidigungsministerium. Auch weitere Indizien weisen darauf hin, dass Prigoschin der Anführer der paramilitärischen Gruppe ist. Kurz nach der Zerstörung eines Wagner-Hauptquartiers im August war der russische Oligarch etwa bei der Besichtigung der Trümmer fotografiert worden.

Nun soll der Finanzier der Wagner-Gruppe offenbar als Gesicht der russischen Invasion in der Ukraine aufgebaut werden, so die ISW-Kriegsforscher. Ihnen zufolge hat Prigoschin am Mittwoch (13. September) in einer Rekrutierungsrede mitgeteilt, dass russische Häftlinge seit dem 1. Juli am Krieg teilnehmen. Schon zuvor war in einem Bericht des Onlinemediums Mediazona bekannt geworden, dass der Oligarch und Freund des Kremls offenbar in Straflagern Kämpfer für den Krieg rekrutierte. Ein russischer Militär-Blogger bezeichnete dies als „stalinistische“ Methode. Wladimir Putin umgehe damit eine allgemeine Mobilmachung, die Unmut in der russischen Bevölkerung auslösen könnte, hieß es.

Gleichzeitig lobte ein Großteil der russischen Militär-Blogger den militärischen Erfolg Prigoschins, wie die US-Denkfabrik ISW weiter analysierte. Ihr zufolge war gar die Forderung laut geworden, der inoffizielle Chef der Gruppe Wagner solle den russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu ersetzen. Den ISW-Experten zufolge ist es im Sinne des Kreml, Schoigu zum Sündenbock für die militärischen Niederlagen zu machen und Prigoschin aufzubauen, um so die kritischen Stimmen zu beruhigen.

Kritische Stimmen mehren sich: Deshalb ist plötzlich auch in Russland von „Krieg“ die Rede

Bislang war in Russland immer von einer „militärischen Spezial-Operation“ die Rede. Wer die russische Invasion in der Ukraine als „Krieg“ bezeichnet, muss aufgrund der Verbreitung von „Fake News“ mit bis zu 15 Jahren Gefängnis rechnen. Nun mehren sich jedoch kritische Stimmen. Im russischen Staatsfernsehen war teils von einem „harten Tag“ die Rede. Ramsan Kadyrow, der kremltreue Chef der Teilrepublik Tschetschenien, kritisierte nach der erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive „Fehler“ der Führung in Moskau. Nationalistische Militärblogger und Kriegskorrespondenten sprachen von einem „Desaster“ und „enormen Verlusten“. Auch in der ersten Sitzung des Parlaments nach der Sommerpause war die Ukraine ein Thema.

Der Parteichef der als kremlnah geltenden Kommunisten, Gennadi Sjuganow, ging mit seiner Kritik noch einen Schritt weiter. „Meiner Ansicht nach hat sich die Spezial-Operation in der Ukraine und im Donbass in den vergangenen zwei Monaten in einen Krieg verwandelt“, sagte Sjuganow und sorgte damit für einen Skandal, der auf der Titelseite der bekannten Tageszeitung Nesawissimaja Gaseta landete. „Diesen Krieg haben uns die Amerikaner, das vereinigte Europa und die Nato erklärt“, so der Politiker weiter. Ein Parteikollege Sjuganows goss weiter Öl ins Feuer: Führende russische Politiker müssten sich nach einem solchen Debakel „eigentlich selbst erschießen oder sich zumindest freiwillig für die Front melden“, meinte Michaeil Matwejew. Das ließ sich der Kreml nicht gefallen und sprach eine Warnung aus: Selbstverständlich gehörten kritische Standpunkte zum Meinungspluralismus, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. „Aber der Grat ist sehr, sehr schmal.“

Das russische Verteidigungsministerium versuchte die Niederlage in Charkiw indes als strategische „Umgruppierung“ darzustellen. Putin versuchte offenbar, für positive Schlagzeilen zu sorgen und weihte ein Riesenrad in Moskau ein - just an dem Tag, an dem russische Truppen Charkiw überstürzt verließen. Doch auch hier verlief nicht alles nach Plan: Zur Belustigung der politischen Gegner des Kremlchefs ging das Riesenrad nur einen Tag später wieder kaputt (bme/dpa).

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