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Erschütternde Bilder aus der Ukraine: Lawrows Sprecherin sieht „gnadenlose Hinrichtung“ – was ist dran?

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Von: Florian Naumann

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Die umstrittenen Aufnahmen – mutmaßlich aus der ehemaligen Frontstadt Makijiwka in der Ostukraine.
Die umstrittenen Aufnahmen – mutmaßlich aus der ehemaligen Frontstadt Makijiwka in der Ostukraine. © Screenshot: Twitter.com

Sacharowa, Medwedew und Kadyrow erheben Vorwürfe gegen die Ukraine. Anlass sind Bilder von der Front. Faktenchecker reagieren zunächst vorsichtig.

Moskau/Makijiwka – Die UN haben zuletzt sowohl Russland als auch der Ukraine Kriegsverbrechen im seit bald neun Monaten andauernden Ukraine-Krieg vorgeworfen. Am Wochenende ist es aber vor allem der Kreml, der massive Anschuldigungen gen Kiew erhebt. Anlass ist ein teils verstörendes Video – Russland wertet es als Beleg für eine „gnadenlose Erschießung unbewaffneter russischer Kriegsgefangener“.

Was hinter den Aufnahmen steckt ist noch unklar. Wo sie aufgenommen wurden, welche Akteure darauf zu sehen sind und ob sie echt sind, ist ebenfalls noch zu klären. Sie werfen aber ein Schlaglicht auf einen brutal geführten Krieg. Die Ukraine kommentierte die Vorhaltungen zunächst nicht. Sie hatte aber in der Vergangenheit mehrfach Russland Folter und Tötungen auch von Zivilisten vorgeworfen. An mehreren Orten im Land waren nach Abzug russischer Truppen Massengräber und nach Angaben Kiews auch „Folterkammern“ gefunden worden, zuletzt in Cherson.

Ukraine-Krieg: Drastische Aufnahmen aus Makijiwka – Faktenchecker bleiben zurückhaltend

Über die neuen Videoaufnahmen berichtete unter anderem das russische Exil-Nachrichtenportal meduza.io. Sie sollen seit der Nacht zum 18. November kursieren, aber früher entstanden sein. Sowohl Meduza als auch die britische BBC wiesen darauf hin, dass es zwei verschiedene Aufnahmequellen zu geben scheint: Eine Aufnahme vom Boden und ein mutmaßlich später entstandenes Drohnen-Video aus Vogelperspektive. Den Faktencheckern der BBC zufolge passen die örtlichen Gegebenheiten beider Quellen zusammen – etwa Gebäudebestandteile wie ein beide Male zu erkennendes Vordach. Tatsächlich fallen diese Übereinstimmungen ins Auge. Viele weitere Fragen sind aber offen.

Das erste Video endet unter schussähnlichen Geräuschen abrupt in einer verwackelten Sequenz. Ein in schwarz gekleideter Mann scheint Schüsse abzufeuern. Zuvor ist zu sehen, wie sich Soldaten mit üblicherweise von ukrainischen Kräften getragenen gelben Armbinden dem Gebäude nähern und sich schließlich Männer in Tarnkleidung aus dem Haus begeben und mit erhobenen Händen auf den Boden legen. Laut BBC sprachen die bewaffneten Ankommenden ukrainisch.

Die Bilder der Drohnen scheinen auf dem Boden liegende getötete Soldaten vor einem Bauernhaus zu zeigen. Laut BBC tauchten sie auch in einem Video des ukrainischen Verteidigungsministeriums auf – unter Verweis auf Kämpfe im Gebiet Makijiwka nahe der Front in der umkämpften Oblast Luhansk. Dort hatten russische Truppen anderen Berichten zufolge größere Verluste zu verzeichnen. Die Ukraine beklagte zugleich, in dem Dorf sei nach der russischen Besatzung kein Haus unzerstört geblieben.

Russland erhebt Vorwürfe gegen Ukraine – Kadyrow, Medwedew und Lawrows Sprecherin äußern sich

Die Sprecherin von Russlands Außenminister Sergej Lawrow, Maria Sacharowa, wertete die Bilder laut einem Bericht der Staatsagentur Tass als Beweis für Kriegsverbrechen. Sie wiederholte zugleich bekannte Vorwürfe: „Diese schockierenden Videos sind ein weiterer Beleg für die von ukrainischen Neo-Nazis begangene Verbrechen“, erklärte sie am Freitag (18. November) – gemünzt ist das wohl auf die ukrainische Regierung, die Russland seit Kriegsbeginn als nazistisch diffamieren will. Russland wollte die Aufnahmen an den UN-Kommissar für Menschenrechte, den Europa-Rat, die OSZE und weitere offizielle Stellen melden.

Ukraine-Krieg: die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa bei ihrem wöchentlichen Briefing in Moskau
Maria Sacharowa bei einem ihrer wöchentlichen Briefings in Moskau © SNA/Imago

Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew forderte ebenfalls bereits am Freitag „die Todesstrafe“ für die mutmaßlichen Täter. Auch „Putins Bluthund“ Ramsan Kadyrow äußerte sich – er warf dem Westen vor, Untaten der Ukraine zu ignorieren. Laut Meduza teilten pro-russische Telegram-Blogger das Video exzessiv. Was gleichwohl letztlich weder für noch gegen den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe spricht.

Allerdings gibt es auch Zweifel an der von Russland ins Feld geführten Version. So kursierten auf Twitter verlangsamte Aufnahmen, die auf Schüsse von Seiten der sich – dieser These nach nur vermeintlich – Ergebenden hindeuten sollen. Mit Stand 20. November war keine der Varianten verifiziert oder letztgültig zu beurteilen. Auch die Nachrichtenagentur Reuters sah sich nicht in der Lage, die Bilder zu belegen oder zu entkräften.

Ukraine-News: Immer wieder Berichte über Kriegsverbrechen

Im Laufe des Krieges kamen immer wieder brutale, aber unverifizierte Foto- und Videoaufnahmen sowie Zeugenaussagen ans Licht. So gab es etwa Berichte über Schüsse in Gliedmaßen gefangengenommener russischer Soldaten und wiederholt Berichte über grausame Praktikten in russischen „Filtrierungslagern“. Die Runde machte zuletzt auch eine zynisch anmutende Aufnahme der mutmaßlichen Hinrichtung eines Deserteurs der russischen Söldnertruppe „Wagner“ – Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin persönlich hatte sie kommentiert.

Ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind auch Fotos mutmaßlich durch russische Soldaten getöteter Zivilisten auf den Straßen des Kiewer Vorortes Butscha. Diese gelten mittlerweile – russischen Dementis zum Trotz – aber als authentisch. (fn)

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