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„Satan“ in der Ukraine: Kreml setzt auf nächstes „abstruses“ Schlagwort – Kadyrow ruft „Dschihad“ aus

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Von: Florian Naumann

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Der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow steht im Ukraine-Krieg hinter Wladimir Putin und fällt immer wieder durch aggressive Propaganda auf. (Archivfoto)
Der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow steht im Ukraine-Krieg hinter Wladimir Putin und fällt immer wieder durch aggressive Propaganda auf. (Archivfoto) © Yelena Afonina/Imago

Auf die „Entnazifizierung“ folgt die „Desatinisierung“: Russland zieht den Ukraine-Krieg nun auf die Ebene des Religiösen. Offenbar mit klaren Hintergedanken.

Moskau – Viele bemerkenswerte Wendungen hatte Wladimir Putin in seiner Annexions-Rede vom 30. September parat. Sprachlich und inhaltlich. Zu den rhetorisch auffälligsten zählte wohl der Vorwurf, der Westen pflege einen „gewissen Satanismus“.

Ukraine und der „Satan“: Russischer Offizieller greift Kadyrow-Schlagwort auf – „Peinlich“

Dieses aus Sphären des Religiösen gespeiste Motiv gehört mittlerweile offenbar zum argumentativen Arsenal der gesamten russischen Regierung: Ein Offizieller des Nationalen Sicherheitsrates hat in einem Gastbeitrag eine „Desatanisierung“ als „dringliches“ Ziel im Ukraine-Krieg ausgerufen. Er verwies auf „hunderte Sekten“, die angeblich in dem Land operierten. Und auf einen prominenten Stichwortgeber: Ramsan Kadyrow. Die staatliche Nachrichtenagentur Tass berichtete über die Äußerung – allerdings nur in ihrem russischsprachigen Angebot.

Das Wort ergriffen hat demnach Alexej Pawlow, stellvertretender Sekretär des Sicherheitsrates. Die „Kirche des Satans“ breite sich in der gesamten Ukraine aus, behauptete er laut Tass auf der Webseite aif.ru. Pawlow verwies, ebenfalls ganz auf Linie mit Argumentationen Putins, auf Wurzeln des vermeintlichen Phänomens in den USA: Satanismus sei dort „eine der offiziell anerkannten Religionen“. Ukrainische Behörden unterstützten die Tendenzen, erklärte er.

Die auf Beobachtung russischer Medien spezialisierte US-Journalistin Julia Davis bezeichnete den Vorgang als „peinlich“: Nach der oft ins Feld geführten „Entnazifizierung“ greife der Sicherheitsrat mit der „Desatinisierung“ zum nächsten absurden Kampfbegriff. Allerdings könnte das neue Wording durchaus einem tieferen strategischen Sinn folgen. Der Schulterschluss mit der orthodoxen Kirche ist für Putin ein wichtiger innenpolitischer Machtanker. In der russischen Armee schwelen indes offenbar Konflikte.

Ukraine-Krieg: Kampf gegen „Satan“ als Kitt für Konflikte in Russlands Armee?

Nach Einschätzung des US-Think-Tanks „Institute for the Study of War“ (ISW) könnte Putins Regierung deshalb ganz gezielt „religiöse Minderheiten“ in den russischen Streitkräften adressieren. Offizielle versuchten, den Krieg mit religiösen Konzepte in Verbindung zu bringen – und zwar mit solchen, die sowohl für Christen als auch für Muslime zugänglich seien.

Russland hatte zuletzt Berichten zufolge in unverhältnismäßig großem Maße Minderheiten für die Armee (zwangs-)rekrutiert. Auch und gerade in muslimisch geprägten Teilrepubliken des riesigen Landes. Nach Informationen des ISW war es nun zu „Gewaltausbrüchen“ zwischen Angehörigen verschiedener Religionen in den Truppen gekommen. Den vermeintlichen Kampf gegen das Böse könnte der Kreml nun als Kitt für diese Risse ausgemacht haben.

Denn Pawlow hat nicht nur auf „Sekten“ in der Ukraine verwiesen. Sondern auch erklärt, die ukrainische Gesellschaft sei von „Fanatikern“ geprägt, die sich gegen christliche, muslimische und auch jüdische „Werte“ wendeten. Kadyrow hatte Muslime direkt angesprochen: Er sprach von einem „Dschihad“ gegen ukrainischen „Satanismus“.

Ukraine-News: Kadyrow ruft „Dschihad“ aus

Der gerade in Boulevardmedien gerne „Putins Bluthund“ genannte Tschetschenenführer ging aber auch noch einen Schritt weiter. Er griff den Westen und „Europa“ an. „Der Satanismus agiert offen gegen Russland“, erklärte er in einem am Dienstag (25. Oktober) auf seinem Telegram-Account veröffentlichten Statement. Die Rechte von Atheisten würden geschützt, jene von „Gläubigen“ verletzt.

Kadyrow behauptete weiter, Kinder würden „traditionellen“ Paaren weggenommen und „bewusst“ an gleichgeschlechtliche Paare gegeben – ein Narrativ, das unter anderem auch im schwedischen Wahlkampf für Entsetzen und Unverständnis gesorgt hatte. Der Hardliner verknüpfte seine Thesen mit einer kaum verhohlenen Drohung: Teilnehmer einer Demonstration gegen Mohammed-Karikaturen in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny hätten gedroht, zum Kampf „nach Europa zu gehen“: „Wo sind diese Helden jetzt?“, fragte Kadyrow rhetorisch.

Putin instrumentalisiert Religion im Ukraine-Krieg: Dugin spricht von „Krieg der Heerscharen der Engel“

Wladimir Putin selbst hat bereits wiederholt auf der Klaviatur des Religiösen gespielt. „Und hier kommen mir die Worte aus der Heiligen Schrift in den Sinn: ‚Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt‘“, sagte der russische Präsident schon im März, offenbar um die Motivation für den Kriegseinsatz zu erhöhen. Ein Verweis auf einen Vers aus dem Johannes-Evangelium – der im Original kaum als kriegerische Anstachelung gemeint ist.

Der Moskauer Patriarch Kirill wiederum zählt zu Putins wichtigsten Unterstützern in Russland. Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung bekannten sich in einer Umfrage drei Viertel der Russen zum russisch-orthodoxen Glauben. Erst am Dienstag hatte sich Kirill noch einmal an die Seite des Kreml gestellt: Er bezeichnete Russland als „Insel der Freiheit“ – ungeachtet drastischer Einschränkungen der Meinungsfreiheit und massiven Protesten gegen Zwangsrekrutierungen.

Auch der russische Philosoph und mancherorts als Vordenker Putins angesehene Alexander Dugin hatte zuletzt auf einem „Weltkonzil des russischen Volkes“ der orthodoxen Kirche den „Krieg der Heerscharen der Engel“ ausgerufen, wie der Bayerische Rundfunk berichtete. Die Zeitung Moskowski Komsolez habe die eigenen Leser in ihrem Bericht allerdings beruhigt: „Keiner der anwesenden Politiker hat sich so endzeitlich geäußert.“ Mit dieser Mäßigung ist es offenbar nun aber vorbei. (fn)

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