Nach 438 Verhandlungstagen

Urteil im NSU-Verfahren: „Ich werde den ersten Prozesstag nie vergessen ...“

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Auch nach dem NSU-Prozess bleibt Zschäpe ein Rätsel. Von den Morden und Anschlägen des NSU will sie erst im Nachhinein erfahren haben. Über das Leben im Untergrund und das Netzwerk des NSU schweigt Zschäpe beharrlich.

Der Jahrhundert-Prozess geht zu Ende. Am Mittwoch soll das Urteil gegen die NSU-Terrorzelle um Beate Zschäpe (43) fallen.

An 438 Tagen hat das Oberlandesgericht verhandelt, 765 Zeugen gehört und 66 Millionen Euro ausgegeben. Alles, um die Wahrheit über den rechten Terror herauszufinden. Mit Erfolg? Im großen tz-Report folgt die Abrechnung noch vor dem Urteil: Wir erklären die wichtigsten Zahlen, lassen einen Prozess-Experten und Angehörige zu Wort kommen, dazu gibt es wichtige Infos zu den Tätern und allen Opfern der erschreckenden Mordserie, die Deutschland erschüttert hat. (Der letzte NSU-Prozesstag der Urteilsverkündung lesen Sie hier.)

Lesen Sie auch: Sieben Gründe, warum der NSU-Prozess so lange dauert

Im Interview spricht Celal Özcan, Europa-Chef der Hürriyet, über den NSU-Prozess.

Sie haben den NSU-Prozess von Anfang an begleitet – an wie vielen Tagen waren Sie vor Gericht dabei?

Celal Özcan, Europa-Chef der türkischen Tageszeitung Hürriyet: Sehen Sie mir nach, dass ich bei insgesamt 438 Prozesstagen nicht mitgezählt habe. Aber die Mord-serie hat mich bereits von Anfang an beschäftigt, damals als Redakteur für Hürriyet in München.

Welchen Eindruck hatten Sie bei Ihren Besuchen im Gerichtsaal?

Özcan: Ich werde den ersten Prozess-tag nie vergessen. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe ist damals aufgetreten wie ein Star, sie konnte sich völlig frei bewegen. Es war eine große Enttäuschung, dass das in dieser Form möglich war – und dabei war bei ihr nicht mal ein Fünkchen Schuldgefühl zu spüren.

Haben Sie eine Veränderung in den Auftritten  Zschäpes erlebt?

Özcan: Über fünf Jahre sind seitdem vergangen, und man hat auch der Angeklagten eine gewisse Müdigkeit angesehen. Über die Zeit schien mir Zschäpe eine Art Schuldbewusstsein zu entwickeln, ohne aber die eigene Schuld und Beteiligung an den Taten zu akzeptieren.

Celal Özcan, Europa-Chef der Hürriyet.

Ist es in dem Prozess gelungen, die Taten des NSU aufklären?

Özcan: Bisher nicht. Das Gericht hat sehr sorgfältig gearbeitet und war über die Jahre sehr geduldig. Am Mittwoch werden die fünf Angeklagten ihr Urteil bekommen, aber gerade für die Familien der Opfer ging es um mehr. Sie wollten Antworten auf die Fragen, die sie tief bewegen. Das sind Fragen wie: Warum wurde mein Vater ermordet? Wie wurde er ermordet? Gibt es Helfer, die noch frei herumlaufen? Die Angehörigen hatten erwartet, dass Zschäpe spricht und die 300 Fragen, die die Nebenkläger über ihre Anwälte eingebracht haben, auch beantwortet. Das ist nicht passiert.

Wie wird der Prozess in der Türkei beobachtet?

Özcan: Am Anfang wollte man die türkische Presse vom Prozess ausschließen – das hat für große Empörung gesorgt. Der Verdacht war da, dass hier etwas verheimlicht werden soll. Heute überwiegt die Enttäuschung über die mangelnde Aufklärung.

Welche Fragen sehen Sie nach dem Prozess noch offen?

Özcan: Sehr viele! Nur ein Beispiel: Mehmet Kubasik, der am 4. April 2006 in Dortmund umgebracht wurde, hatte in seinem Kiosk, in dem er ermordet wurde, eine Videokamera installiert. Ausgerechnet zur Tatzeit hat diese Kamera aber kein Bild aufgenommen. Es spricht vieles dafür, dass hier ortskundige Helfer beteiligt waren. Der Kiosk war in der Straße, in der ein stadtbekannter Neonazi wohnte, und nur 200 Meter entfernt war die Gaststätte Deutscher Hof, ein Treffpunkt der Dortmunder Neonazi-Szene. Diese Fragen wurden in dem Prozess nicht behandelt. Das gilt übrigens auch für die Rolle des hessischen Verfassungsschutzbeamten, der zum Zeitpunkt des letzten Mordes am Tatort in Kassel war. Nach dem Prozess müssen die drängenden Fragen geklärt und das Netzwerk der Helfer im Hintergrund aufgedeckt werden. Ansonsten wird es keine Ruhe für die Öffentlichkeit geben – und erst recht nicht für die Familien der Opfer.

Interview: Marc Kniepkamp

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