Lammert und Gauck sprechen von "Völkermord"

Verbotene Trauer: Die tz erklärt die Hintergründe

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„Lichterzug der Vergessenen“: Hunderte gedachten in Berlin der Massaker vor 100 Jahren. Li.: Ein historisches Bild zeigt, wie eine Mutter und ihr Sohn um ein von den Osmanen getötetes Kind trauern.

Berlin/Ankara - Lammert und Gauck sprechen von "Völkermord" an den Armeniern – und verärgern so Ankara. Die tz erklärt die Hintergründe.

Armenier in aller Welt gedachten am Freitag des 100. Jahrestages des Massakers an der armenischen Bevölkerung des damaligen Osmanischen Reichs. Eine Trauer, die für politische Verwicklungen sorgt: Türkische Medien zeigten sich empört darüber, dass Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagspräsident Norbert Lammert in Reden von „Völkermord“ an den Armeniern gesprochen hatten. Eine offizielle Beschwerde der türkischen Regierung in Berlin gab es bislang jedoch noch nicht. Nachdem das österreichische Parlament am Donnerstag von „Völkermord“ gesprochen hatte, hatte Ankara aus Protest den türkischen Botschafter aus Wien zurückgezogen. Die tz erklärt, warum die Regierung von Recep Tayyip Erdogan sich so sehr dagegen wehrt, den Armeniern die Trauer an eine 100 Jahre zurückliegende Katastrophe zu gestatten.

Was geschah am 24. April 1915?

Vor dem ersten Weltkrieg lebten bis zu 2,3 Millionen Armenier im Osmanischen Reich. Schon früher gab es immer wieder Pogrome gegen die christlichen Armenier (Armenien hatte schon 301, als erster Staat weltweit, das Christentum zur Staatsreligion erklärt). Die Osmanische Regierung fürchtete, die christlichen Armenier könnten sich im Kampf gegen das christlich-orthodoxe Russland mit dem Feind verbünden und von innen den osmanischen Truppen in den Rücken fallen. Deshalb wurden am 24. April 1915 in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) die ersten Armenier verhaftet und deportiert. Konstantinopel erließ Gesetze, die Deportationen und Enteignungen erlaubten. In Anatolien wurden Armenier auf Todesmärsche geschickt, massenhaft erschossen, verbrannt. Bis 1917 starben nach armenischen Angaben rund eineinhalb Millionen Menschen.

Wie bewertet die Türkei die damaligen Ereignisse?

Ankara räumt zwar ein, dass es Massendeportationen gegeben habe. Doch die „Umsiedlung“ sei wegen des Vormarsches der Russen gestartet worden. Für die vielen Opfer – Ankara spricht von 300 000 bis 500 000 – seien Hunger und Rechtlosigkeit, wie sie im Krieg herrschen, verantwortlich gewesen. Mindestens ebenso viele muslimische Türken seien beim Armenieraufstand gegen das Osmanenreich getötet worden. Erdogan sprach am Freitag den „Kindern und Enkeln“ der „traurigen Ereignisse“ sein Beileid aus – eine Entschuldigung oder Anerkennung eines Genozids gab es erneut nicht.

Wie geht es den Armeniern in der Türkei heute?

Die nur noch rund 60 000 Armenier sind rechtlich den Türken gleichgestellt, werden aber in der Praxis immer noch oft diskriminiert. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden überlebende Armenier oft gezwungen, zum Islam überzutreten und türkische Namen anzunehmen. So gibt es Türken, die erst jetzt, nach 100 Jahren, erfahren haben, dass sie in Wahrheit armenische Wurzeln haben.

Warum spricht Gauck von einer deutschen „Mitverantwortung“?

Der Bundespräsident erinnerte bei seiner Rede im Berliner Dom daran, dass es deutsche Militärs gewesen seien, „die an der Planung und zum Teil auch an der Durchführung der Deportationen beteiligt waren“. Das deutsche Kaiserreich war eng mit Konstantinopel verbunden, viele deutsche Offiziere hatten Führungsaufgaben beim osmanischen Militär. Belegt ist, dass deutsche Militärs und Diplomaten von den Massakern wussten. „Die Armenier werden – aus Anlass ihrer Verschwörung mit den Russen! – jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich“, schrieb der deutsche Marineattaché Hans Humann im Juni 1915.

Warum ist der Begriff „Völkermord“ so umstritten?

Weil er völkerrechtlich schwammig ist. So ist etwa umstritten, ob die Morde der kommunistischen Roten Khmer in Kambodscha an der eigenen Bevölkerung unter den Begriff des Völkermords fallen, weil es sich bei den Opfern entgegen der UN-Definition (siehe Stichwort) nicht um eine Volksgruppe, sondern um politische Gegner handelt. Nach den Massakern an den Armeniern wurde erstmals diskutiert, ob ein Staat mit seiner Bevölkerung machen darf, was er will, oder ob Regierungen für solche Verbrechen international zur Rechenschaft gezogen werden können. Völkerrechtlich hätte Ankara auch beim Eingeständnis eines Genozids keine Konsequenzen zu befürchten: Erst nach dem NS-Holocaust an den Juden erließen die UN 1948 ihre Völkermord-Konvention.

KR

tz-Stichwort: Völkermord

Der entscheidende Unterschied zwischen Massenmorden, wie sie im Krieg immer wieder stattfinden, und einem Völkermord findet im Kopf der Täter statt: Wenn es das planmäßige Ziel der Täter ist, eine ganze Volksgruppe auszulöschen. Das Völkerrecht definiert Völkermord (oder Genozid) als vorsätzliche Ermordung mit dem Ziel der Vernichtung von Volksgruppen aufgrund ihrer rassischen, ethnischen oder sozialen Merkmale, ihrer Nationalität oder religiösen Überzeugung. Unter dem Eindruck des Holocaust verabschiedeten die UN 1948 die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords. Auf dieser Basis wurde 2002 der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag geschaffen. 1993 wurden Völkermord-Prozesse um den Jugoslawien-Krieg und 1995 um das Massaker in Ruanda geführt. Die UN-Konvention gilt nicht rückwirkend, etwa für die Morde an den Armeniern (das Bild re. zeigt eine Darstellung in einer Pariser Zeitung von 1916).

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