Der schwierige Umgang mit seinem Erbe

Wie viel Strauß steckt noch in der CSU?

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Holte die Strauß-Büste zurück ins Ministerpräsidenten-Büro in der Staatskanzlei: Horst Seehofer.

München - Eine Büste von Franz Josef Strauß steht im Ministerpräsidenten-Büro von Horst Seehofer. Er setzt dessen Politik ein Stück weit fort. Doch anderes vom CSU-Übervater ist erodiert.

Wenn sich Horst Seehofer umdreht, lauert dort der Alte. Ernst und massiv, nur nicht so stiernackig wie in echt. „Keiner ist so wie er“, sagt Seehofer, fährt den linken Zeigefinger aus und deutet auf Strauß’ Nase. „Anerkennung und Respekt wäre zu wenig. Ich habe ein Verhältnis der Verehrung zu ihm.“ Seehofer tätschelt den Kopf aus kühlem Metall. Kein Staubkorn ist drauf, scheint er also öfter zu machen.

Die Büste ruht auf dem Regal hinter dem Schreibtisch des Ministerpräsidenten im vierten Stock der Staatskanzlei. Seehofer hat bewusst zu seinem Amtsantritt 2008 entschieden, dass er Strauß jeden Tag in seinem Nacken haben will.

Das ist gut zu wissen, denn in der CSU hat im 100. Geburtsjahr des Ex-Chefs eine immense, in Teilen etwas bizarre Strauß-Verehrung eingesetzt. Die eingefleischten Straußianer von den Jubelpersern zu unterscheiden, fällt gar nicht so leicht. Seehofer dürfte einer der härteren sein. Mit seiner Entscheidung, Strauß ins Büro zu holen, beendete er ja die Verbannung der Büste unter Vorgänger Günther Beckstein – der hatte Strauß entfernen lassen, weil ihm als demütigen Protestanten der Personenkult nicht geheuer war.

Tatsächlich setzt sich in Seehofer durchaus ein Stück FJS fort: Strauß galt jenseits seiner Polterei als schneller, kühler Analytiker, der strategisch dachte und gern in Winkelzügen, die sich den Begleitern nicht erschlossen. „Vom Ende her denken“, nennt das Seehofer gern, sein Spott über die ihn umgebenden „Kleinstrategen“ – vor allem die Presse – hätte auch von Strauß stammen können. Der pflegte von „Pygmäen“ zu reden.

In Stilfragen ähneln sich beide, vor allem in der gut inszenierten Nähe zur Leberkäs-Etage. Auch inhaltlich gibt es Parallelen: Den bis dato letzten ausgeglichenen Bundeshaushalt legte Strauß 1969 vor, für seine Nachfolger in Bayern ist das seit 2006 eine Art heiliges Gesetz. Sein Mantra, bei jedem politischen Handeln der CSU müsse Bayern im Mittelpunkt stehen, ist auch geblieben. Gerade erinnern sie sich auch in der Asyl-Debatte wieder an das eherne Gebot, rechts von der CSU dürfe nur noch die Wand sein, jedenfalls keine demokratische Partei mehr.

„Es gibt ein paar ewige Wahrheiten, die auf ihn zurückgehen“, sagt Markus Blume, der junge Münchner Abgeordnete, der gerade das neue Grundsatzprogramm der CSU schreibt. Nach vorne schauen, immer, ist eine davon. Im O-Ton: „Konservativ sein, heißt, an der Spitze des Fortschritts zu stehen.“ Dass die CSU den Blick aufs Moderne richten müsse, aber nicht auf den Zeitgeist, ist eine zweite. Blume sieht außerdem das Bekenntnis zu Euro­pa als ewige Lehre. In den Worten des Alten: „Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft.“ Die Frage sei halt nun, ergänzt Blume: Ja zu welchem Europa? „Den Strauß musst Du auch ins Heute übersetzen.“

In der CSU tun sie das sehr gerne, allerdings mit beliebigen Resultaten in wechselnder Qualität. Als die CSU die Wehrpflicht preisgab (von FJS eingeführt) wurde in der Debatte argumentiert, Strauß heute hätte genauso gehandelt – ein anderer Teil beteuerte, Strauß würde im Grabe rotieren. Das „Strauß hätte“, und „Strauß würde“ ist in der Partei ein Totschlagargument, weil eh keiner das Gegenteil beweisen kann.

Anderes von Strauß ist erodiert. Die aktive Wirtschaftspolitik, mit der er die Luft- und Raumfahrtindustrie in Bayern hochzog, gibt’s nur noch ab und zu. Auch der Anspruch, Weltpolitik zu betreiben, ist blasser. Seehofer reist, weil er muss, blamiert sich auch meist nicht, einmal gelang ihm mit der Tschechien-Annäherung sogar ein Meisterstück – viel zu sagen hat die CSU in der Außenpolitik aber heute nicht mehr. Sie ist mit der Pkw-Maut beschäftigt, vielleicht auch damit schon überfordert.

Die CSU-Granden beim Gedenkgottesdienst am FJS-Todestag in Rott.

In der CSU holen sie jetzt also Luft zum großen Gejubel, weit über das jährliche CSU-Pilger-Ritual zur Familiengruft in Rott am Inn hinaus. Festakte, Symposien, Lobreden, die neue Parteizentrale im Münchner Norden wird zum „FJS-Haus“ geweiht. Manche übertreiben’s auch: Finanzminister Markus Söder verbreitete im Internet ein Bild aus seinem Jugendzimmer – der sehr junge Söder mit Schmalzhaar, Krawatte und hochgerecktem Daumen vor einem Strauß-Poster. „Hing über meinem Bett in der Jugendzeit. Was hing bei euch?“ Er erntete kübelweise Spott. „Muss eine harte Kindheit gewesen sein“, kommentierten Nutzer auf Facebook.

Das war das Poster übr meinem Bett in der Jugendzeit was hing bei euch?

Posted by Markus Söder on Freitag, 17. Juli 2015

Seehofer spöttelt, ohne Söder zu nennen, es gebe halt „viele, die sich auf Strauß berufen. Ich habe ihn seit meiner Jugend erlebt.“ Er habe „diese Urgewalt“ selbst beobachtet in den Parteigremien, in Koalitionsverhandlungen. Dazu kann man sich denken: Und nicht im Kinderzimmer.

Christine Haderthauer war die erste in der CSU, die Strauß offen kritisierte.

Ernsthafte Probleme mit Seehofer gibt es aber erst, wenn einer Kritik am Alten zu üben gedenkt. Das ist in der CSU verboten. Der damaligen Ministerin Christine Haderthauer rutschte 2009 in einem Lokalradio flapsig raus, Strauß sei ja „superinteressant“, aber doch kein Vorbild – sie wurde deshalb beinahe vom wütenden Seehofer entlassen. Er ließ verlauten, sie stehe nun unter Bewährung.

Dabei raunen sie in der Partei halblaut, der Strauß von damals würde mit seinen Schimpfkanonaden (Landtagsabgeordnete nannte er mal „fett und faul“) und seinem Amigo-Filz heute kein Jahr politisch überleben. Spezlwirtschaft mit dem Bäderkönig Zwick, hinterzogene Steuern bei guten Freunden, ein Tipp vor dem drohenden Haftbefehl, seltsame Rüstungsgeschäfte, schmutzige Lobbyisten, Alkoholexzesse – heute, wo die Macht durch die Medien viel genauer kontrolliert wird, würde so etwas eine Partei zerreißen. Damit brach die CSU schon unter Stoiber, der das Kabinett entfilzte, drakonische Nebentätigkeitsverbote erließ und sich nur noch an Mineralwasser berauschte.

Herausgekommen ist keine skandalfreie Partei – siehe Verwandtenaffäre. Strauß’ Nachfolger allerdings gehen gegen Abkassierer schärfer vor. Einer wie der „Schüttel-Schorsch“ Georg Schmid, der sich im Landtag locker zwei, drei Gehälter einschob, wäre von Strauß wohl noch als „A Hund is a scho“ geadelt worden. Seehofer ließ ihn politisch vernichten.

In einem Punkt ist der neue CSU-Chef sogar ein Anti-Strauß: Ihm ist Geld persönlich schnurzegal. Kein Luxus, keine Lustreisen, keine Hubschrauberflüge. Seehofers höchstes Freizeitglück ist, im Keller seines Ferienhauses im Altmühltal an seiner Modelleisenbahn zu basteln. Nein, man kann sich Strauß in diesem Keller nicht so recht vorstellen.

CSU-Größen erinnern sich: So hat mich FJS geprägt

Dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden.“ 

Markus Söder.

Franz Josef Strauß war ein politisches Idol. Er hat den Mythos der modernen Volkspartei CSU begründet. Strauß hat die Bayern verstanden und in Deutschland gut vertreten. Mich hat fasziniert, dass er die Liberalitas Bavariae wie kein Zweiter verkörpert hat. Seine Formel „dem Volks aufs Maul schauen aber nicht nach dem Mund reden“ gilt bis heute. Ohnehin findet sich fast zu jedem politischen Problem eine Weisheit von ihm. Wegen Franz Josef Strauß bin ich in die CSU eingetreten. Während Andere Poster von Fußballern oder Popstars in ihren Zimmer hatten – hing bei mir ein riesiges Plakat von FJS über dem Bett. Und auf meiner Schultasche hatte ich FJS-Aufkleber. Franz Josef bleibt in der CSU das Maß aller Dinge.

„Konservativ heißt, nicht nach hinten blicken, konservativ heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren.“

Ilse Aigner.

Diesen Grundsatz hat Franz Josef Strauß verfolgt und damit die Basis für unseren Erfolg gelegt. Er war eine der treibenden Kräfte, als es nach dem 2. Weltkrieg darum ging, aus Bayern einen Wirtschafts- und Technologiestandort von Weltformat zu machen. Das Erbe FJSs beinhaltet für mich: Mut und Verpflichtung, die Zukunft zu gestalten.

Franz Josef Strauß hat Bayern geprägt. Ohne FJS sind das heutige Selbstbewusstsein des Freistaates und sein Anspruch auf eine Spitzenposition in Deutschland und der Welt nicht denkbar.

Persönlich habe ich FJS eine wertvolle Freundschaft zu verdanken: Strauß‘ Tochter Monika Hohlmeier zählt zu meinen engsten Freundinnen. Ein Enkel von FJS ist mein Patenkind. Darauf bin ich natürlich besonders stolz.

Christian Deutschländer

Franz Josef Strauß: Sein Leben in einer Multimedia-Reportage

Interaktive Landkarte: Stationen von Franz Josef Strauß

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