So viel Kanzlerin steckt in Kraft

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Hannelore Kraft

Berlin - Kraft habe laut SPD-Bundeschef Sigmar Gabriel Kanzlerinnenqualitäten, aber auch selbst gesagt, dass sie lieber in Düsseldorf bleiben wolle. Die tz vergleicht die Frauenpower von Angela Merkel und Hannelore Kraft.

Kanzlerin Angela Merkel bleibt jetzt nur eines: „Ich lass das einfach geschehen“, sagte sie am Montag mit Blick auf die neu entflammte Debatte über den nächsten SPD-Kanzlerkandidaten – besser: die Kandidatin. Denn mit ihrem Sieg in NRW hat Hannelore Kraft die sozialdemokratische Seele so sehr wie lange nicht mehr gestreichelt. „SPD und Grüne haben gestern gezeigt, dass wir gemeinsam Wahlen gewinnen können, wenn die Menschen wissen, dass es wirklich um was geht“, lobte SPD-Bundeschef Sigmar Gabriel. Kraft habe Kanzlerinnenqualitäten, aber auch selbst gesagt, dass sie lieber in Düsseldorf bleiben wolle. Das wollen aber wiederum Teile der SPD jetzt nicht mehr. Die tz vergleicht die Frauenpower von Angela Merkel und Hannelore Kraft:

Angela Merkel (57)

Ihr Aufstieg:

Angela Merkel

Nüchtern und ostdeutsch: Als erste Frau an der politischen Spitze hat Merkel in Deutschland neue Maßstäbe gesetzt. Geboren am 22.11.1954 in Hamburg als Tochter eines Pastors und einer Latein- und Englischlehrerin. Aufgewachsen in der DDR. 1973 Abi mit 1,0, Physik-Studium. Vize-Sprecherin der letzten DDR-Regierung. Nach Beitritt der CDU 1990 Frauen- und Umweltministerin, Generalsekretärin, seit 2000 Parteichefin, seit 2005 Kanzlerin. Zum zweiten Mal verheiratet, zwei Stiefsöhne (35 und 37).

Ihre Grundüberzeugung:

Ob Atomkraft oder Kinderbetreuung: Merkel ist lieber politische Pragmatikerin als ideologische Philosophin. Deshalb hat sie die Union als CDU-Chefin auch ein Stück nach links gerückt, weil sie in den Stammwählern zu wenig Potenzial für Wahlerfolge sieht. Merkel vergleicht Politik mit der menschlichen Evolution: „Ich finde Veränderungen nichts Schreckliches“, sagt die Naturwissenschaftlerin.

Ihre Taktik:

Horst Seehofer sagte über Merkel: „Wer sie unterschätzt, hat schon verloren.“ Merkel positioniert sich öffentlich bewusst mit als Letzte, was die Union oft auch verunsichert: „Wenn ich bei zehn Themen von Beginn an die Lösung vorgeben würde, hätte ich das Wesen der CDU nicht verstanden“, sagt Merkel. Am Schluss muss es aber trotzdem nach Merkels Pfeife gehen. Wegbegleiter nennen das „Erledigung der Angelegenheit durch Erschöpfung der anderen“. Und dann ist Merkels Kurs „alternativlos“.

Ihre Frauenpower:

Helmut Kohl bezeichnete Merkel als „Mädchen“ und bekam dafür die Quittung. Obwohl sie der CDU-Übervater förderte, wagte Merkel den Tabubruch und emanzipierte sich von Kohl 1999 mit einem Paukenschlag. Sie stellte das Schlachtross wegen seines Schweigens in der Spendenaffäre infrage, sodass Kohl sogar seinen CDU-Ehrenvorsitz abgeben musste.

Ihre Konkurrenten:

Merkel ist in der Union unangefochten – auch weil sich die einst starken Männer erledigt haben: Friedrich Merz, Christian Wulff, Roland Koch haben sich aus der Politik zurückgezogen. In jeder Hinsicht als Schwergewicht tut sich zunehmend der Parlamentarische Geschäftsführer Peter Altmeier hervor. Als möglicher Konkurrent für Merkel bleibt derzeit nur eine andere Frau: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen.

Hannelore Kraft (50)

Ihr Aufstieg:

Mit Hannelore Kraft wird ein Notnagel zum Anker einer gestärkten SPD: Geboren am 12. Juni 1961 in Mühlheim an der Ruhr als Tochter einer Verkäuferin und eines mit 50 Jahren gestorbenen Straßenbahners. Nach dem Abi Ausbildung zur Bankkauffrau und Studium mit Aufenthalt in London zur Diplom-Ökonomin. Übertritt von der katholischen zur evangelischen Kirche. Partei-Eintritt mit 33 Jahren nach einer SPD-Niederlage in Mülheim, ab 2001 Europa- und dann Wissenschaftsministerin. Nach der SPD-Wahlpleite 2005 Notfraktionschefin und danach NRW-SPD-Chefin. Ab 2010 für 20 Monate Ministerpräsidentin einer rot-grünen Minderheitsregierung. Verheiratet mit einem Elektroinstallateur, ein Sohn (19).

Ihre Grundüberzeugung:

„Ich will eigentlich immer noch die Welt verändern“, sagt die 50-Jährige und bekennt mit Stolz: „Mit Hinterzimmerpolitik hatte ich nie viel am Hut.“ In der Schule habe sie sich als Arbeiterkind durchgebissen – und das gelte auch für die Politik. Als Wohlfühlpolitikerin nimmt sie lieber neue Schulden als „vorbeugende Investition“ auf, als Städten, Studenten und Familien wehzutun.

Ihre Taktik:

Auch Kraft sparte sich die Ochsentour durch Ortsvereine und Seilschaften. Stattdessen tat sie sich in Krisensituationen als politische Arbeiterin mit ordentlich Lokalkolorit hervor: „Gibbet nich“, sagt sie gerne – und zeigt gleichzeitig bei Sozial- und Bildungspolitik Herz oder sich wahlweise präsidial. Beim Loveparade-Unglück ließ sie sich öffentlich zu Tränen rühren. Im Wahlkampf verlässt sie sich nicht auf große Bühnen, tingelt lieber durch Firmen und Fußgängerzonen.

Ihre Frauenpower:

„Frauen machen anders Politik – nicht besser oder schlechter“, sagt Kraft. Gleichwohl gilt sie als „Herzdame der SPD“: Bei den Bundesvorstandswahlen im Dezember erzielte Kraft das beste Ergebnis der gesamten Führungsspitze. Kraft setzte in NRW auf eine weibliche Doppelspitze und führte das Land mit der Grünen Sylvia Löhrmann.

Jubel und Enttäuschung: Die NRW-Wahl in Bildern

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Ihre Konkurrenten:

Als Ministerpräsidentin des bevölkerungsreichsten Bundeslandes hätte Kraft einen natürlichen Anspruch auf die Kanzlerkandidatur. Doch Kraft müsste gegen drei männliche Platzhirsche kämpfen: Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel liefern sich seit geraumer Zeit einen Wettbewerb um die Kandidatenfrage. Kraft selbst betont, als Landesmutter keine Lust auf das Kanzleramt zu haben – es sei denn, sie müsste wieder den Notnagel spielen.

Walther Schneeweiß

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