tz-Interview zum 30. Jahrestag der "Wende"

Waigel: "Kohl handelte mutig und beherzt"

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Theo Waigel (l.) und Helmut Kohl (Archivfoto)

München - Im tz-Interview zum 30. Jahrestag der "Wende" erinnert sich Theo Waigel an den 1. Oktober 1982 und spricht über sein Verhältnis zu Helmut Kohl.

Helmut Kohl sorgte am 1. Oktober 1982 für eine Zäsur in der Bundespolitik: Er brachte die seit 13 Jahren regierende sozialliberale Koalition durch ein konstruktives Misstrauensvotum um ihre Mehrheit, mit tatkräftiger Hilfe von Hans-Dietrich Genscher & FDP. Die erste Feier zum Jubiläum dieses denkwürdigen Tages fand am Dienstag in der Unionsfraktion statt. Für den 82-jährigen Kohl war es das erste Mal seit 2002, dass er diese Räume betrat.

Erstmals nach zehn Jahren: Altkanzler Kohl besucht Unionsfraktion

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Damals hatte er sie nach der Parteispendenaffäre im Unfrieden verlassen: Der Rekordkanzler, Übervater der CDU, Kanzler der Einheit, Baumeister der EU hatte der CDU und sich selbst mit seinem Verhalten („Herrscher über schwarze Kassen“) geschadet. Den Ehrenvorsitz gab er zurück, die Partei ging auf Distanz, allen voran die politische Ziehtochter Angela Merkel. Weggefährten wie Ex-Finanzminister Theo Waigel haben ihm immer die Treue gehalten. Die tz sprach mit Waigel.

Was sind Ihre Erinnerungen an den 1. Oktober 1982?

Theo Waigel: Das war für die CDU/CSU ein denkwürdiger Tag! Ich war zehn Jahre in der Opposition, und andere Kollegen 13 Jahre – da rechnet man fast nicht mehr damit, in die Regierung zu kommen, zumal wir 1980 klar verloren hatten. Es sah so aus, als würde das Bündnis aus SPD und FDP noch eine Weile halten. Dass es anders kam, hatte einerseits ökonomische Gründe. Gravierender war aber, dass die SPD nicht mehr in der Lage war, den von Helmut Schmidt vorgeschlagenen Nato-Doppelbeschluss durchzuhalten. In dieser Situation führte Helmut Kohl mutig und beherzt mit einem konstruktiven Misstrauensvotum die Wende herbei.

War das Abstimmungsergebnis denn nicht abzusehen?

Waigel: Nein, das war angesichts der Widerstände in der FDP nicht von vornherein sicher. Es war ja eine geheime Abstimmung und einige FDP-Leute – Hirsch, Baum, Hamm-Brücher – hatten angekündigt, sie würden nicht für Kohl stimmen. Es saß uns ja immer noch der Schock von 1972 in den Knochen, wo es nicht geklappt hatte. Wir konnten erst nach der Auszählung sicher sein.

Waren Sie 1982 schon mit Helmut Kohl befreundet?

Waigel: Wir kannten uns seit 1973 ich JU-Landes- und er CDU-Parteichef war. 1975 wurde er Fraktionsvorsitzender im Bundestag, ich 1978 wirtschaftspolitischer Sprecher der Union. Wir hatten immer ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis.

Was sind für Sie die wichtigsten Ereignisse der Regierungszeit Helmut Kohls?

Waigel: Zunächst war es das mutige Herangehen an die Konsolidierung des Haushalts, gemeinsam mit Gerhard Stoltenberg als Finanzminister. Das Zweite außen- und deutschlandpolitisch Gewichtigste war, den Nato-Doppelbeschluss durchzusetzen, gegen den Millionen auf die Straße gingen. Im Jahr darauf standen ja Wahlen an! Es war mutig von Kohl, etwas durchzusetzen, was dem überaus populären SPD-Kanzler Helmut Schmidt nicht gelungen war. Da hat sich die ungeheure Standfestigkeit von Helmut Kohl gezeigt. Wenn er von etwas überzeugt war, dann hat er das durchgefochten.

Haben Sie das auch bei anderen Gelegenheiten erlebt?

Waigel: Ich habe ihn bei Verhandlungen, zum Beispiel im Kaukasus und in Moskau, als einen ungewöhnlich konzentrierten Mann erlebt, der die wichtigsten Dinge im Kopf hat und dazu kein Manuskript benötigte. Außerdem konnte Kohl auf die Menschen zugehen, in der Partei, aber auch draußen im Land und im Ausland. Er hat das Vertrauen von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie den US-Präsidenten George Bush und Bill Clinton erworben, Gorbatschow und Jelzin in Moskau, von Mitterand und Chirac in Frankreich. Kohl ist auch mit den kleinen und mittleren Völkern in Europa sehr pfleglich umgegangen.

Kohl schien ja fast ein privates Verhältnis zu seinen ausländischen Partnern zu pflegen.

Waigel: Er wollte von anderen Staatslenkern wissen: Wo bist du aufgewachsen? Wo ist deine Heimat? Deshalb hat er gerne die Heimatregionen dieser Politiker besucht. Mancher ist da mehr aus sich herausgegangen, als er das bei den sonst kühlen Machtgesprächen getan hätte.

Hat all das die Wiedervereinigung erleichtert?

Waigel: Das hat uns viel Goodwill gebracht, den wir bei der Wiedervereinigung und den schwierigen Zeiten der europäischen Integration und der Euro-Einführung brauchen konnten.

Die Wiedervereinigung ist Kohls großes Vermächtnis?

Waigel: Das räumen inzwischen auch seine Gegner wie Helmut Schmidt ein. Das war ein Glanzstück. Es war mutig, das kurze Zeitfenster, das dafür offen war, zu nutzen. Das zweite Vermächtnis ist die Europäische Einigung. Heute wird gar nicht mehr realisiert, wieviel Positives sich von 1990 bis 2012 in Europa entwickelt hat – eine große Zone gemeinsamer Grundwerte.

Kurt Biedenkopf sagt, Kohl – und auch Sie – trügen eine Mitschuld an der Schuldenkrise, weil die Währungsunion schlampig vorbereitet war.

Waigel: Da irrt Kurt Biedenkopf. Die Vorbereitung der Währungsunion dauerte zusammen mit dem Europäischen Währungssystem etwa 20 Jahre. Man kann Helmut Kohl und auch mich nicht für Fehler verantwortlich machen, die danach gemacht wurden, indem Griechenland aufgenommen wurde und der Stabilitätspakt zunächst verletzt und dann verändert wurde.

Hat sich Kohl wirklich mit Angela Merkel versöhnt?

Waigel: Angela Merkels Artikel in der FAZ wird er wahrscheinlich nie ganz vergessen. Aber er ist Parteisoldat genug und liebt seine CDU so sehr, dass er einer tüchtigen Parteivorsitzenden die Unterstützung nicht versagt.

Wie beurteilen Sie die jetzige schwarz-gelbe Koalition, in der es dauernd knirscht?

Waigel: In den 16 Jahren unserer Koalition ist auch nicht immer alles glatt gelaufen. Insgesamt ist die Bilanz dieser Koalition nicht schlecht. Ich wünsche mir, dass sie die paar Brocken, die jetzt noch auf dem Weg liegen, möglichst schnell verabschiedet. Deutschland trägt heute eine Verantwortung wie nie zuvor in den letzten 150 Jahren.

Interview: Barbara Wimmer

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