Experte im tz-Interview

Warum ist Deutschland der Buhmann in Zypern?

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„Raus aus unserem Land“: Zypriotische Demonstranten zeigen Angela Merkel mit Hitlerbärtchen

München - Angela Merkel mit Hitlerbärtchen und weitere krasse Protestplakate - der Zorn in Zypern richtet sich auch gegen Deutschland. Warum ist das so? Die tz hakte bei einem Experten nach.

„Hitler, Merkel – alles derselbe Dreck“: Mit Protestplakaten wie diesen und Merkel-Fotos mit Hitlerbärtchen protestieren Zyprioten gegen das Sparprogramm. Angefeuert wird die Wut durch die Berichte des maltesischen Finanz­ministers Edward Scicluna, der erzählte, wie es beim entscheidenden EU-Gipfel zuging: „Mit der Pistole am Kopf“ habe der zyprische Finanz­minister Michael Sarris dem Spardiktat und der Bankenzerschlagung zugestimmt, nachdem er von Wolfgang Schäuble zehn Stunden lang bearbeitet worden sei, bis „Körper und Seele erschöpft“ gewesen seien. Schäuble meinte zum Zorn auf Deutschland nur: „Es ist immer so, es ist auch in Klassen so: Wenn man manchmal bessere Ergebnisse hat, sind die Anderen, die mehr Schwierigkeiten haben, auch ein bisschen neidisch.“ Erklärt das allein, warum Deutschland der Buhmann ist? Die tz fragt nach.

Ist die Bundes­regierung wirklich für den harten Sparkurs in den Euro-Krisenstaaten verantwortlich? Oder brauchen die Zyprioten oder Griechen nur ein Feindbild, um ihre Probleme besser zu ertragen?

Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner: Von Krisen betroffene Menschen brauchen ein Feindbild, an dem sie sich abarbeiten können. In der Asienkrise war das der Internationale Währungsfonds, in der Euro-Krise hat nun Deutschland diese Buhmann-Rolle. Es ist auch prinzipiell gar nichts Schlimmes, wenn Politiker irgendwelche externen Mächte dafür verantwortlich machen können, wenn sie ihrer Bevölkerung harte Einschnitte zumuten. Auf der europäischen Ebene sind derartige Vorbehalte allerdings schon ein Problem.

Sind auch manche deutsche Politiker mitschuldig, die allzu besserwisserisch gegenüber den Krisenstaaten auftreten?

Fichtner: Ich habe schon den Eindruck, dass einige deutsche Politiker ausgesprochen ungeschickt aufgetreten sind. Hinzu kommt, dass manche Medien eine unrühmliche Rolle spielten – ich erinnere an Bild-Schlagzeilen wie „Ihr griecht nichts mehr!“ Andererseits: Angela Merkel würde ich eher ausnehmen, sie hat sich nicht so ungeschickt geäußert – und trotzdem ist sie das Feindbild schlechthin.

Kann das schlechte Image Deutschlands bei unseren Nachbarn zu Problemen beim Export führen?

Fichtner: Es könnte schon sein, dass einzelne Verbraucher in den Krisenländern auf deutsche Produkte verzichten. Aber bei Unternehmen, die neue Maschinen kaufen, spielen solche politischen Motive wohl kaum eine Rolle. Und da solche Investitionsgüter den Hauptteil der deutschen Exporte ausmachen, dürften die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft wohl nur gering sein.

Proteste in Zypern: Hitler-Hetze gegen Kanzlerin Merkel

Proteste in Zypern: Hitler-Hetze gegen Kanzlerin Merkel

In Deutschland sind laut einer neuen Studie die Arbeitskosten ein Drittel höher als in anderen EU-Staaten. Wird da Druck entstehen, die Löhne in Deutschland noch weiter zu senken?

Fichtner: Ich hoffe nicht. Ich hoffe im Gegenteil, dass die Löhne sich wie schon in den letzten zwei Jahren nach oben entwickeln. Denn wir brauchen in Deutschland eine solide Binnennachfrage der Haushalte, um uns von der schwachen Entwicklung im Euroraum lösen zu können, von der wir im Moment noch sehr abhängig sind. Höhere Löhne und mehr Kaufkraft in Deutschland bedeuten auch mehr Importe von italienischen, spanischen oder französischen Produkten. So könnte Deutschland die Lokomotive für den Euroraum und auch für die Krisenländer sein.

Entsteht durch den radikalen Sparkurs in den Euro-Krisenstaaten ein negativer Konkurrenzdruck, der auch die Löhne in Deutschland noch weiter nach unten drückt?

Fichtner: Die Gefahr ist schon gegeben. Die Löhne in den Krisenländern werden schwach steigen oder sogar zurückgehen. Darauf aber in Deutschland mit ebenso schwachen Löhnen zu reagieren, mag aus der Sicht eines einzelnen Unternehmens sinnvoll sein. Gesamtwirtschaftlich haben wir mehr davon, wenn die Ungleichgewichte im Euroraum in Bezug auf die Löhne – und damit auch in Bezug auf die Exporte und Importe – abgebaut werden.

Der Euro war ja als Projekt gedacht, das Europa näher zusammenbringt. Im Moment hat man aber eher das Gefühl, dass die nationalistischen Vorurteile dadurch immer größer werden. Ist der Euro insofern gescheitert?

Fichtner: Nein. Sicher waren die letzten Jahre für das politische und gesellschaftliche Zusammenwachsen Europas nicht gut. Wenn man aber genauer hinschaut, ist Europa auch durch diese Krise ein ganzes Stück vorangekommen. Reformen wie der Fiskalpakt sind Voraussetzungen dafür, dass man ökonomisch und politisch näher zusammenrückt. Trotz der unschönen antideutschen Proteste in Zypern oder Griechenland: Wenn wir in zehn Jahren auf die Krise zurückblicken, dann könnte diese Krise tatsächlich der Moment gewesen sein, da man aus dem Euroraum mehr gemacht hat als ein reines geldpolitisches Konstrukt.

Interview: Klaus Rimpel

 

Unmengen von Zypern-Geld im Ausland

In den Wochen und Tagen vor der Schließung der Banken Zyperns soll es ungewöhnlich hohe Geldüberweisungen ins Ausland und Abhebungen von Bargeld gegeben haben. Zyperns Parlamentspräsident Ginnakis Omirou will prüfen ob hohe Beamte, die in den Entscheidungszentren der Zentralbank oder auch im Präsidialgebäude sitzen, ihre Gelder ins Ausland geschafft haben. Zyprische Medien berichteten, es seien „Unmengen“ von Geld abgehoben worden.

Dies hat die Wut der Zyprioten weiter angefeuert, die gestern noch immer kein Geld von ihren Banken abheben durften. Nach heftigem Streit in der zypriotischen Regierung war die zunächst bereits angekündigte Öffnung wenigstens der kleineren Banken erneut verschoben worden. Alle Bankfillialen sollen bei der Öffnung am Donnerstag Polizeischutz bekommen.

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