tz-Interview mit Nahost-Experte

Warum lässt die Welt die Kurden allein?

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Bei der Demonstration in Düsseldorf versammelten sich 21.000 Kurden.

München - Krisen-Herd Kobane! Die tz sprach mit dem Nahostexperten Prof. Udo Steinbach über die verschiedenen Aspekte des Kurden-Konflikts und die bange Frage, wie der IS gestoppt werden kann.

Nahost-Experte Dr. Udo Steinbach.

Die „gute Nachricht“ vom Wochenende: Die IS-Schergen konnten in der seit fast einem Monat belagerten syrischeen Stadt Kobane nicht noch weiter vorrücken. Erbittert halten Kurden die Stellung, weiterhin größtenteils allein. Dafür forderten in Düsseldorf 21 000 Kurden und Sympathisanten Unterstützung für die Kämpfer: Politiker appellierten besorgt, jeglicher Protest müsse friedlich bleiben – was auch befolgt wurde. Die tz sprach mit dem Nahostexperten Prof. Udo Steinbach über die verschiedenen Aspekte des Kurden-Konflikts und die bange Frage, wie der IS gestoppt werden kann.

Die Demonstrationen der Kurden erinnern viele Deutsche an frühere Jahre, als man Angst vor der PKK und vor Anschlägen hatte. Sind auch Politiker deshalb besorgt?

Steinbach: In der Öffentlichkeit werden sehr schnell wieder anti-kurdische oder kurdisch-kritische Empfindungen wach. Das ist völlig klar. Man kann nur hoffen, dass die deutsche Politik dem nicht nachgibt, sondern das bewertet, was sich in der politischen Führung, auch in der PKK, in den letzten Jahren verändert hat. Sie hat gelernt, dass Gewalttätigkeiten auf deutschen Straßen, wenn man für die kurdische Sache demonstriert, kontraproduktiv sind.

Es sind nicht unbedingt die Führer, die zu Gewalt aufrufen.

Steinbach: Die sind’s definitiv nicht! Die führenden Persönlichkeiten der Kurden und der PKK in Deutschland haben sich gegen Gewalt ausgesprochen. Aber die Emotionen kochen hoch. Da kann man nicht ausschließen, dass es zu Schlägereien kommt, wie es insbesondere die Zusammenstöße mit dem politischen Gegner, den Salafisten, gezeigt haben

Müssen die Kurden die Hoffnung auf einen eigenen Staat aufgeben?

Steinbach: Noch vor wenigen Monaten sprach man landauf landab vom kurdischen Staat, jetzt merkt man, wie die kurdische Frage doch wieder in die Mühlsteine der regionalen Mächte gerät. Es gibt derart viele Probleme und Herausforderungen; sehr schnell sind die Kurden wieder in die Defensive geraten.

In Kobane befinden sie sich in einer verzweifelten Lage. Die Türkei weigert sich einzugreifen. Liegt das im Kern am alten Kurdenkonflikt?

Steinbach: Das ist zutreffend – einerseits. Die Türkei fürchtet eine Stärkung der Position der Kurden, sollte es ihnen gelingen, die Terrorbewegung Islamischer Staat zurückzuschlagen. Andererseits würde die Türkei im Prinzip schon eingreifen, aber sie stellt eine Bedingung: Dass nicht nur die kurdische Enklave befreit werden soll, sondern auch der syrische Präsident Assad abgesetzt wird. Die Türken fürchten, dass sie am Ende allein dastehen. Sie sind mehrfach getäuscht worden, was die Bereitschaft der internationalen Gemeinschaft zu weiterreichenden Aktionen betrifft.

Muss die Türkei deshalb so demonstrativ untätig bleiben?

Steinbach: Sie könnte vieles tun, um die Kurden in Kobane zu unterstützen, ohne tatsächlich selber militärisch tätig zu werden – etwa kurdischen Kämpfern, die rüber wollen, den Transit gewähren, da gibt es wohl Probleme. Sie könnte die Kämpfenden stärker ausrüsten.

Was riskiert die türkische Regierung im eigenen Land, wenn Kobane fällt?

Steinbach: Dann wird sich die kurdische Frage in der Türkei in einer Radikalität stellen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der sogenannte Friedensprozess zwischen der PKK und dem türkischen Staat, wird aufgekündigt. Das ist ja de facto schon geschehen. Und der bewaffnete Kampf der PKK wird wieder aufflammen – einer PKK, die dann noch stärkeren Zulauf haben wird.

Wie ist der IS zu stoppen und den Kurden zu helfen?

Steinbach: Indem die internationale Gemeinschaft zusammen mit der Türkei die syrische Frage angeht. Die Forderung der Türkei, das Assad-Regime zu stürzen, ist nie irreal gewesen. Nur eine Vertreibung des Islamischen Staates kann ja nicht die Lösung sein. Es gibt durchaus Überlegungen in Washington und auch anderweitig, den Krieg doch auszuweiten auf die Beseitigung des Assad-Regimes. Das traut man sich nur derzeit noch nicht – letzten Endes ist der Ausgang eines solchen Krieges ja nicht ganz sicher.

Während diese Überlegungen stattfinden, steht Kobane jeden Tag ein bisschen dichter vor dem Fall. Irgendwann wird es so weit sein.

Steinbach: Das stimmt. Dass es nun aber ausgerechnet die Deutschen sind, die die türkische Seite dazu auffordern, militärisch tätig zu werden, hat natürlich einen besonders schalen Beigeschmack. Gerade die Deutschen waren ja in der Vergangenheit die stärksten Bedenkenträger einer aktiven Syrienpolitik. Und, wie sich jetzt herausstellt, verfügen sie über eine Armee, die in einem kläglichen Zustand ist.

Interview: Barbara Wimmer

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