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Rubel stürzt ab

Wirken die Sanktionen? tz-Check in Moskaus Supermärkten

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Volle Regale trotz der gegenseitigen Sanktionen: Auch europäische Marken finden sich in Moskaus Supermärkten noch immer im Kühlregal – auch wenn sie für viele Russen wegen des schwachen Rubels unbezahlbar geworden sind.

Moskau - Was spüren die normalen Menschen in Moskau von den Sanktionen? Die tz hat sich in Supermärkten der russischen Hauptstadt umgesehen.

Beim Obst und Gemüse dominieren jetzt türkische, lateinamerikanische und russische Produkte.

Der Absturz des Rubels hat dramatische Ausmaße angenommen: Die russische Währung verlor gegenüber dem Dollar seit Jahres­beginn fast 40 Prozent an Wert! Die russische Notenbank zog nun die Reißleine und gab gestern den Wechselkurs frei. Daraufhin stabilisierte sich die angeschlagene Währung zumindest kurzfristig. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuvor beim asiatisch-pazifischen Wirtschaftsgipfel angekündigt, dass die Zentralbank gegensteuern werde.

Beim Treffen von Angela Merkel gestern Abend mit Michail Gorbatschow warb der letzte sowjetische Staats- und Parteichef, früher ein scharfer Kritiker Putins, für mehr Verständnis für die Politik des Kreml-Führers. Die Kanzlerin zeigte für die Kritik Gorbatschows, der Westen sei für das schlechte Verhältnis zu Moskau verantwortlich, wenig Verständnis: „Man muss daran erinnern, dass es nicht die Nato war, die in jüngster Zeit das Völkerrecht gebrochen hat, sondern eben Russland“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Gorbatschow forderte, die gegenseitigen Sanktionen sollten schrittweise aufgehoben werden. Was spüren die normalen Menschen in Moskau von diesen Sanktionen? Die tz hat sich in Supermärkten der russischen Hauptstadt umgesehen.

Wirken die Sanktionen?

Von Verknappung und Engpässen keine Spur: Wer in diesen Wochen durch die Supermärkte und Markthallen Moskaus schlendert, der sieht ein breites Angebot an Obst und Gemüse, eine große Auswahl an Fleisch, Wurst, Käse und Joghurt in den Kühlregalen – auch europäische Marken, die wegen der Sanktionen eigentlich längst aus den Läden verschwunden sein müssten. Auf Nachfrage erklärte ein Moskauer Supermarktleiter dem tz-Reporter, dass es sich dabei um Produkte handele, „die wir noch auf Lager gehabt haben“.

Die russische Regierung hatte Anfang August die Einfuhr von Lebensmitteln aus der EU, den USA, Kanada, Australien und Norwegen unterbunden – als Antwort auf die zuvor beschlossenen Sanktionen dieser Länder gegen Russland.

Clementinen und Orangen kommen jetzt oft aus Argentinien und nicht mehr wie früher aus Spanien. Tomaten aus der Türkei und nicht mehr aus Italien. Armenien, einige Länder Lateinamerikas und Asiens sind sehr bereitwillig in die Lücke gesprungen, die der Exportstopp gegen westliche Lieferanten hinterlassen hat.

„Wenn europäische Firmen sich aus Russland zurückziehen, dann folgen schnell Firmen aus Asien, die Produkte auf gleichem Niveau anbieten“, sagte dazu Sergej Tscherjomin, der Moskauer Minister für Außenwirtschaft, im Gespräch mit der tz.

Weißrussland profitiert in besonderem Maße von den russischen Sanktionen gegen westliche Lebensmittellieferungen. Da Minsk mit Moskau in einer Zollunion verbunden ist, können Produkte aus dem Land problemlos nach Russland eingeführt werden. So wird seit Neuestem norwegischer Lachs in Weißrussland verarbeitet und dann als weißrussisches Produkt nach Russland weiterexportiert.

Nicht zuletzt wird natürlich auch die russische Lebensmittelwirtschaft durch das Embargo gestärkt. Die Nachfrage nach russischen Produkten ist in den letzten Monaten stärker geworden. Diese Entwicklung ist allerdings auch auf den Kursverfall des Rubels zurückzuführen. Für viele Verbraucher sind ausländische Produkte nun einfach zu teuer. So kauft der russische Normalverbraucher jetzt Käse aus Smolensk oder Tula statt französischen Camembert oder italienischen Mozzarella.

Ob die heimische Produktion in der Lage ist, die durch die Sanktionen entstandene Angebotslücke voll zu decken, ist aber zweifelhaft. Die Verknappung des Angebots hat in einigen russischen Regionen bereits zu steigenden Preisen geführt. Bisher ist offener Protest gegen Putin und die russische Regierung trotzdem ausgeblieben. Aktuelle Meinungsumfragen zeigen, dass immer noch eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung Putins Kurs im Ukrainekonflikt unterstützt. Zwar sind die Popularitätswerte des russischen Präsidenten seit dem Frühjahr etwas gefallen, doch viele Russen sehen in den Sanktionen des Westens vor allem den Versuch, „Russland zu schwächen“. Somit ist fraglich, ob die Sanktionen des Westens zum gewünschten Erfolg, also zu einer Veränderung der russischen Position gegenüber den ostukrainischen Separatisten, führen können.

Experten einer amerikanischen Denkfabrik haben zudem errechnet, dass der Rohölpreis auf unter 40 Dollar pro Barrel einbrechen müsste, bei gleichzeitigem Rückgang der russischen Öl- und Gasexporte um 60 Prozent, um auf das niedrige Niveau der Staatseinnahmen während der Präsidentschaft Boris Jelzins zu kommen. Ein recht unwahrscheinliches Szenario, auch bei einem aktuellen Ölpreis von nur 80 Dollar pro Barrel.

Viele Russen vergleichen ihre jetzige Situation mit den wirtschaftlich schwierigen Neunziger-Jahren unter Jelzin. Und im Vergleich dazu ist die Lage des Großteils der russischen Bevölkerung im Herbst 2014, trotz Sanktionen und Embargo, immer noch gut.

Mathias von Hofen

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