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Wladimir Putins Armee in der Ukraine geschlagen? Militärexperten analysieren schonungslos

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Von: Patrick Mayer

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Ukrainische Truppen feiern in einem vom Generstab aus Kiew zur Verfügung gestellten Foto die Rückeroberung von Gebieten im Oblast Charkiw.
Ukrainische Truppen feiern in einem vom Generstab aus Kiew zur Verfügung gestellten Foto die Rückeroberung von Gebieten im Oblast Charkiw. © IMAGO / Cover-Images

Laut einem Militärexperten droht der russischen Armee nach dem Charkiw-Rückzug im Süden der Ukraine bei Cherson die nächste Niederlage. Weitere Beobachter gehen mit Wladimir Putins Truppen hart ins Gericht.

München/Charkiw/Kiew - Riesen-Rückschläge für Russland im Ukraine-Krieg: Die ukrainische Armee hat seit dem 8. und 9. September durch eine Gegenoffensive großflächige Gebiete rund um die Millionenmetropole Charkiw (rund 1,4 Millionen Einwohner) zurückerobert.

Ukraine-Krieg: Russische Truppen ziehen sich aus Region Charkiw zurück

Der russische Generalstab gestand ein, seine Truppen aus der strategisch wichtigen Stadt Izium am Ufer des Siwerskyj Donez zurückgezogen zu haben. Von einer Umgruppierung war die Rede, Ukraine und westliche Beobachter sprechen von einem fluchtartigen und chaotischen Rückzug.

So zeigen Fotos und Videos der ukrainischen Seite angeblich hektisch zurückgelassenes russisches Kriegsgerät und angebliche Munition der Invasionsarmee, die nun den Verteidigern in die Hände fiel. Seit Anfang September konnten die ukrainischen Streitkräfte laut Präsident Wolodymyr Selenskyj mehr als 6.000 Quadratkilometer von den russischen Besatzern zurückerobern.

Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News zum Russland-Ukraine-Krieg

Damit nicht genug: Russlands Truppen ziehen sich ukrainischen Angaben vom Dienstag (13. September) zufolge auch aus ersten Ortschaften im benachbarten Oblast Luhansk zurück. Diese Region war nach schweren Kämpfen um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk erst vor Monaten an die Russen sowie die Separatisten gefallen. „Heute ist Kreminna völlig leer“, erklärte der ukrainische Militärgouverneur von Luhansk, Serhij Hajdaj, nun zu der Kleinstadt im Donezbecken.

Ukraine-Krieg: Russische Armee offenbar auch mit Rückschlägen in Region Luhansk

Russische Militärblogger berichteten bereits am Montag von der Rückeroberung der Ortschaft Bilohoriwka durch die Ukraine. Im Westen und Deutschland wird mit Blick auf das Kriegsgeschehen seit Anfang der Woche vor allem eine Frage diskutiert: Ist das der Wendepunkt zugunsten des Angegriffenen? Zum Nachteil von Moskau-Machthaber und Kriegstreiber Wladimir Putin?

Gustav Gressel, Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations (ECFR), glaubt - ja. Der viel zitierte Militärexperte sagte am Montag (12. September) der Sendung „ZDF spezial“ : „Das sieht nach gegenwärtigen Verhältnissen sehr nach dem Wendepunkt aus. Die Russen haben sehr starke Kräfte verloren.“ Gressel begründet seine Einschätzung auch mit einer angeblich weiteren drohenden Niederlage der russischen Truppen - diesmal im Süden der Ukraine. „Es gibt einen zweiten Kessel in Cherson, der könnte sich aufgrund von Munitionsmangel auch in einigen Tagen zuziehen beziehungsweise könnten diese Truppen kapitulieren“, erklärte der Österreicher und meinte: „Dann haben wir eine erhebliche Schwächung der russischen Armee, was die Mannstärke angeht.“

Wendepunkt im Ukraine-Krieg? Militärexperten Schwächen der russischen Truppen

Dazu käme ein psychologischer Effekt, glaubt er und argumentiert: „Es sollte jetzt eigentlich die Rekrutierungsphase laufen für die nächste Rotationsperiode (der russischen Armee, d. Red.). Und in diese Rekrutierungswelle hinein kommen die Nachrichten von der Niederlage, die sich auch in Russland nicht mehr verbergen lassen. Dementsprechend werden sich die Freiwilligen, die sich für einen Krieg melden, der offenbar verloren ist, eher zurückhalten.“ Seiner Ansicht nach seien die Russen von der Offensive überrascht worden, weil diese bei Charkiw kam. Und nicht bei Cherson, wie von Präsident Selenskyj und anderen Experten über Wochen angekündigt. „Das hat ihre operativen Ressourcen zur falschen Zeit am falschen Ort gebunden“, meinte Gressel im ZDF: „Da brach Chaos aus. Dieses Chaos haben die Ukrainer geschickt ausgenutzt.“

Da brach Chaos aus. Dieses Chaos haben die Ukrainer geschickt ausgenutzt.

Militärexperte Gustav Gressel im ZDF

Der ehemalige Nato-General Egon Ramms ist vorsichtiger: „Ich bin noch nicht so weit, dass ich von einem Wendepunkt rede. Einfach aus dem Grund, dass ich sage, dass noch zu viele russische Soldaten in der Ukraine sind. Und Putin hat immer noch die Möglichkeit, neue Kräfte nachzuführen“, sagte der General a. D. des Heeres der Bundeswehr am Sonntag (11. September) dem „heute journal“ des ZDF. Die jüngsten militärischen Erfolge seien „für die Moral der ukrainischen Soldaten und der ukrainischen Bevölkerung ausgesprochen wichtig“, erklärte der 73-Jährige weiter und forderte von den westlichen Regierungen, „dass Waffen weiter geliefert werden müssen, und zwar Waffen aller Art, damit die ukrainischen Streitkräfte diesen Erfolg weiter ausdehnen können“.

Deutscher Militärexperte: „Russische Soldaten wurden durch den ukrainischen Angriff überrascht“

Auch Ramms fällt ein vernichtendes Urteil über die russischen Truppen: „Ich schätze, dass die Soldaten durch den ukrainischen Angriff überrascht worden sind und man sich offensichtlich nicht im Klaren darüber war, dass man einer solchen Situation mit seinen Waffen und seinem Gerät ausweichen muss. Und man ist offensichtlich regelrecht weggelaufen. Das heißt, es hat sowohl die Führung gefehlt als auch die Kampfkraft, der Wille und die Moral der russischen Soldaten.“

Mit Franz-Stefan Gady stützt indes ein anderer Militärexperte die These vom Wendepunkt. Am Dienstag twitterte er geschätzte Frontverläufe und kommentierte dazu: „Wenn diese Truppendispositionen und Vormarschachsen auch nur annähernd korrekt sind, ist Russlands Position im nördlichen Gebiet Lugansk tatsächlich einer ernsthaften militärischen Bedrohung ausgesetzt.“

„Wir sind mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem durchschlagenden Erfolg der ukrainischen Streitkräfte in eine neue Phase des Krieges getreten. Die russische Front in der Charkiw-Region ist kollabiert“, hatte der Politikberater und Analyst am Institute for International Strategic Studies (IISS) in London tags zuvor im „Brennpunkt“ der ARD gesagt: „Die Ukrainer sind dort tief in den Raum vorgestoßen. Im Moment schaut es nicht so aus, als ob sich die russischen Streitkräfte neu gruppieren können. Es gibt keine operativen Reserven, die Gegenangriffe durchführen können. Im Moment liegt das Heft des Handelns klar auf der Seite der Ukraine.“ (pm)

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