Wulff will "Denkfabrik" im Schloss Bellevue

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Christian Wulff will eine "Denkfabrik" im Schloss Bellevue, bei der auch Joachim Gauck dabei sein soll.

Berlin - Der CDU-Politiker Christian Wulff will im Fall seiner Wahl zum Bundespräsidenten eine “Denkfabrik“ einrichten. Mit an Bord soll auch sein Gegenkandidat Joachim Gauck sein.

Das kündigte der niedersächsische Ministerpräsident im Gespräch mit “Bild am Sonntag“ an. In dem Interview wandte sich Wulff zugleich gegen eine zu stark parteipolitisch geprägte Betrachtung der Wahl des Staatsoberhaupts und zeigte sich besorgt über die wachsende Politikverdrossenheit.

Zu seinen Plänen für eine Denkfabrik im Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten sagte der Kandidat der schwarz-gelben Koalition: “Im neuen Amt wird es um Anstöße zu großen Fragen unserer Zeit gehen wie die Bewältigung der demografischen Entwicklung, die Verhinderung einer Überforderung der jungen Generation sowie die Integration von Migranten. Deswegen würde ich das Schloss Bellevue zu einer Denkfabrik für Deutschland machen.“ Wissenschaftler, Politiker, Künstler, “kluge Köpfe“ könnten dabei helfen, Anregungen zu geben, das Land modern und zukunftsfest zu machen.

Christian Wulff: Der Kandidat im Porträt

Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Er ist lieber Softie als Rabauke. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) gibt sich im politischen Geschäft bescheiden. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Christian Wulff (M.) ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Wulffs Gegenkandidaten sind Joachim Gauck (M.), der Kandidat von rot-grün und Luc Jochimsen (r.), die Kandidatin der Linkspartei. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Trotz seines soften Auftretens lässt Wulffs typisches, beinahe spitzbübisches Lächeln aber erahnen, dass der 50-Jährige hinter den Kulissen kräftig die Strippen zieht. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Der Mann, der lieber Bananensaft als Wein trinkt, ist ein ehrgeiziger Stratege, sagen politische Weggefährten. Hier posiert Wulff (r.) mit Papst Benedikt XVI. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Jetzt soll der Katholik und Familienvater nach dem Willen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der schwarz-gelben Koalition Bundespräsident werden. (Foto: Wulff mit seiner Frau Bettina und Sohn Luis) © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Seit Jahren schon wird gemunkelt, dem Regierungschef werde es in Niedersachsen allmählich zu langweilig. (Foto: Wulff, l.,  mit Songcontest-Gewinnerin Lena und Stefan Raab). © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Ambitionen als Kronprinz von Kanzlerin Merkel stritt Christian Wulff aber ab. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
2008 hatte Wulff gesagt, er traue sich das Amt des Kanzlers nicht zu, er sei kein “Alphatier“. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Doch Wulffs politisches Umfeld wollte das nicht so recht glauben. © dpa
Christian Wulff Kandidat schwarz-gelbe Regierung Bundespräsidenten.
Zuletzt landete der CDU-Politiker einen Coup, für den er auch im Ausland gefeiert wurde: Er ernannte die erste deutsch-türkische Ministerin in Deutschland und trat damit für eine Öffnung der CDU ein. “Der traut sich was“, hieß es anerkennend. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Wulff, hier mit Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, steht für einen wirtschaftsliberalen Kurs der CDU. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Einst ein junger Wilder in der Partei, ist Christian Wullf inzwischen ein Konservativer der Mitte - alles andere als ein Haudrauf und Polarisierer. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Das einstige Image des spießigen Langweilers, das ihm zu Oppositionszeiten anhaftete, konnte Wulff als Regierungschef schnell abstreifen. © dpa
Christian Wulff Kandidat schwarz-gelbe Regierung Bundespräsidenten
Heute fühlt er sich sogar bei Auftritten auf dem roten Teppich wohl. In zweiter Ehe verheiratet, posiert Wulff mit seiner Frau Bettina schon mal für Fotos in Boulevardmagazinen. (Foto: Wulff und seine Frau beim Landespresseball in Hanover) © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Auch Privates ist für das Paar, das einen zweijährigen Sohn hat, nicht tabu - bisweilen plaudern sie in Talkshows über die rare Zeit zu zweit. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Seit 2003 steht der 50-Jährige an der Spitze einer schwarz-gelben Koalition in Niedersachsen, 2008 gelang ihm die Wiederwahl. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Wulff sei der Architekt der vermutlich erfolgreichsten Zusammenarbeit von CDU und FDP, sagt der niedersächsische FDP-Wirtschaftsminister Jörg Bode. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Nach dem Rückzug von Hessens Ministerpräsident Roland Koch und der Wahlschlappe von Jürgen Rüttgers (beide CDU) in Nordrhein- Westfalen hat der Regierungschef und CDU-Bundesvize unter den Länderfürsten jedenfalls beste Karten. © dpa
Christian Wulff Kandidat schwarz-gelbe Regierung Bundespräsidenten.
Etliche Titel wurden Wulff, der sich gerne landesväterlich und präsidial gibt, schon zugeschrieben. Mal hieß er “Meister Proper“, später sah ihn ein Magazin gar als heimlichen “Autokanzler“. © dpa
Christian Wulff Kandidat schwarz-gelbe Regierung Bundespräsidenten.
Im Machtkampf zwischen Porsche und dem Autobauer VW hatte Wulff mit am Steuer gestanden. Niedersachsen ist zweitgrößter VW-Aktionär und konnte am Ende glänzen. © dpa
Christian Wulff Kandidat schwarz-gelbe Regierung Bundespräsidenten.
Und selbst in Zeiten der Wirtschaftskrise wollte der Regierungschef nichts von depressiver Stimmung wissen. © dpa
Christian Wulff Kandidat schwarz-gelbe Regierung Bundespräsidenten.
Niedersachsen sei gut aufgestellt, lautete Wulffs immer wiederkehrende Parole. © dpa
Christian Wulff Kandidat schwarz-gelbe Regierung Bundespräsidenten.
Turbulenzen geriet Wulff Anfang dieses Jahres, weil er für Flüge in den Weihnachtsurlaub mit der Familie ein kostenloses Upgrade in die Businessklasse angenommen hatte. © dpa
Christian Wulff Kandidat schwarz-gelbe Regierung Bundespräsidenten.
Der Regierungschef räumte einen Verstoß gegen das Ministergesetz ein und zahlte umgehend nach. © dpa
Christian Wulff ist der Kandidat der schwarz-gelben Regierung für das Amt des Bundespräsidenten.
Damit konnte er sich schnell wieder aus der Schusslinie bringen. Von Monika Wendel © dpa

“Denken Sie an Friedrich den Großen und seinen Berater Voltaire“, fügte Wulff wörtlich hinzu. Das Staatsoberhaupt werde “ja nicht durch die Wahl zum Universalgenie, sondern ist auf den Rat von klugen Leuten angewiesen“. Auf die Frage, ob zu den klugen Köpfen, deren Rat er einholen wolle, auch Gauck gehöre, sagte Wulff: “Selbstverständlich. Ich halte sehr viel von Joachim Gauck.“ Der Theologe und ehemalige Stasi-Akten-Beauftragte ist von SPD und Grünen als Kandidat für die Nachfolger Horst Köhlers benannt worden.

Erste große Rede zum Jahrestag der Einheit

Seine erste bedeutende Rede als Bundespräsident will Wulff nach eigenen Angaben erst am 3. Oktober zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit halten. “Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht bereits unmittelbar nach der Wahl über die Ziele der nächsten fünf Jahre Ausblick geben werde“, wird der CDU-Politiker zitiert. Er wolle sich genug Zeit nehmen, “um ausreichend tief zu schürfen und viele daran beteiligen zu können“. Der Kandidat von Union und FDP wandte sich dagegen, die Präsidentenwahl am Mittwoch parteipolitisch zu betrachten. Die Stimmentscheidung treffe jedes Mitglied der Bundesversammlung in Verantwortung vor seinem Gewissen und in Betrachtung der Kandidaten frei und geheim.

Joachim Gauck: Der Kandidat im Porträt

Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Gaucks Gegenkandidaten sind Christian Wulff (CDU, l.), der Kandidat der schwarz-gelben Regierung und Luc Jochimsen für die Linkspartei. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Joachim Gauck mischt sich gern ein. Und er ist “wortmächtig“, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel dem früheren DDR- Bürgerrechtler bescheinigt. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Als Gauck im Januar 70 Jahre alt wurde, kam die Kanzlerin selbst (hier mit ihrem Mann Joachim Sauer, l.) und und würdigte Gauck als “Versöhner, Einheitsstifter und Mahner“. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Schon als Pfarrer in Rostock (Foto) habe er dazu beigetragen, dass aus dem Widerstand gegen die DDR-Diktatur eine Massenbewegung wurde, sagte Merkel. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Noch heute erinnern Gaucks tragende Stimme, die ausgewogenen Sätze und die ruhige Art an den früheren Kirchenmann. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Nach der Wiedervereinigung wurde Gauck erster Chef der Stasi- Unterlagen-Behörde, die er bis zum Jahr 2000 leitete. Die Aufarbeitung zu organisieren - ohne Rache an den Stasi-Tätern - war eine gewaltige Aufgabe und historisch ohne Vorbild. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Der einstige Oppositionelle hat sich mit der Leitung einen bleibenden Namen gemacht. Noch heute sagen manche “Gauck-Behörde“, obwohl sie nun seit zehn Jahren von Marianne Birthler geleitet wird. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Vergessen werden dürfe nicht, wie die DDR-Staatssicherheit das Volk bespitzelte und Menschen ihre Zukunft nahm, hat Gauck immer wieder gemahnt. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Gaucks große Anliegen sind “Gerechtigkeit in der Gesellschaft“ und die innere Einheit. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Gauck appelliert an die Menschen, sich nicht zurückziehen, sondern aktiv ihre Rechte wahrzunehmen (hier mit Klaus Wowereit,l). © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Joachim Gauck weiß aus bitterer Erfahrung, das Demokratie nicht selbstverständlich ist: “Eine solche Gesellschaft mit Bürgerrechten und Pressefreiheit werde ich immer mit Dankbarkeit und Glück anschauen.“ Er habe in den ersten 50 Jahren seines Lebens auf demokratische Errungenschaften verzichten müssen. © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Gauck legt auch öffentlich den Finger in die Wunde: Die Deutschen jammerten lieber, als sich über Erfolge zu freuen (hier mit der SPD-Führungsriege). “Deutsche fühlen sich gern schlecht“, mahnt er.  © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Gegen diese “Verdruss-Süchtigkeit“ wolle er sich auch einsetzen. “Für ein gutes Miteinander braucht es die Erfahrungen der anderen“, sagt Gauck (hier mit der Führungsriege von Bündinis90/Die Grünen). © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Der Vater von vier Kindern und mehrfache Großvater engagiert sich auch im Verein “Gegen Vergessen für Demokratie“. Als Vorsitzender kümmert er sich zusammen mit vielen Mitstreitern um die Aufarbeitung der Geschichte der Diktaturen in Deutschland. (Foto: Bei der Verleihung des Point-Alpha-Preises des Kuratoriums Deutsche Einheit hält Gauck die Festrede) © dpa
Joachim Gauck Bundespräsident
Mit Nachdruck sagt Gauck: “Wir sind gegen Rechtsradikale und andere Feinde der Demokratie.“ © dpa
Joachim Gauck ist der rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Dem stets korrekt gekleideten Gauck fliegen viele Sympathien zu (hier mit dem zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler, M.). © dpa
Joachim Gauck Bundespräsident
Als Gauck mit seinem Erinnerungsbuch “Winter im Sommer - Frühling im Herbst“ auf Lesereise war, freute er sich über das Interesse. “ © dpa
Joachim Gauck Bundespräsident
Ich habe nur aufmerksame Zuhörer, ich ken ne nichts anderes“, sagt der frühere Seelsorger.  Von Jutta Schütz © dpa

“Es darf kein Junktim geben, und es gibt kein Junktim zwischen der Wahl des Bundespräsidenten und dem Fortbestand der Regierungskoalition oder einer Sachfrage. Es geht allein um die Wahl des nächsten Bundespräsidenten“, wird Wulff zitiert. Im Übrigen sehe er sich nicht weniger als Gauck als Kandidat des Bürgertums. Er sei Kandidat der drei bürgerlichen Parteien CDU, CSU und FDP, und jeder könne nachprüfen, “dass ich in Niedersachsen seit mehr als sieben Jahren eine bürgerliche Politik mit schlanker Verwaltung, wenig Regulierung sowie guten Bildungs- und Aufstiegschancen für alle mache“. Sich selbst charakterisierte Wulff als “sanftmütig und friedfertig“ sowie “zurückhaltend und entschlossen“.

Solche Menschen würden oft unterschätzt. Seine Sorge über die Politikverdrossenheit in Deutschland äußerte Wulff mit den Worten: “Alarmierend ist die sinkende Wahlbeteiligung, der Rückgang der Mitglieder in den demokratischen Parteien und der wachsende Frust.“ Lange Zeit hätten Union, SPD und FDP große politische Stabilität garantiert. “Jetzt erleben wir eine Auffächerung der Parteienlandschaft, die es in anderen Staaten schon lange gibt. Die Folge sind instabile Mehrheitsverhältnisse nicht zuletzt im Bundesrat“, beklagte Wulff. Der Staat müsse heraus aus der mit Schulden finanzierten Krisenbekämpfung und hin zu ausgeglichenen Haushalten.

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