Münchens ehemaliger OB im Interview

Wie Hans-Jochen Vogel das Kriegsende erlebte: „Ein paar Zentimeter retteten mein Leben“

Er war in Gefangenschaft, als der Krieg endete. Hans-Jochen Vogel im Münchner Augustinum.
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Er war in Gefangenschaft, als der Krieg endete. Hans-Jochen Vogel im Münchner Augustinum.

SPD-Urgestein Hans-Jochen Vogel erinnert sich im Interview an das Kriegsende im Jahr 1945. Er sagt: „Ich wusste, dass mich jederzeit ein tödlicher Schuss treffen könnte.“

  • Münchens ehemaliger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel kämpfte als Soldat im Zweiten Weltkrieg.
  • Im Interview erzählt er, wie er das Kriegsende erlebt hat.
  • Auch das Coronavirus ist Thema beim Gespräch mit Vogel.

München– Hans-Jochen Vogel sah Kameraden neben sich sterben und wurde selbst als Soldat zwei Mal verwundet. Im Interview spricht Münchens ehemaliger Oberbürgermeister über den Krieg, den 8. Mai – und das Wiedersehen mit seiner Mutter.

Herr Vogel, Sie sind 94 und müssen mit Corona noch mal eine große Krise miterleben. Wie geht es Ihnen?

Hans-Jochen Vogel: Meine Frau und ich haben uns an die neue Lebenssituation einigermaßen gewöhnt. Das Personal hier im Augustinum versucht, die Auswirkungen gering zu halten – ein großes Lob dafür.

Belastet Sie die Isolation?

Uns kann niemand besuchen. Aber es gibt ja das Telefon, sodass wir eine lebendige Verbindung mit unseren Kindern pflegen können. Im Übrigen verstehe ich, dass man im Seniorenheim vorsichtig ist. Bei uns gab es erfreulicherweise bisher nur eine Infektion – übrigens auf dem Stockwerk, auf dem wir wohnen. Aber die ist mit Quarantäne ohne Folgen zu Ende gegangen.

„Krieg ist von Menschen verursacht, diese Pandemie nicht“

Es ist nun oft vom Krieg gegen Corona die Rede. Sie haben den Krieg erlebt. Ist das ein glückliches Bild?

Ich würde es nicht benützen, weil es einen fundamentalen Unterschied gibt: Der Krieg ist von Menschen verursacht, diese Pandemie nicht.

Wo genau waren Sie am 8. Mai 1945?

Ich war seit drei Wochen in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Italien. Ende April hat meine Einheit mich als Unteroffizier nach einem Lazarettaufenthalt mit vier oder fünf älteren Kameraden und einigen Kühen (lacht) nach Norden über den Po geschickt, weil sich die Einheit dort wieder sammeln sollte. Der Gedanke, dass man den Po damals noch mit Kühen hätte überqueren können, war schon abenteuerlich. Partisanen haben uns dann zwei Tage später gefangen genommen und an die Amerikaner übergeben. Ich kam in ein Lager mit 25 000 Gefangenen in der Nähe von Coltano.

In Wehrmachtsuniform: Vogel meldete sich kurz nach dem Abitur freiwillig, um der SS zu entgehen.

Wie haben Sie dort vom Kriegsende erfahren?

Ich konnte ein bisschen Englisch und wurde beauftragt, die amerikanische Armeezeitung „Stars and Stripes“ zu lesen, wichtige Meldungen zu übersetzen und am Schwarzen Brett auszuhängen. Das habe ich natürlich auch mit der Meldung der deutschen Kapitulation getan.

Sie waren also einer der Ersten im Lager, die Bescheid wussten?

Na ja, es wurde vorher schon gerüchteweise darüber geredet. Die Entwicklung war ja abzusehen. Das NS-Regime hat jedoch bis in die letzten Apriltage hinein eine unglaubliche Propaganda betrieben. Ich erinnere mich, dass wir auf dem Marsch zum Po die Rede gehört haben, die Goebbels immer am Vortag zu Hitlers Geburtstag am 20. April hielt. Er sprach darin noch immer vom Endsieg. Dieser Mann hatte eine teuflische Begabung. Einige Kameraden glaubten ihm sogar damals noch. Ich nicht.

Hans-Jochen Vogel: „Gott sei Dank hört das Morden und Töten auf“

Welches Gefühl erfüllte Sie, als Sie von der Kapitulation lasen?

Ich dachte: Gott sei Dank hört das Morden und Töten auf. Gott sei Dank wird nicht mehr geschossen. Gott sei Dank gibt es keine Luftangriffe mehr. Anderen ging es ähnlich, wir spürten Erleichterung. Was die Zukunft anging, glaubten wir aber, noch einige Jahre in Zwangsarbeit verbringen zu müssen, um einigermaßen gutzumachen, was wir Deutschen im Krieg angerichtet hatten.

Sie waren zwei Jahre Soldat, wurden zwei Mal verwundet. Wie ging es Ihnen im Mai 1945?

Es ging mir erträglich. Bei einem Angriff in den letzten März-Tagen – wir sollten einen Berghügel erstürmen – traf mich ein Schuss in den Bauch, aber nicht in den Magen. Wäre die Kugel einige Zentimeter versetzt eingedrungen, wäre ich tot gewesen. Ich kam ins Lazarett, wo das Leben passabel war.

Sie waren keine 20 Jahre alt. Wie groß war Ihre Angst zu sterben?

Da war ein Zwiespalt. Einerseits wollte ich natürlich am Leben bleiben. Andererseits wusste ich, dass mich jederzeit ein tödlicher Schuss treffen könnte. Da dies für Soldaten im Krieg ein allgemeiner Zustand war, hielt sich die Angst in Grenzen.

Stimmt es, dass Sie sich 1943 freiwillig zur Wehrmacht meldeten?

Ja, das war die Zeit, als die Waffen-SS eine lebhafte Werbung betrieb, die manchmal die Grenze des Zwangs erreichte. Zu dieser NS-„Elitetruppe“ wollte ich aber keinesfalls und erst mit einem Annahmeschein der Wehrmacht war man davor sicher.

Münchens ehemaliger OB Vogel: „Man muss alles tun, um einen neuen Krieg zu verhindern“

Sie sagten mal, Soldat gewesen zu sein gehöre zu den wichtigsten Erlebnissen Ihres Lebens. Wie ist das gemeint?

Dass man auf andere schießt oder selbst beschossen wird, dass ein Kamerad, mit dem man gerade noch geredet hat, plötzlich tot am Boden liegt, das sind Lebenserfahrungen, die man nie vergisst. Ich und viele andere haben daraus den Schluss gezogen, dass man alles tun muss, um einen neuen Krieg zu verhindern.

Haben Sie im Gefecht jemanden getötet?

Das weiß ich nicht mit Sicherheit. Bei dem Angriff, bei dem ich selbst verletzt wurde, wäre es möglich gewesen.

War Ihnen damals klar, welche Verbrechen das NS-Regime beging?

Wir wussten nicht viel. Als ich Ende 1943 in Frankreich erkrankt im Lazarett war, versammelten wir uns einmal bei einem alten Obergefreiten. Der hat gesagt: Ihr wisst ja gar nicht, was im Osten passiert. Dass dort eine unglaubliche Zahl von Menschen stirbt. Als wir mehr wissen wollten, schwieg er. Er hielt es wohl für zu gefährlich.

Wie sehr waren Sie 1945 noch durchdrungen von der NS-Propaganda?

Überhaupt nicht mehr. Aber aktiv Widerstand zu leisten, lag außerhalb meiner Vorstellung.

Münchens ehemaliger OB Vogel über Kriegsende 1945

Wie ging es nach Kriegsende für Sie weiter?

Zu meiner Überraschung sind wir bereits im Juli 1945 mit vielen Mitgefangenen in ein Lager bei Bad Aibling verlegt worden. Nach acht Tagen wurden wir in die Heimat entlassen. Dabei gab es in meinem Fall eine Besonderheit: Wir wurden nämlich in Mainz, also in der französischen Zone, abgesetzt und wussten, dass die Franzosen Entlassene oft noch einmal gefangen nahmen und zur Zwangsarbeit nach Frankreich verbrachten. Mir gelang es aber, über eine provisorische Holzbrücke auf die andere Rheinseite – also in die amerikanische Zone – zu gelangen. Dort fuhr bald ein Zug und ich kam heim nach Gießen an der Lahn.

Zu Ihren Eltern...

Ich erinnere mich noch genau: Als ich das letzte Mal auf Heimaturlaub war, das war Weihnachten ’44, da hatte meine Mutter noch ihr normales schwarzes Haar. Als sie dann Ende Juli 1945 die Tür öffnete und ich sie wiedersah, da war ihr Haar weiß geworden, wohl aus Kummer und besonderer Sorge in den letzten Monaten. Mich hat das damals sehr berührt, und das tut es bis heute.

Wissen Sie noch, was Ihre Mutter sagte?

Sie hat mich umschlungen und mir einen Kuss gegeben. „Dass du nur wieder da bist!“, sagte sie dann.

Glaubten Sie damals, dass dieses Deutschland eine Zukunft haben würde?

Bei mir wurde alsbald der Gedanke stärker, dass wir aus dem, was passiert war, lernen und uns eine Ordnung geben müssen, die Grundwerte zur Grundlage hat. Und ich fühlte, dass ich die verdammte Pflicht und Schuldigkeit hatte, an einer solchen Ordnung mitzuarbeiten.

Holt Sie die Zeit als Soldat heute noch ein?

Hin und wieder, bei besonderen Anlässen. So, wenn ich wie heute danach gefragt werde.

200.000 Häftlinge wurden zwischen 1933 und 1945 im KZ Dachau gefangen und gequält. Über 40.000 von ihnen starben. Vor 75 Jahren haben die Nazi-Gräuel ein Ende – US-Soldaten befreien das Lager.Mit dabei: eine japanisch-stämmige Spezialeinheit, der Clarence Matsumura angehört. Das ist seine Geschichte.

Mit eindringlichen Worten hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an die Befreiung vom Nationalsozialismus erinnert. Seine Rede im Wortlaut.

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