Vermisst auf hoher See

Urlaubsidylle als Albtraum: Warum so viele Passagiere bei Kreuzfahrten verschwinden

+
Sie suchten Komfort und Luxus auf hoher See, doch sie fanden den Tod. Jedes Jahr verschwinden mehr als 20 Menschen an Bord von Kreuzfahrtschiffen.

Eine Frau geht über Bord und überlebt zehn Stunden in der Adria. Ähnliche Fälle enden oft tödlich: Jedes Jahr verschwinden mehr als 20 Menschen auf Kreuzfahrten.

Hamburg - Wasserrutschen an Bord, überbordende Buffets und fulminante Unterhaltungsprogramme: Moderne Kreuzfahrtschiffe werben mit einem Luxus, der oft selbst Sterne-Hotels in den Schatten stellt.

Wenn Passagier auf Kreuzfahrt verschwinden

Die Industrie boomt seit Jahren, beflügelt von Urlaubern, die sich neben exotischen Hafen-Stopps auf bis zu 16 Decks Entspannung und Entertainment erhoffen. Doch manchmal entpuppt sich die Urlaubsidylle als Albtraum.

Immer wieder gehen Passagiere über Bord - nicht nur durch Unfälle - und manche bleiben verschwunden. Der Strafrechtler und TV-Anwalt Alexander Stevens geht sogar so weit, das Kreuzfahrtgeschäft als "ein Eldorado für Mordgetriebene" zu beschreiben.

"Tatsächlich verschwinden im Schnitt jedes Jahr über 20 Menschen von Bord eines Kreuzfahrtschiffes", erläutert Ross Klein, Professor für Maritime Studien von der kanadischen Universität Neufundland auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Insgesamt 315 solcher Fälle hat der Kreuzfahrt-Experte seit dem Jahr 2000 dokumentiert.

Lesen Sie hier: Wie versichere ich mich für Kreuzfahrten richtig?

Ein Teil der Vermisstenfälle sei auf Suizide zurückzuführen, erklärt der Experte, andere Fälle seien das Resultat unglücklicher Unfälle, oft als Folge von Alkoholmissbrauch. "Besorgniserregend ist jedoch, dass es in rund 30 Prozent aller Fälle keinen Anhaltspunkt gibt, was mit den Passagieren geschehen sein könnte", sagt Klein.

Für die Hinterbliebenen folgen in der Regel Jahre der quälenden Ungewissheit. Ein Mann, der dies am eigenen Leib erleben musste, ist der Amerikaner Kendall Carver. Seine erwachsene Tochter Merrian verschwand 2004 von Bord eines Kreuzfahrtschiffes. "Als Angehöriger habe ich sehr gelitten. Nicht nur, weil ich einen geliebten Menschen verloren habe, sondern vor allem, weil die Reederei mit allen Mitteln versucht hat, den Vorfall zu vertuschen", erzählt er sichtlich bewegt per Videoanruf.

Die Tragödie beginnt am 1. September 2004, als Carvers Tochter plötzlich für mehrere Tage nicht zu erreichen ist. Carver findet heraus, dass sie Tickets für ein amerikanisches Kreuzfahrtschiff gekauft hatte. Er ruft die Reederei an, die ihm nach drei Tagen bestätigt, dass Merrian zwar an Bord gewesen sei, aber nach der zweiten Nacht ihre Kabine nicht mehr benutzt habe.

Lesen Sie hier: Auf diesen Kreuzfahrten müssen Sie mit Einschränkungen rechnen.

"Hier begann für uns die Odyssee", sagt der alte Mann, tiefe Trauer in der Stimme. Nach Carvers Darstellung verweigert die Reederei seiner Familie die Kooperation und behauptet, Videoaufnahmen seien längst überspielt worden. "Sie haben alles Mögliche getan, die Ermittlungen zu behindern", sagt Carver. Er alarmiert das FBI, engagiert Privatdetektive und reicht am Ende Klage ein. "Ich wollte mich von dieser milliardenschweren Maschinerie nicht unterkriegen lassen", sagt er.

Viereinhalb Monate später entscheidet ein Gericht, dass Carver mit dem Steward sprechen darf, der für die Kabine seiner Tochter zuständig war. Dieser sagt aus, dass er Merrian bereits nach zwei Tagen vermisst gemeldet habe. Sein Vorgesetzter habe ihn jedoch angewiesen, die Sache einfach "zu vergessen". Später habe dieser ihre persönlichen Gegenstände einfach entsorgt. "Jetzt wussten wir, dass wir es mit einer Vertuschungsaktion zu tun hatten", sagt Kendall, seine Stimme bebend vor Wut.

Lesen Sie hier: Wann Sie auf Kreuzfahrt das Fitnessstudio auf keinen Fall nutzen sollten.

"So schockierend das klingen mag - es ist fast schon ein typisches Verhalten", urteilt Ross Klein. Negative Presse sei schlichtweg schlecht für das Geschäft. "Kreuzfahrtschiffe sind ein Wohlfühlprodukt. Deshalb würden Reedereien fast alles tun, um negative Berichterstattung zu verhindern", meint er.

Video: 5 schräge Geheimnisse über Kreuzfahrten

Vermisste auf Kreuzfahrt: Reedereien halten sich bedeckt

Auf Anfragen der dpa zu dem Branchenthema reagieren nur wenige Reedereien. Eine davon ist der deutsche Kreuzfahrt-Riese Aida. "Die Sicherheit unserer Passagiere ist für uns die oberste Priorität", sagt Martina Reuter, Pressesprecherin von Aida Cruises, dem deutschen Zweig der britisch-amerikanischen Carnival-Gruppe. Das Problem an Notfallsystemen bei Mann über Bord sei, dass es dafür noch keine internationalen Standards gebe. "Trotzdem arbeitet Carnival an einer technischen Lösung", sagt sie.

Lesen Sie hier: Drogen, Leichen, Exzesse: Kreuzfahrt-Mitarbeiter enthüllen Skandale auf Schiff.

Aida-Konkurrent Tui Cruises ("Mein Schiff") will sich nicht äußern und verweist auf den Verband der Kreuzfahrtindustrie Clia (Cruise Lines International Association). Dort heißt es, heutige Kreuzfahrtschiffe seien die sichersten, die jemals unterwegs gewesen seien. Sicherheitsvorkehrungen wie etwa einheitliche Mindesthöhen für die Reling seien da, um zu verhindern, dass Passagiere, die sich verantwortungsvoll verhalten, von Bord fallen können. "Es sind keine Fälle bekannt, bei denen jemand, der sich verantwortungsvoll benommen hat, versehentlich über die Reling eines Kreuzfahrtschiffes gefallen ist."

Die Kreuzfahrtgesellschaft MSC Cruises hatte Ende 2017 die Einführung eines videobasierten Notfallsystems an Bord seines neuesten Flaggschiffes verkündet und sieht sich hier als Branchenvorreiter. Das hochmoderne System soll Mann-über-Bord-Notfälle schneller und zuverlässiger erkennen.

Lesen Sie hier: Günstige "Stornokabinen" auf Kreuzfahrt: Kann ich damit wirklich Geld sparen?

Der Fall der verschwundenen Merrian bringt am Ende doch noch etwas Positives mit sich. Rund 14 Monate nach ihrem Verschwinden gründet Kendall Carver die "International Cruise Victims"-Organisation, eine Vereinigung, die nach eigener Darstellung "Opfer der Kreuzfahrt-Industrie" vertritt. "Wir wollten eine Plattform schaffen, auf der sich Angehörige gegenseitig unterstützen und auch politisch etwas ins Rollen bringen können." Dank seines Einsatzes verabschiedet der US-Kongress 2010 den "Cruise Vessel Security and Safety Act".

Dieser sieht unter anderem 250.000 US-Dollar Strafe für Reedereien vor, wenn das Verschwinden eines Passagiers nicht innerhalb von vier Stunden gemeldet wird. Zudem schreibt er vor, dass Schiffe, die US-Häfen ansteuern, ein automatisches Man-Overboard-System installiert haben müssen. Grund zum Feiern ist das für die Hinterbliebenen jedoch nicht.

"Viele Reedereien haben das System auch bis heute nicht installiert. So kann es Stunden dauern, bis das Verschwinden eines Passagiers bemerkt wird", sagt Jim Walker, einer der prominentesten Anwälte für Seerecht aus Miami, per Videochat. Er behauptet: "Den Reedereien geht es nur ums Geld. Es ist günstiger, einen Vermisstenfall zum Selbstmord zu deklarieren, als in teure Sicherheitssysteme zu investieren."

Auch interessant: Kreuzfahrten im Check: Warum sie sich lohnen - und wann sie zum Albtraum werden oder Britischer Sänger stürzt von Kreuzfahrtschiff - Mysteriöse Postings aufgetaucht

dpa

Diese neuen Kreuzfahrtschiffe starten 2018

Fünfter Neubau: Nach der "Star", "Sea", "Sky" und "Sun" folgt die "Spirit" von Viking.
Fünfter Neubau: Nach der "Star", "Sea", "Sky" und "Sun" folgt die "Spirit" von Viking. © Viking Cruises
Erstes LNG-Schiff: Die "Aida Nova" fährt ab Ende 2018 auf den Kanaren.
Erstes LNG-Schiff: Die "Aida Nova" fährt ab Ende 2018 auf den Kanaren. © Aida Cruises
Erstmals gibt es auf der "Aida Nova" Kabinen für Einzelreisende.
Erstmals gibt es auf der "Aida Nova" Kabinen für Einzelreisende. © Aida Cruises
Erstes Expeditionsschiff mit Hybrid-Technologie: Die "Roald Amundsen" von Hurtigruten kann in einigen Phasen emissionsfrei fahren.
Erstes Expeditionsschiff mit Hybrid-Technologie: Die "Roald Amundsen" von Hurtigruten kann in einigen Phasen emissionsfrei fahren. © Hurtigruten
Expeditionsschiff mit Annehmlichkeiten: Selbst einen Infinity-Pool gibt es auf der "Roald Amundsen".
Expeditionsschiff mit Annehmlichkeiten: Selbst einen Infinity-Pool gibt es auf der "Roald Amundsen". © Hurtigruten
Charakteristikum der "MSC Seaview" ist das ungewöhnliche Heck. Zudem gibt es sehr viel Außenfläche.
Charakteristikum der "MSC Seaview" ist das ungewöhnliche Heck. Zudem gibt es sehr viel Außenfläche. © MSC
Den Fischen ganz nah: Highlight der "Le Lapérouse" und "Le Champlain" ist eine Unterwasserlounge.
Den Fischen ganz nah: Highlight der "Le Lapérouse" und "Le Champlain" ist eine Unterwasserlounge. © Ponant
Auf verschiedene Routen rund um Europa begibt sich die "Seabourn Encore" ab Anfang Mai.
Auf verschiedene Routen rund um Europa begibt sich die "Seabourn Encore" ab Anfang Mai. n © Seabourn Cruise Line
20 Meter länger als die bisherigen Neubauten wird die neue "Mein Schiff 1". Sie ersetzt in der Flotte das gleichnamige alte Schiff.
20 Meter länger als die bisherigen Neubauten wird die neue "Mein Schiff 1". Sie ersetzt in der Flotte das gleichnamige alte Schiff. © Tui Cruises
Im Juni 2018 bringen Lindblad Expeditions und National Geographic die "National Geographic Explorer" an den Start.
Im Juni 2018 bringen Lindblad Expeditions und National Geographic die "National Geographic Explorer" an den Start. © Lindblad Expeditions
Fliegender Teppich: An der Seite der "Celebrity Edge" gibt es einen freischwebenden Bereich, der über mehrere Decks bewegt werden kann.
Fliegender Teppich: An der Seite der "Celebrity Edge" gibt es einen freischwebenden Bereich, der über mehrere Decks bewegt werden kann. © Celebrity Cruises
Vor allem der Sportbereich wird sich auf der neuen "Mein Schiff 1" komplett neu gestaltet zeigen.
Vor allem der Sportbereich wird sich auf der neuen "Mein Schiff 1" komplett neu gestaltet zeigen. © Tui Cruises
Größter Rahsegler der Welt: Eigentlich sollte die "Flying Clipper" bereits 2017 getauft werden, jetzt wird es wohl 2018 so weit sein.
Größter Rahsegler der Welt: Eigentlich sollte die "Flying Clipper" bereits 2017 getauft werden, jetzt wird es wohl 2018 so weit sein. © Star Clippers
Vor allem in Alaska wird die neue "Norwegian Bliss" ab 2018 fahren.
Vor allem in Alaska wird die neue "Norwegian Bliss" ab 2018 fahren. © Norwegian Cruise Line
Auf der "Norwegian Bliss" wird es als Besonderheit auch eine zweistöckige Kartbahn geben.
Auf der "Norwegian Bliss" wird es als Besonderheit auch eine zweistöckige Kartbahn geben. © Norwegian Cruise Line
Auf den Spuren berühmter französischer Entdecker: "Le Lapérouse" und "Le Champlain" von Ponant gehen 2018 an den Start.
Auf den Spuren berühmter französischer Entdecker: "Le Lapérouse" und "Le Champlain" von Ponant gehen 2018 an den Start. © Ponant
Größtes Kreuzfahrtschiff der Welt: Die "Symphony of the Seas" wird derzeit in der STX Werft in Frankreich gebaut.
Größtes Kreuzfahrtschiff der Welt: Die "Symphony of the Seas" wird derzeit in der STX Werft in Frankreich gebaut. © Royal Caribbean International
Blick auf den Boardwalk der "Symphony of the Seas": Weit über 6300 Passagiere werden auf das noch im Bau befindliche Schiff passen.
Blick auf den Boardwalk der "Symphony of the Seas": Weit über 6300 Passagiere werden auf das noch im Bau befindliche Schiff passen. © Royal Caribbean International
Die "Scenic Eclipse" hat unter anderem einen Hubschrauber an Bord.
Die "Scenic Eclipse" hat unter anderem einen Hubschrauber an Bord. © Scenic Luxury Cruises & Tours
Entspannen am Pooldeck: Die "Viking Spirit" bietet Platz für 930 Passagiere.
Entspannen am Pooldeck: Die "Viking Spirit" bietet Platz für 930 Passagiere. © Viking Cruises
100 Passagiere finden in den Kabinen der neuen "National Geographic Venture" Platz.
100 Passagiere finden in den Kabinen der neuen "National Geographic Venture" Platz. © Lindblad Expeditions
Am 2. April bricht die "Carnival Horizon" zur Jungfernfahrt im Mittelmeer auf.
Am 2. April bricht die "Carnival Horizon" zur Jungfernfahrt im Mittelmeer auf. © Carnival Cruise Line
Ein großer Wasserpark und ein Beachpool sind die Highlights der "Carnival Horizon".
Ein großer Wasserpark und ein Beachpool sind die Highlights der "Carnival Horizon". © Carnival Cruise Line
Lange Tradition: Die "Nieuw Statendam" ist bereits das sechste Schiff von Holland America mit diesem Namen.
Lange Tradition: Die "Nieuw Statendam" ist bereits das sechste Schiff von Holland America mit diesem Namen. © Holland America Line
Die "Nieuw Statendam" bietet Platz für 2666 Passagiere und kommt in der Karibik zum Einsatz.
Die "Nieuw Statendam" bietet Platz für 2666 Passagiere und kommt in der Karibik zum Einsatz. © Holland America Line

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Mit diesen Tricks schaffen Sie es, dass der Flugzeugsitz neben Ihnen frei bleibt
Mit diesen Tricks schaffen Sie es, dass der Flugzeugsitz neben Ihnen frei bleibt
Mittelplatz im Flugzeug: So nutzen Sie einen wenig bekannten Vorteil
Mittelplatz im Flugzeug: So nutzen Sie einen wenig bekannten Vorteil
Wie sauber sind Flugzeug-Kabinen? Neues Ranking veröffentlicht - Schock-Ergebnis für deutsche Airlines 
Wie sauber sind Flugzeug-Kabinen? Neues Ranking veröffentlicht - Schock-Ergebnis für deutsche Airlines 
Aus gutem Grund: Warum Sie diese Kabine auf einer Kreuzfahrt nicht buchen sollten
Aus gutem Grund: Warum Sie diese Kabine auf einer Kreuzfahrt nicht buchen sollten

Kommentare