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Peking – zwischen gestern und morgen

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Chinas Zukunft sind die Kinder: Mädchen mit traditioneller Kopfbedeckung.
Chinas Zukunft sind die Kinder: Mädchen mit traditioneller Kopfbedeckung. © iwp-press

Peking - Es gibt wohl kaum eine Großstadt auf dieser Welt, in der Vergangenheit und Zukunft so eng miteinander verflochten sind wie in Peking.

In der Stadt, die vom 8. bis 24. August Schauplatz der Olympischen Sommerspiele ist, wechseln sich Tradition und Moderne auf Schritt und Tritt ab: Wenige Schritte neben dem Handy-Telefonierer vor dem Internet-Café, der einen Latte Macchiato schlürft, steht ein alter Mann, der mit einem überdimensionalen Wasser-Pinsel Gedichte aufs Pflaster malt, die in wenigen Minuten wieder vertrocknet sind. Reiseredakteur Volker Pfau hat eine Metropole erlebt, die in einem rasanten Tempo zwischen gestern und morgen lebt.

Nur noch die Touristen steigen freiwillig aufs Radl. Der Pekinger will mit dem Auto fahren: Rund 3,3 Millionen Pkw soll es in der chinesischen Hauptstadt geben, täglich werden 2000 weitere neu zugelassen, die sechs- und achtspurigen Ringautobahnen sind nicht nur zur Hauptverkehrszeit chronisch verstopft, der Himmel ist ständig grau. Aber wir Touristen radeln.

Wenige Schritte hinterm Kaiserpalast stehen die Fahrräder bereit. Ein bisserl klein für uns hochgewachsene Deutsche, ohne Rücktritt und Gangschaltung, aber wenigstens die Klingel funktioniert. Es geht durch die Nebenstraßen des Di’Anmen-Viertels, wo wir auf engen Wegen an kleinen Läden und Wohnhäusern vorbeiradeln. Wir sind mitten in der Millionen-Metropole – und hier stehen Gebäude wie aus dem vorletzten Jahrhundert. Einstöckig, einfach gemauert, verwoben mit wild herumhängenden Stromkabeln.

Wie’s drin aussieht, erleben wir mittags. „Essen bei einer chinesischen Familie“ steht auf dem Programm. Wir sitzen im größten Raum des Hauses, doch Familie Liang macht sich eher rar. Ganz kurz nur huschen immer wieder der Sohn oder die Tochter ins Zimmer, wo die Langnasen mit ihren Stäbchen kämpfen, und stellen eine Schale Essen auf den Tisch. Bohnen mit Rindfleisch, Reis, gebratene Pilze. Alles lecker und nichts, was etwaige Vorurteile hinsichtlich der Herkunft des Fleisches bestätigen könnte.

Gesprächig wird Herr Liang, als wir seine Haustiere bewundern. In einem Tongefäß sitzen zwei kleine Grillen, eine große darf in einem Mini-Käfig hausen. „Die ist für die Musik“, sagt der Besitzer. Die kleinen werden aufeinander losgelassen, um zu kämpfen. „Ein Hobby für viele Chinesen“, sagt Herr Liang Dabei wird gewettet, es geht um viel Geld. „Eine gute Kampfgrille kann 1000 Euro kosten“, sagt unser Reiseleiter Wang. Dabei lebt sie nur 100 Tage – bei mangelndem Kampfglück noch kürzer.

Vom Glockenturm, den wir nach dem Essen erklimmen, blicken wir zu unserem Erstaunen nicht auf Hochhäuser, sondern auf traditionelle Viertel. Wir sind mitten im Zentrum Pekings – und sehen ringsum nur Ziegeldächer einstöckiger Häuser. Keine Büros, keine modernen Apartments, aber ein Café vorm Eingang des Turms, das den Becher „Caffee Latte“ für umgerechnet knapp zwei Euro verkauft.

Die Menschen in Peking fiebern Olympia entgegen. Von der Regierung wird die Bevölkerung auf das Großereignis eingestimmt. An Wänden kleben Poster, die das allübliche Spucken auf den Boden als unmodern erklären. In Männertoiletten kleben über den Pissoirs in Augenhöhe Sprüche, die dazu auffordern, einen Schritt nach vorne zu tun – das Land werde dadurch sauberer. Im Stadion selbst können nur wenige dabei sein, die Eintrittspreise sind für Durchschnittsverdiener zu hoch. Statt dessen kaufen jetzt viele größere Fernseher.

Bei den Olympiavorbereitungen machen alle mit. Taxifahrer lernen beispielsweise den Spruch „Welcome to my car, willkommen in meinem Auto“. Und der 70-jährige Vater unseres Reiseleiters übt eifrig den Satz „I don’t know, ich weiß nichts“, damit er auf etwaige Fragen von ausländischen Besuchern vorbereitet ist. Er lebt zwar weit draußen auf dem Land und dürfte kaum Olympia-Touristen begegenen, aber man weiß ja nie.

Es ging alles sehr schnell in den letzten Jahren. Im Zeitraffer hat sich China in die Zukunft katapultiert und hat auf diesem kurzen Weg manche Stationen einfach übersprungen. Die Einwohner Pekings haben das Morgen deutlich vor Augen – beispielsweise mit modernsten Bauwerken wie dem CCTV Tower als neue Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens, mit dem rechtzeitig zu den Spielen eröffneten Terminal 3 des Flughafens oder mit Olympia- und Schwimmstadion, die dank eines unerschöpflichen Reservoirs an Wanderarbeitern in Rekordzeit hochgezogen wurden.

Die Zukunft besteht aber auch in einem heillosen Verkehrschaos auf den Straßen. Die neue U-Bahn mit ihrem noch eher bescheidenen Streckennetz kann bei einem Fahrverbot für Autos den Ansturm der Massen kaum bewältigen, wie die jüngsten Verbote gezeigt haben, als jeweils nur gerade oder ungerade Autonummern fahren durften. Der Pekinger greife dann zu bewährten Mitteln, erklärt unser Reiseleiter mit verschmitztem Grinsen: So mancher Autofahrer habe ein zweites Kennzeichen zum Wechseln zu Hause. Mit dem Fahrrad fahren schließlich nur die Touristen.

Quelle: tz

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