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Dunkle Zeit und erster Titel

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Willimowski erzielte das 1:0 für den TSV 1860 im Pokal-Finale 1942 gegen Schalke. Das Endspiel endete 2:0.

München - Kennen Sie Sepp Wendl, Max Schäfer, Pipin Lachner und Alois Pledl? Sie alle trugen einst das Löwen-Trikot. Erfahren Sie hier, dass es sich bei diesen Spielern um "wahre Deutsche Meister" handelt ...

Wir schreiben das Jahr 1927. Der deutsche Reichspräsident heißt Paul von Hindenburg, Charles Lindbergh gelingt als erstem Menschen ein Nonstop-Flug von den USA nach Europa, und die Fußballer der Löwen machen erstmals landesweit so richtig auf sich aufmerksam.

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Der erste Sechziger wurde in die A-Nationalmannschaft berufen. Am 27. Oktober durfte Eugen Kling beim 1:3 gegen Dänemark in Kopenhagen als linker Verteidiger ran. Und: Im Kampf um die deutsche Meisterschaft schafften es die Löwen bis ins Halbfinale, wo sie dann allerdings gegen den späteren Champion 1. FC Nürnberg den Kürzeren zogen. Vier Jahre später stand der TSV 1860 im Endspiel. Der Gegner in Köln hieß Hertha BSC. Die Löwen traten mit so prominenten Namen wie Sepp Wendl, Max Schäfer, Pipin Lachner und Alois Pledl an und waren die eindeutig bessere Mannschaft. Trotzdem gingen sie als Verlierer vom Platz, weil Schiedsrichter Fissen­ewerth aus Mönchengladbach eine skandalöse Leistung abgeliefert hatte. Er verweigerte den Sechzigern zwei glasklare Elfmeter und verhalf den Berlinern außerdem in der Schlussphase durch die Anerkennung zweier eindeutiger Abseitstore zum 3:2-Sieg. Der Hertha war das Ganze selbst richtig peinlich. Ein paar Tage nach dem Endspiel telegrafierten die Berliner eine Entschuldigung nach München. „Wir gratulieren dem wahren deutschen Meister“, stand drin.

Fußball in München - so sah es früher aus

Vielen Spielern der Löwen ging es damals im Privatleben ebenfalls nicht gut. Die Weltwirtschaftskrise nahm auf Fußballer keine Rücksicht. So traf sich die Hälfte der Mannschaft einen Tag vor der Abreise zum Finale noch auf dem Arbeitsamt zum Stempeln. Ihnen erging es nicht anders als 4,5 Millionen weiteren Deutschen damals. Der ideale Nährboden, damit Hitler und seine Nazis an die Macht gelangen konnten. Wobei nicht zuletzt auch Sportvereine sehr hilfreich waren. Und der TSV 1860 im Besonderen. Der Münchner Anton Löffelmeier veröffentlichte vor einem Jahr das Buch "Die Löwen unterm Hakenkreuz" und beleuchtete darin die Verstrickung des TSV 1860 in der NS-Zeit. Löffelmeier sagte 2009 in einem Interview mit der tz: „Bei 1860 ist es ganz auffällig, dass viele Akteure der 30er-Jahre im Kaiserreich sozialisiert worden sind. Sie waren im Krieg, erlebten die Revolution – als Negativ-Erlebnis natürlich – und wirkten beim Hitler-Putsch mit. Es gab eine relativ starke Zelle von SA- und ­NSDAP-Mitgliedern, die im Verein tätig sein konnten. Dort wurde der SA auch die Möglichkeit gegeben, Sport zu treiben.“

Auch von Sepp Wendl, dem damaligen Spielführer, der mehr als tausend Spiele für die Löwen bestritt, existiert ein Foto in der SA-Uniform. Löffelmeier: „Die Sechziger waren ja kein reiner Fußballverein, sondern ein bürgerlicher Turnverein. Und die Turnvereine waren durch die Mitgliedschaft in der deutschen Turnerschaft national-patriotisch gestimmt, teilweise auch völkisch – wobei das bei den Sechzigern schon eine sehr auffällige Melange war.“

Dazu gehörte auch Emil Ketterer, der im Jahr 1908 in den TSV 1860 eingetreten war und der 1936 Vorsitzender (bis 1945) wurde. 1925 hatte er sich der ­NSDAP und der SA angeschlossen. Ketterer war Arzt und befürwortete das Euthanasie-Programm der Nazis. Seine Tochter Waltrude heiratete übrigens den 1977 von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der 1933 in die SS eingetreten war…

Während des dritten Reichs feierten die Löwen auch ihren ersten nationalen Titelgewinn. Am 15. November 1942 schlugen sie im deutschen Pokalfinale Schalke 04 mit 2:0. Bertl Schmidhuber und Ernst Willimowski erzielten die beiden Tore im Berliner Olympiastadion. Und dieser Willimowski hat eine ganz besondere Vita. Er ist der einzige deutsche Nationalspieler, der sowohl gegen als auch für Deutschland ins Tor getroffen hat. Denn der gebürtige Oberschlesier spielte anfangs für Polen, und nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs übernahm ihn der damalige Reichstrainer Sepp Herberger ins deutsche Team. Vier Länderspiele bestritt Willimowski für den TSV 1860, in denen er siebenmal traf. Damit ist er heute noch der erfolgreichste Nationalspieler der Löwen.

Claudius Mayer

Werner Schulze-Erdel: Darum bin ich Löwen-Fan

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Werner Schulze-Erdel.

Ich bin vor rund 30 Jahren Löwen-Fan geworden. Damals war ich an den Kammerspielen als ­Schauspieler engagiert, und die Spieler Heinz Flohe und Rolf ­Grünter, die ich aus früheren Zeiten kannte, fragten mich, ob ich bei 1860 nicht Stadion­sprecher werden wolle. Ich sagte zu und war ein Blauer. Aber es war eine harte Zeit: Abstieg aus der Ersten Liga, Abstieg aus der Zweiten Liga, Zuschauerausschreitungen in der Bayernliga – die ganze Palette. Irgendwann wurde ich auch Lebensmitglied, später Delegierter, und heute hänge ich immer noch an den Blauen, obwohl es schon bitter ist, was dort seit Jahren abläuft. Manchmal gehe ich noch ins Stadion, aber dann nur auf den Stehplatz.

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