Nach der Delegiertenversammlung

Schlammschlacht um 1860: Kommt der Tiefpunkt noch?

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Gerhard Mayrhofer wurde als 1860-Präsident bestätigt.

München - Bei der Delegiertenversammlung des TSV 1860 rückt die Löwen-Familie zusammen, doch auch Helmut Kirmaier lässt nicht locker und klagt weiter.

Die umliegenden Geschäfte und Marktbuden hatten noch nicht lange geschlossen, da fiel auch im Kulturzentrum von Taufkirchen der Vorhang, unerwartet früh an diesem Dienstagabend im Advent.

Die Delegierten des TSV 1860, die nun endgültig Geschichte sind, hatten ihren Auftrag flott erledigt und mit ihren Stimmkarten Nikolaus und Knecht Ruprecht gespielt. Helmut Kirmaier, das exkommunizierte Vereinsmitglied, erhielt die kollektive Rute – Gerhard Mayrhofer, der alte und neue Präsident, einen indirekten, leicht verschmerzbaren Tadel. Nur 65,3 Prozent Zustimmung statt jener 96 Prozent, die es noch im Juli 2013 gewesen waren (damals wählten die Mitglieder, wie ab sofort auch wieder). „Das ist ein sehr stark ausreichendes Votum“, kommentierte Mayrhofer, dem die Klagen der Partei Kirmaier „körperlich und mental“ zugesetzt hatten.

Nur 47 Minuten hatte die wohl kürzeste Sitzung der Vereinsgeschichte gedauert – gut für Mayrhofers Nerven. Manch anderer Teilnehmer schien sich dagegen nicht ganz ausgelastet zu fühlen. Roman Wöll und Franz Hell, die beiden Dinos unter den Delegierten (seit den 70ern dabei), schauten nach Verlassen des Saals bei den Reportern vorbei, die an einer nicht besetzten Bar in ihre Laptops hackten. Hell, 60, verfasst ja selbst Kolumnen, mit seinem Erfahrungs- und Anekdotenschatz ist er ein beliebter Gesprächspartner, und auch am Dienstag lieferte er beim Aufbruch in die Nacht eine historische Einordnung. „Im Innern ist unser Verein sehr anfällig“, spielte auf den Hang seines Klubs zur Selbstzerfleischung an. Aber, fügte er hinzu: „Wenn Unheil von außen kommt, dann hält die Löwen-Familie doch zusammen, das war schon immer so.“

Delegiertenversammlung des TSV 1860 - Bilder

Delegiertenversammlung des TSV 1860 - Bilder

Ein schönes Schlusswort wäre das gewesen. Eigentlich. Denn dass diese Schlammschlacht zwischen Kirmaier und Mayrhofer wirklich ausgestanden ist, das glaubten schon am Dienstagabend nur die allergrößten Zweckoptimisten. „Ich hoffe, dass wir ab jetzt wieder ein Stück weit Normalität haben“, sagte der von seinem Wahlerfolg beseelte Löwen-Präsident. „Es wäre schön, wenn wir uns jetzt auf unsere Arbeit für diesen Verein konzentrieren könnten – und uns nicht mehr mit Rechtsanwälten und irgendwelchen Akten auseinander setzen müssen.“

Wohl ein unerfüllbarer Wunsch, denn wie im Vorfeld angedroht, war es schon am Mittwoch wieder vorbei mit der Ruhe an der Kirmaier-Front. Heinz Veauthier, der Anwalt des nimmermüden Widerstandskämpfers, sandte bereits im Morgengrauen nach der Versammlung ein Telefax ans Registergericht. Eintragung des Präsidiums Mayrhofer verhindern, fordert er – und kommentierte das erneute Anfechten des Wahlergebnisses mit gewohnt drastischen Worten.

Die Bestätigung Mayrhofers sei der Versuch, „alte Fehler mit neuen zu korrigieren“, schrieb der Anwalt im Beipackzettel seines erneuten Protestschreibens. Aber: „Mit Rotwein kann man Rotweinflecken nicht beseitigen, sondern höchstens vermehren.“ Als „fatale Episode“ bezeichnet Veauthier die von Kirmaier und ihm nie akzeptierte Mayrhofer-Regentschaft. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass das Handeln dieses „Möchtegern-Präsidiums“ zum „Todesstoß für den Verein“ führen könnte.

Das Festhalten Mayrhofers an seinem Amt dient aus Sicht Veauthiers dazu, „Dinge zu vertuschen, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Ich wundere mich auch, dass da der Ligaverband noch nicht Augen und Ohren aufgesperrt hat.“ Nach Auffassung des Kirmaier-Anwalts lassen sich Mayrhofer & Co. „nur von ihren Gefühlen und nicht von knallharter Satzung leiten“. Aber, schließt er seine Ausführungen mit dem düsteren Ausblick: „Das kann und wird nicht gutgehen.“

Für den (Ex-)Delegierten Franz Hell steht derweil fest, dass es Kirmaier nur noch um die Klagerei als solche und weniger um das Wohl des Vereins geht. „Was will er jetzt noch bezwecken?“, fragt er in seiner tz-Kolumne und fordert den Quertreiber zum Einlenken auf: „Nach meinem Demokratieverständnis sollte Herr Kirmaier die Beschlüsse akzeptieren, wenn er weiteren Schaden vom TSV 1860 abwenden will.“ Hell erinnert mahnend an den Abstieg 2004, der nicht zuletzt dem Machtvakuum nach dem Sturz des Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser geschuldet gewesen sei. In wieweit dieser Appell dazu dient, Tauwetter im Eiszeitklima einzuleiten, bleibt abzuwarten. In vielen Jahrzehnten als Fan und Delegierter sollte Hell eines gelernt haben: Ruhe kehrt bei 1860 nie ein. Die wahrscheinlichere Prognose ist daher, dass der Tiefpunkt in der unsäglichen Schlammschlacht noch gar nicht erreicht ist.

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