"Das Politische muss raus aus dem Stadion"

Meinungsmache in der Kurve? So gespalten sind die 1860-Fans

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Nicht alle Löwen-Fans nahmen an dem Protest gegen Hasan Ismaik teil. Klaus Seidl (r.) weigerte sich die Flugblätter in die Höhe zu strecken.

München - Nicht alle Fans des TSV 1860 stehen hinter der Protest-Aktion gegen Investor Hasan Ismaik. Die Problematik innerhalb der Anhängerschaft erklärt Fan Klaus Seidl.

Der Fan-Aufstand gegen Investor Hasan Ismaik beim Heimspiel des TSV 1860 München am Sonntag gegen den VfL Bochum (1:1) sorgte medial für hohe Wellen. "Hasan verpiss dich!!!", war auf einem Spruchband zu lesen, dazu Flugblätter mit dem durchgestrichenen Konterfei des Jordaniers. Sprechchöre wie "Wir sind der Verein" schallten aus der Nordkurve. Man konnte den Eindruck bekommen: Die Sechzig-Fans stellen sich geschlossen gegen Ismaik. Doch ist dem wirklich so?

Die Aufnahmen vom Sonntag zeigen klar: Fast ausschließlich die beiden Mittelblöcke 130 und 131 der Nordkurve, das durch die Ultra-Gruppierungen dominierte Stimmungszentrum der Arena, präsentierten die Zettel und Spruchbänder. Diese wurden in und vor den Blöcken an möglichst viele Fans verteilt. Von einer geschlossenen Meinung zu sprechen, wäre also falsch. Das erklärt auch Klaus Seidl vom Löwen-Fanclub Engelsberg. Er war gegen Bochum im Block 129 und weigerte sich, die ihm in die Hand gedrückten Flugblätter anzunehmen. "Jeder, der den Zettel hochhebt, ist für den Abstieg", sagte er im Gespräch mit unserer Onlineredaktion.

Dieses Argument gab er auch einem jungen Fan zu verstehen, der ihm den Zettel überreichen wollte - und stieß dabei auf Unverständnis. "Was bist du denn für einer?", gab es als Antwort. Nach einigen weiteren Versuchen, ihm den Zettel zu geben, zerriss Seidl die Blätter, einige wurden auch angezündet. Das zeigt: Die 1860-Fans sind in sich gespalten - und das in einer sportlich prekären Lage, die Einheit erfordert. Seidl beklagt: "Erst nach dem gehaltenen Elfmeter von Stefan Ortega ging es in der gesamten Fankurve um das Sportliche, um das Spiel. Erst da war ein gemeinsames Unterstützen der Mannschaft zu spüren."

Ähnliches beobachtete auch der Vorstand der Region Neun der ARGE der Löwen-Fanclubs, Michael Beck. Viele Fans zerrissen den Flyer und auf Nachfrage, kamen nur "wirre Aussagen ohne jegliches Hintergrundwissen", sagte er.

So aber ging es größtenteils um Meinungsmache. "Die Fanlager-Situation ist sehr schwierig", erklärt Seidl. "Die Einstellungen und Fronten sind verhärtet, alle sind stur." Die Ultra-Szene stelle ihre Ansicht der Dinge (contra Ismaik) medienwirksam zur Schau und hält diese für die Richtige - doch ist das repräsentativ für alle Sechzger? Wohl eher nicht. Beck stieß beispielsweise eine Diskussion bei Facebook an und dort war der Großteil der Fans enttäuscht von der Aktion einiger Anhänger.

Bilder: Fans schießen gegen Ismaik - Zweimal Note fünf

Bilder: Fans schießen gegen Ismaik - Zweimal Note fünf

Auch beim Lokalrivalen gab es vor einigen Jahren ein gespaltenes Fanlager bei einer Personalie: Erinnern wir uns zurück ans Frühjahr 2011. Damals protestierten die Ultras in der Südkurve des FC Bayern gegen die Verpflichtung von Torhüter Manuel Neuer. Doch auch das war nur die Meinung der Hardcore-Fans, viele andere befürworteten die Verpflichtung des Nationalkeepers.

Auch Seidl findet nicht durchweg gut, was Ismaik macht. Dennoch sieht er nicht alles negativ. "Den Weg, an die Fan-Front zu gehen, war überfällig", sagt er über Ismaiks Auftritt in Rudelzhausen am Freitag. "Positiv bewerte ich, dass darauf die Fanlager zugeht und mit ihnen spricht. Aber man sollte dort nicht nur seine eigenen Weg gehen, sondern diese mit dem Verein zusammen vollziehen." Was Seidl zudem positiv stimmt: "Ismaik hat gesagt, dass er München erst verlässt, wenn Sechzig in der ersten Liga ist. Auch das Forcieren einer besseren Stadion-Lösung ist der richtige Weg."

Davon ist der TSV 1860 meilenweit entfernt, er kämpft um die Existenz im Profi-Fußball. Seidl appelliert dabei an die alle Anhänger: "Das Wichtigste ist der Klassenerhalt! Das Sportliche muss in den Vordergrund, das Politische muss raus aus dem Stadion. Ich will nicht absteigen."

Der Verein hat sich mittlerweile selbst zu Wort gemeldet und fordert von den Fans einen angemesseneren Ton einzuschlagen.

Die Löwen-Familie ist im Kampf um den Klassenerhalt komplett gefragt!Aus der letzten Saison wissen wir, dass es nur...

Posted by TSV 1860 München on Montag, 22. Februar 2016

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Florian Weiß

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