Poschner-Kritik

1860 schießt "leider nur mit Platzpatronen"

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Gerhard Poschner richtet den Blick nach vorne.

München - Nach dem bitteren Nackenschlag gegen Erzgebirge Aue ist 1860 München dem Abstieg näher, als Löwen-Sportdirektor Gerhard Poschner es wahrhaben will

Am Tag danach ist es Gerhard Poschner, der die Presse zu sprechen wünscht. Nicht umgekehrt, wie sonst nach Niederlagen des TSV 1860. Aber dieses 0:1 gegen Aue, dieses ausnahmsweise mal unglückliche Ergebnis gegen einen direkten Konkurrenten, es war ja auch keine normale Heimpleite. Sondern: ein brutaler Rückschlag im Kampf um den Klassenerhalt. „Das war sehr bitter, sehr ärgerlich und sehr unnötig“, gibt Poschner zu, ehe er sich veranlasst sieht, ein paar aufmunternde Sätze unters Volk zu bringen.

Poschner: "Haben es selbst in der Hand - andere nicht"

Das Bild des Jammers, das sich nach dem Schlusspfiff am Sonntag geboten hatte, war schließlich noch frisch in seinem Kopf: Spieler, die minutenlang ins Leere starren. Fans, die wieder mal ohne Heimdreier von dannen ziehen (zum zwölften Mal in dieser Saison!). „Wir haben nicht zum ersten Mal einen Satzball vergeben, aber wir haben es selbst in der Hand – was andere nicht haben“, sagte Poschner, wollte das aber nicht als Durchhalteparole verstanden wissen. Das Wichtigste in der momentanen Situation sei: Cool bleiben, nach vorne schauen, nicht die Nerven verlieren. „Heute gestehe ich noch jedem einen kleinen Trauertag zu“, sagte er. Doch spätestens ab Mittwoch, nach dem freien Tag, müsse dieser Nackenschlag „moralisch abgehakt“ sein.

So viel zum Ausblick, der bei Poschner nicht ganz so schwarz ausfällt wie bei vielen Fans. Beim Rückblick jedoch musste auch er ein wenig schlucken, denn anders als zuletzt schien seine Mannschaft gegen Aue spielerisch auf dem richtigen Weg – ohne jedoch das zu machen, was dem Gegner bis Ostersonntag 512 Minuten nicht gelungen war: ein Tor, das im Nervenkrieg Abstiegskampf frische Kräfte freizusetzen vermag.

"So ein Spiel darfst du nie verlieren"

Romario Kortzorg nutzte die erste von zwei Chancen der Gäste (5.), nachdem Kai Bülow einen jener Fehlpässe gespielt hatte, die der Trainer als „Kasper“ bezeichnet. Die Löwen dagegen rannten 70 Minuten an, erst dynamisch, später verzweifelt. Jedoch: „Wir hatten leider nur Platzpatronen, keine scharfe Munition“, kritisierte Poschner. Bei 24 dokumentierten Torschüssen waren nur vier halbwegs zwingende Chancen dabei. Vollmann (34.) und Adlung (46.) scheiterten mit Kopfbällen. Simon (62.) und Rodri (66.), die gute Ansätze zeigten, hatten jeweils nicht die nötige Ruhe, als sie frei vor Aue-Keeper Männel in Schussposition kamen.

„So ein Spiel darfst du nie verlieren“, klagte Daniel Adlung. Christopher Schindler, der Kapitän, sagte: „Wir haben ein recht ordentliches Spiel gemacht, aber ich weiß, dass das jetzt keiner hören will.“ Einig waren sich die Löwen bei der Beschreibung des kollektiven Gemütszustandes. Schindler wählte die Adjektive „gefrustet, enttäuscht und ein bisschen fassungslos“. Torsten Fröhling fügte hinzu: „Wir sind enttäuscht, aber nicht entmutigt.“

1860 unterliegt Aue - Zweimal Note 3, einmal Note 5

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Auf den Trainer kommt nun die mühsame Aufgabe zu, das demoralisierte Team auf das schwere Spiel in Braunschweig vorzubereiten. „Sollen wir uns jetzt in den Keller runtertreten?“, fragte er trotzig. „Wir müssen, das geht auch nicht anders, auf diesem Spiel aufbauen.“ Positiv ist, wenn man so will, dass nur noch drei Heim- aber vier Auswärtsspiele auf die Löwen zukommen. Dass sich der Heimvorteil längst in einen Vorteil für den Gegner verkehrt hat, belegte ein Satz von Tomislav Stipic, dem Trainer der zuvor fünfmal sieglosen Sachsen: „Wir haben uns die ganze Länderspielpause auf dieses Spiel gefreut.“ Und die Aufbauhilfe Ost dann auch dankend angenommen.

„Im Prinzip haben wir uns selber in den Arsch getreten“, fasste Poschner die Lage zusammen. Bitter sei das, „aber dazu ist man ja Profi – damit man mit so etwas umgehen kann“. Einen weiteren Abstieg will er nicht erleben. 2004, damals als Spieler des TSV 1860, reicht ihm bis heute. Riecht es nicht nach einer Wiederholung? „Ich riech’s nicht“, sagte er. „Ich kann diesen Geruch nachvollziehen, aber man darf ihn nicht in die Kabine reinlassen.“

Uli Kellner

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