Löwen-Coach schon vor dem Aus?

System Moniz: Die große Analyse

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Ricardo Moniz kam als großer Hoffnungsträger zu den Löwen - und stiftete schon nach kürzester Zeit erhebliche Verwirrung.

München - Ricardo Moniz kam als großer Hoffnungsträger zu den Löwen - und stiftete schon nach kürzester Zeit erhebliche Verwirrung. Das System Moniz - eine Analyse.

Die Sache ist jetzt eigentlich klar – auch wenn für den Moment alles offen scheint. Nach Lage der Dinge dürfte sich beim TSV 1860 spätestens heute entscheiden, ob das Vertrauen seitens der Vereinsführung ausreicht, um Trainer Ricardo Moniz im Amt zu belassen. Kommt es zur Blitzscheidung, wird beim nächsten Spiel in St. Pauli (Sonntag, 14. September, 13.30 Uhr) Assistenztrainer Markus von Ahlen auf der Bank sitzen – oder ein neuer Coach, der offenbar bereits gesucht wird. Erhält Moniz das schwere Auswärtsspiel zur Bewährung, liegt die Entscheidung bei der Mannschaft. Mit einem couragierten Auftritt am Millerntor könnte sie dem in die Kritik geratenen Coach den Job retten. Das alternative Szenario kann sich jeder ausmalen: Eine deutliche Niederlage – und Moniz wäre kaum zu halten.

Doch wie konnte es überhaupt so schnell so weit kommen? Selten in der an Tiefpunkten reichen Vereinsgeschichte hat sich ein Trainer so rasant vom Heilsbringer zum Buhmann entwickelt . . .

Verbaler Alleingang

Die grandios gescheiterte „Jagdsaison“ war dem Verein eine Lehre. Nach dem offensiven Motto aus dem Vorjahr wollte der neu formierte Klub den Ball betont flach halten. Attraktiven Fußball zeigen, Zuschauer zurückgewinnen – weiter wollten sich Sportchef Gerhard Poschner und Co. nicht aus dem Fenster lehnen. Und Moniz? Der scherte sich nicht groß drum. Mit seiner offensiven Art preschte der Niederländer voran und trompete bei diversen Anlässen: „Wir wollen Meister werden.“ Wahlweise auch: „Wir müssen Meister werden.“ Oder: „Wir werden Meister!“ In jedem Fall war das wohl der Anfang einer weiteren Serie von Missverständnissen.

Böde oder nix!

Zur neuen Philosophie des TSV 1860 gehört es, dass die Kaderzusammenstellung dem Verein obliegt – und sich jeder Trainer bis runter zur U 11 dazu verpflichtet, ein spektakuläres 4-3-3-System auf den Rasen zu zaubern. Moniz war sehr angetan von der Idee des Vereins, als er Anfang Juni zusagte, doch schon bald kam es zum Bruch. Bedia, Kagelmacher, Claasen, Okotie – Moniz war anfangs zufrieden mit den Spielern, die Poschner aus der Wundertüte zog. Nur beim zweiten Stürmer, da hatte er klare Vorstellungen. Daniel Böde oder nix – in Anlehnung an das berühmte Pep-Guardiola-Zitat forderte der Niederländer den Transfer des ungarischen Sturmhünen. Das Kompetenzteam des Vereins jedoch befand: zu dünn, zu schwach. Der Stürmer von Ferencvaros Budapest wurde jedenfalls nicht verpflichtet, und Moniz zog sich daraufhin wochenlang in den Schmollwinkel zurück. Nationalspieler Böde, 27, hat eine herausragende Quote beim Ex-Klub des Löwen-Trainers (42 Tore in 83 Spielen). Dass man seinem Gespür misstraute, verzeiht der stolze Moniz den Bossen bis heute nicht.

Personalrochaden

Viererkette mit Talent Maxi Wittek hinten links. In der Vorbereitung schien sich eine Stammelf herauszukristallisieren, doch plötzlich, beim Auftakt in Kaiserslautern, war alles anders: Wittek auf der Bank, hinten eine nie geprobte Dreierkette, Innenverteidiger Schindler links, dazu Julian Weigl als junger (und überforderter) Kapitän. Poschner staunte – doch die Personalrochaden des Trainers fingen damit erst an. Stete Wechsel waren die einzige Konstante. Selbst Stratege Ilie Sanchez fand sich zuletzt auf der Bank wieder, Weigl erfuhr in Folge der Taxi-Affäre eine Komplettdemontage. Und auch das vereinbarte System war plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen . . .

Systemauslegung

Sanchez auf der Sechs, Bedia und Weigl als Achter – das spanische-bayerische Dreier-Mittelfeld sollte das Herzstück im neuen Offensivsystem werden. Wer zuletzt jedoch hinschaute, sah ein stark verfremdetes 4-3-3. Mit den offensiv denkenden Bedia und Stark als Doppelsechs fehlte die Sicherheit im Mittelfeld, der als Stürmer geholte Leonardo glänzt zwar als Zehner, doch im Verbund mit drei weiteren Angreifern (Wood, Okotie, Claasen) sah das Konstrukt zuletzt mehr wie ein 4-2-4 aus. In jedem Fall war es ein Gebilde, das Ballbesitz unmöglich macht – und sogar für limitierte Darmstädter leicht zu überlisten war, wie die Fülle an gegnerischen Großchancen zeigte.

Rückhalt im Team

Trainingsfreier Dienstag? Nicht für Ricardo Moniz. Der stets motivierte Niederländer bat gestern die Neuzugänge Valdet Rama und Rodri zu einer Sonderschicht – und letztlich sind es genau „dieser Ehrgeiz, diese Leidenschaft, diese Energie“, die Poschner nach wie vor beeindrucken. Stellt sich die Frage: Wie denken die Spieler über den fußballverrückten Niederländer? Fakt ist, dass Moniz das Team fordert – bisweilen aber auch aneckt mit seiner direkten Art. Ex-Kapitän Weigl ist nicht der einzige, der das zu spüren bekam, auch andere Profis sind nicht unbedingt selbstbewusster geworden durch schmerzhafte Kritik und gewagte Experimente (zuletzt Wittek rechts vorne). Zu gute halten muss man Moniz, dass er Leonardo und Okotie stabil gekriegt hat – und er der erste Trainer ist, der das ewige Talent Marin Tomasov in die Spur zu bekommen scheint. Als Linksverteidiger – da muss man auch erst mal drauf kommen.

Viele Aussagen des Niederländers, die knallhart rüberkommen („Uns fehlt die Qualität“), sind gewiss auch der Sprachbarriere geschuldet. „Wir wollten bewusst keinen 08/15-Trainer“, hat Poschner über Moniz gesagt. Mit dem Ergebnis müssen die Löwen jetzt leben – oder eben nicht.

Uli Kellner

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