Wundertüte TSV 1860

Ohne Halligalli 500.000 Euro eingestrichen

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Plötzlich sind sie Siegertypen: Mugosa (l.) erzielte sein erstes Tor für 1860, Okotie stach als Joker.

Mainz - Diese Löwen! 80 Tage lang waren sie sieglos gewesen, und dann gewinnen sie mal wieder ein Spiel - ausgerechnet im DFB-Pokal bei einem Erstligisten. Dennoch: Was zählt, ist der kommende Sonntag!

Das Ende war nichts für schwache Nerven, doch aus Löwen-Sicht nahm man diese Dramatik gerne in Kauf. Zwei Minuten Nachspielzeit, zwei Minuten zittern, bangen, Adrenalin pur. Erst klärte Kagelmacher auf der Linie, dann Wittek mit dem Kopf. Zwischendurch entschärfte auch Pokal-Keeper Ortega eine Mainzer Ausgleichschance. Bis der erlösende Schlusspfiff kam und der erste 1860-Sieg seit 80 Tagen amtlich war: 2:1 beim Erstligisten. In Überzahl zwar, aber nach 0:1-Rückstand. Ein epochales Ereignis für einen Serienverlierer aus der 2. Liga. Die Reaktion von Kurt Kowarz sprach Bände. Der Aushilfstrainer sprang erst Necat Aygün in die Arme und umarmte dann jeden, der ihm in die Quere kam.

Torwarttrainer Kowarz, der spätestens morgen wieder in den Hintergrund treten wird, hat ab sofort seinen Platz in der 1860-Geschichte sicher. Zweites Spiel unter seiner Leitung, erster Sieg – und was für ein unerwarteter. Er kam noch unerwarteter als der Erstrunden-Coup im Heimspiel gegen Hoffenheim (2:0). Leblose erste Hälfte, frühes Eigentor durch Christopher Schindler. Alles so unerfreulich wie zuletzt. Bis vor der Pause der Mainzer Bengtsson vom Platz flog. Bis Kowarz sich Mitte der zweiten Hälfte endlich was traute, einen zweiten Stürmer brachte und gleich doppelt dafür belohnt wurde. Erst glich Stefan Mugosa im Stile eines Torjägers aus (der Pass kam von Adlung, Bungert säbelte daneben), sieben Minuten später veredelte der eingewechselte Rubin Okotie eine Kombination über Flankengeber Daylon Claasen und Debütant Richard Neudecker.

Chris Schindler analysierte: "Unser Spielbeginn war nicht so gut. Das Gegentor hat sofort alles über den Haufen geworfen. Was aber gut war: Wir haben dann nicht Halligalli gespielt, sondern sind kompakt geblieben. Man hat gemerkt, dass wir es in der zweiten Hälfte erzwingen wollten. Die Aktion von Mugi war der Dosenöffner", freute sich der Kapitän, und ergänzte: "Trotz der schlechten Ergebnisse in dieser Saison haben uns wieder 2.000 nach Mainz begleitet. Heute konnten wir endlich etwas davon zurückgeben. Es war nicht alles perfekt, aber solch dreckige Siege brauchen wir jetzt auch mal wieder in der Liga."

Mugosa lässt die Muskeln spielen! Bilder und Noten aus Mainz

War das der Befreiungsschlag, der den katastrophal gestartenen Zweitligisten zurück in die Spur bringt? Abwarten. Aber: Für Benno Möhlmann, der acht Tage wegen einer Gallen-OP gefehlt hatte, ist die Situation jetzt nicht mehr ganz so trübe. Er übernimmt morgen Spieler mit gestärkter Brust. Rechtzeitig vor dem wegweisenden Kellerduell mit dem Duisburg (Sonntag, 13.30 Uhr) wurde eine Mini-Euphorie entfacht, die für eine gut gefüllte Arena sorgen könnte. Und obendrein darf sich Möhlmann Hoffnungen auf ein paar Winterneuzugänge machen. Gut 500 000 Euro, die nicht im Etat vorgesehen waren, bringt den Löwen der Einzug in die 3. Runde. „Wir sind sehr glücklich, dass wir hier gewonnen haben“, sagte Aushilfs-Coach Kowarz: „Mein Kompliment geht an die Mannschaft, die immer besser ins Spiel gekommen ist. Der Platzverweis hat uns natürlich in die Karten gespielt.“

Pokal-Keeper Stefan Ortega meinte: "Eine Runde weiter, der Verein nimmt Geld mit, wir haben mal wieder gewonnen und Selbstvertrauen getankt. Es war Wahnsinn, wie sich alle reingeworfen haben. Wir haben heute gezeigt, dass wir ein Team sind. Wenn sich jeder in den Dienst der Mannschaft stellt, dann ist alles möglich", sagte der 22-Jährige. "Das müssen wir nun mit in die Liga nehmen."

44 Minuten lang hatte sich alles so zugetragen, wie das aufgrund der Ausgangslage zu erwarten stand. Der Bundesligist hatte das Spiel im Griff, ohne sich anstrengen zu müssen. Und die Löwen zeigten, warum sie in der 2. Liga auf dem vorletzten Platz stehen. Es mangelte an Qualität – und auch an Glück.

Kapitän Schindler hatte schon nach fünf Minuten einen von Latza getretenen Freistoß ins eigene Netz gelenkt (bedrängt vom Ex-Löwen Niederlechner). Dem ohnehin geringen Selbstvertrauen der Kowarz-Elf war das naturgemäß nicht zuträglich. Die auf fünf Positionen veränderten Löwen verschoben im Pulk; nach links, nach rechts, und wieder zurück. Ohne Tempo. Ohne Ideen. Langeweile pur. Einem Apfel beim Braunwerden zuzuschauen wäre aufregender gewesen als diesem Gegenteil eines Pokalfights beizuwohnen – bis zu jener folgenreichen Aktion des Schweden Bengtsson.

Mugosa, der für Okotie anfing, hatte vom Mittelkreis einen überraschenden Steilpass gespielt. Simon, der Vollmann ersetzte, war durchgestartet, wurde aber von Bengtsson zu Fall gebracht. Wohl keiner im Stadion dachte, dass die Gäste in dieser Szene an einer Torchancen gehindert wurden (zwei Mainzer eilten mit zurück). Schiedsrichter Osmers sah es anders. Notbremse entschied er. Rot. Hart, aber vertretbar.

Pfiffe aus dem Publikum. Aber: Neue Spannung. Die Löwen ab da mit einem Mann mehr auf dem Feld, mit neuem Mut – und dem glücklichen Ende, das viele Väter hatte. Wolf-Ersatz Claasen wirbelte, Neudecker überzeugte als Linksverteidiger – und mit Mugosa/Okotie empfahl sich ein Sturmduo für das Schlüsselspiel gegen Duisburg. Dann wäre ein Sieg fast noch wichtiger als gestern.

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