Reportage: Neu entflammte Löwen-Liebe

Vier Jahre nach dem historischen Absturz - schließt sich für 1860 am 30. Mai der Kreis?

Begeisterte Fans stehen an der Grünwalder Straße Spalier für den Bus mit den 1860-Profis.
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Vorgeschmack auf einen möglichen Aufstieg: Begeisterte Fans stehen Spalier für den Bus mit den 1860-Profis.

Mit teuren Söldnern wollten sie hoch hinaus - und sind tief gefallen. Jetzt könnten die Löwen dorthin zurückkehren, wo mit Ismaik alles begann: in die 2. Liga.

  • Es wirkt, als hätte die Löwen in den unteren Ligen zu sich selbst zurückgefunden.
  • 2017 stürzte der TSV 1860 mit Schimpf und Schande aus der 2. Liga ab.
  • Jetzt könnten der Altmeister zurückkehren - als geläuterter, geerdeter und von den Fans neu entdeckter Kultverein.

Auf der A9 werden weißblaue Fähnchen aus geöffneten Autofenstern wehen, ein Fankonvoi wird Richtung Ingolstadt rollen – wie immer, wenn der Hype um den TSV 1860 gerade mal wieder besonders groß ist. Im Februar 2018 sind sage und schreibe 15 000 Auswärtsfans zu einem Regionalligaspiel in Nürnberg mitgereist. Einerseits natürlich ein Rekord. Andererseits: Es ist der ganz normale Löwen-Wahnsinn.

Dieser positive Wahnsinn war zuletzt auch an der Grünwalder Straße in Giesing zu bestaunen. Vor den Heimspielen gegen Kaiserslautern und Bayern II standen die Fans Spalier, um ihren Helden für ein paar Minuten wieder ganz nah zu sein. Nicht selbstverständlich in Corona-Zeiten. Genauso wie es nicht selbstverständlich ist, dass an diesem Samstag Fans nach Ingolstadt pilgern werden, um während des wichtigsten Spiels der Saison auf dem Parkplatz zu stehen. Liveticker an – und die Profis im zuschauerfreien Audi-Sportpark zum Sieg brüllen. Die Erwartung ist, dass die Löwen eine Geschichte abrunden, die vor exakt vier Jahren ihren Ausgangspunkt hatte.

Eine nicht absehbare Erfolgsgeschichte

Ein Sieg in Ingolstadt und eine erfolgreiche Relegation – dann sind die Löwen zurück in jener 2. Bundesliga, die sie am 30. Mai 2017 verlassen haben. Zur Erinnerung: Es war ein Abschied mit Schimpf und Schande – ein brutaler, aber hochverdienter Absturz aus der auf tönernen Füßen stehenden Traumwelt. 13 Jahre Zweitligazugehörigkeit gingen auf blamabelste Weise zu Ende. Eine verunsicherte Söldnertruppe hatte der Leidenschaft des Drittligisten Regensburg nichts entgegenzusetzen. Trainer Vitor Pereira, ein stolzer Portugiese, suchte noch in der Nacht das Weite. Zum Fremdschämen auch die Umstände: Chaoten nehmen nach dem 0:2 im Relegations-Rückspiel (Hinspiel 1:1) die ungeliebte FC-Bayern-Arena auseinander. Ein Desaster auf ganzer Linie, das im Lizenzentzug gipfelte und Hasan Ismaiks Möchtegern-Spitzenclub (Pereira: „We go to the top!“) zu einem Neuanfang in der Regionalliga zwang.

Kultshirt: Das Leiberl mit der selbstironischer Mölders-Karikatur ist ein Verkaufsschlager im Fanshop.

Was für ein Kontrast, wenn man sieht, wie friedlich aktuell dieselben Fans eine Mannschaft feiern, die aus einem wahren Scherbenhaufen entstanden ist. Der ehemalige Fanbeauftragte Axel Dubelowski, Spitzname „Löwen-Bomber“, sagt mit bissiger Ironie in Richtung Investor: „Man müsste Hasan Ismaik ein Denkmal setzen, denn ohne den Doppelabstieg, den er maßgeblich mitverantwortet, hätte es die aktuelle Erfolgsgeschichte nie gegeben.“

Diese Erfolgsgeschichte ist tatsächlich einmalig und war nicht absehbar, als am 2. Juni 2017 die Lichter bei Sechzig fast ausgingen, weil Ismaik die elf Millionen Euro für die Drittligalizenz nicht aufbringen wollte. Der verdiente Ex-Profi Daniel Bierofka war es, der auf den Weg brachte, was an diesem „schwarzen Freitag“ keiner für möglich gehalten hatte. Er schuf aus den Trümmern eine Mannschaft, die das Gegenteil jener leblosen Truppe war, die den Altmeister von 1966 damals bundesweit blamierte: eine charakterstarke Regional-Auswahl, die auf Anhieb den Aufstieg in die 3. Liga schaffte und seit November 2019 von Michael Köllner weiterentwickelt wird. Köllner, der Oberpfälzer, darf ähnlich wie Bierofka als Glücksfall angesehen werden. Er sagt: „Es war eine bewusste Entscheidung von mir, zu einem Fan-Verein zu wechseln. Am Samstag gibt es jetzt ein tolles Finish. Wir sind seit elf Spielen ungeschlagen – und unser Weg ist noch nicht zu Ende.“

Der Investor und sein gescheiterter Startrainer: Mit Vitor Pereira, von Hasan Ismaik geholt, stürzte 1860 ab.

Herzstück des von Köllner veredelten Bierofka-Teams ist Kapitän Sascha Mölders, 36, der einzige Profi, der schon beim Relegations-K.o. gegen Regensburg das Löwen-Trikot getragen hatte. Einst schoss Mölders Tore in der Bundesliga, sogar gegen Manuel Neuer. Jetzt trägt er bei öffentlichen Auftritten ein T-Shirt mit der selbstironischen Aufschrift: „Die Wampe von Giesing“. Tore schießt die Wampe Mölders aber immer noch: 22 in dieser Saison. Nicht schlecht für einen, der vier Jahre älter ist als damals und einige Kilo schwerer.

Ismaik, Pereira und die „Wampe von Giesing“

Mölders, im Herzen Bolzplatzkicker geblieben, hat die Löwen inzwischen als Tattoo auf seinem Rockstar-Körper verewigt. Seine Identifikation mit 1860 ist groß – aber er und die aktuellen Profis werden auch reichlich zurückgeliebt von den Fans. Ganz anders als bei der Klasse von 2017, über die der Löwen-Bomber sagt: „Die damalige Mannschaft ist der beste Beweis dafür, dass sich Erfolg nicht kaufen lässt, auch nicht mit sehr, sehr viel Geld.“

Zum Vergleich: Pereira, damals wie der halbe Kader von Ismaik angeworben, soll ein Jahresgehalt von 2,5 Millionen Euro kassiert haben. Unwesentlich weniger, als der aktuelle, 24 Profis umfassende Drittligakader gemeinsam verdient, Mölders miteingerechnet. Bezeichnend, was der Kapitän sagte, als er vor zwei Jahren mal wieder seine Unterschrift unter einen Einjahresvertrag setzte. „Ich musste mich zwischen Herz und Geld entscheiden“, sagte der begehrte Torjäger: „Und hier bin ich!“

Wäre Pereira damals so ein Satz über die Lippen gekommen? Vermutlich kaum – zumal er bis zu seiner Nacht-und-Nebel-Flucht kein Wort Deutsch sprach. Die Löwen 2016/17 waren eine aus allen Ecken der Fußballwelt zusammengekaufte Ansammlung von Individualisten. Allein für den Brasilianer Ribamar hatte Ismaik drei Millionen Euro ausgegeben, wie immer auf Darlehensbasis. Der Stürmer verließ die Löwen, ohne ein einziges Tor geschossen zu haben. Stefan Aigner, der Urbayer, gab damals frustriert das Kapitänsamt auf.

In der aktuellen Mannschaft würde Aigner vermutlich aufblühen. So wie der Warngauer damals ist vor dieser Saison Richard Neudecker, 24, zu seinem Ausbildungsverein zurückgekehrt. Es fiel dem Altöttinger nach eigener Aussage nicht allzu schwer, sich bei 1860 wieder einzugliedern – Corona zum Trotz. „Als neuer Spieler während einer Pandemie ist es nie leicht“, sagte der Mittelfeld-Antreiber: „Es gibt keine Partys, du kannst nicht zusammen was essen gehen… Du triffst dich in der Kabine – und das war’s. Wie ich trotz dieser Umstände aufgenommen wurde, das ist etwas ganz Besonderes.“

Der Verein steht wieder für die alten 1860-Werte

Dieser besondere Teamgeist hängt auch damit zusammen, dass den Löwen ihr legendärer Hang zu Streit und Intrigen abhanden gekommen ist. Erst kürzlich lobte Köllner das „ruhige Umfeld“, in dem sein hoffnungsvolles Team gedeihen kann. Wo 60-Prozent-Eigner Ismaik und der Mutterverein bis vor Kurzem um jeden Cent feilschten, wurde vor dieser Saison ein gemeinsamer Etat aufgestellt, erstmals seit Löwengedenken für zwei Spielzeiten im Voraus. Phillipp Steinhart, noch so ein aufblühender Ex- und Wieder-Löwe, gab zu, dass auch dieser Burgfriede zum Erfolg beigetragen hat. Hatte vor einem Jahr große Unsicherheit in der Kabine geherrscht, weil 17 Verträge ausliefen, so weiß dieses Jahr jeder Leistungsträger, dass er auch nächste Saison noch das 1860-Wappen auf der Brust tragen wird. Ligaunabhängig übrigens, was auch ein Grund dafür sein könnte, dass sich die Löwen 2021 in jedem Spiel bis zur Erschöpfung verausgaben.

Es wirkt, als hätte die Löwen durch ihre Ehrenrunde in den unteren Ligen zu sich selbst zurückgefunden. Auch die Rückkehr ins von Fans wie Dubelowski kultisch verehrte Grünwalder Stadion hat dazu beigetragen. Der Verein steht plötzlich wieder für etwas – für Bodenständigkeit, Kampf, Leidenschaft. Für die alten 1860-Werte. Für die Werte, die von der Generation 2017 mit Füßen getreten wurden.

Gewinnen die Löwen am Samstag in Ingolstadt, ist der Aufstieg über die Relegation kein ferner Traum mehr. Das Rückspiel gegen den Drittletzten der 2. Liga findet übrigens am 30. Mai statt. Das ist nicht nur der Jahrestag des Abstiegs 2017, an diesem Tag jährt sich auch zum zehnten Mal der Verkauf des Vereins an Ismaik. Wenn es gut läuft, ist der TSV 1860 bald wieder dort, wo er war, als der Investor eingestiegen ist. Der feine Unterschied: Damals träumte Ismaik von Duellen mit dem FC Barcelona – inzwischen wirkt auch er geläutert. Nach dem Dämpfer im Derby gegen Bayern II (2:2) schrieb er an die Adresse der Profis: „Ihr seid jetzt schon Gewinner – mit oder ohne Aufstieg.“

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