Ricardo Moniz im tz-Interview

"Wenn ich so spielen lasse, ist das Stadion leer"

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Ricardo Moniz beim Spiel seiner niederländischen Landsleute.

München - Die tz traf sich mit Löwen-Trainer Ricardo Moniz unmittelbar nach dem mühsamen 2:1-Sieg der Niederländer im WM-Achtelfinale gegen Mexiko. Wie van Gaal wird er nicht spielen lassen.

Hätten Sie gedacht, dass Ricardo Moniz vor rund 40 Jahren einen ehemaligen Löwen-Spieler verehrt hat? Beim Gespräch mit dem neuen Chefcoach des TSV 1860 über die holländische Fußball-Lehre, über Johan Cruyff, über einen gewissen Wiel Coerver, über das 4-3-3, und wie er damit auch seinem jetzigen Klub auf die Sprünge helfen will, trat am Rande auch dieses bemerkenswerte Detail zutage. Die tz traf sich mit Moniz unmittelbar nach dem mühsamen 2:1-Sieg der Niederländer im WM-Viertelfinale gegen Mexiko.

Das ist ja gerade noch mal gutgegangen, Herr Moniz. Mussten Sie sehr zittern?

Ricardo Moniz: Holland hat am Anfang einfach nicht sein wahres Gesicht gezeigt. ­Louis van Gaal hat mit dem Feuer gespielt.

Weil er erneut zu vorsichtig begonnen hat und erst nach dem Rückstand auf das traditionelle 4-3-3 umgestellt hat?

Ricardo Moniz: Genau, es war fast schon zu spät, aber letztendlich ist seine Turniertaktik aufgegangen.

Sie halten sehr viel von van Gaal, haben ihn unlängst als „den Besten“ bezeichnet.

Ricardo Moniz: Das habe ich getan, ja. Ein Trainer, der gewinnt, hat sowieso immer recht. Wie alt ist van Gaal? Fast 63. Und trotzdem ist dieser Mann voller Leidenschaft, das ist toll.

Trotz der Siege bei der WM wurde er von Johan Cruyff heftig kritisiert, weil er dem holländischen 4-3-3 nicht treu geblieben ist. Jetzt lobte ihn Cruyff für die „schönsten 20 Minuten“ des bisherigen Turniers…

Ricardo Moniz: Die beiden mögen sich einfach nicht. Aber Cruyff hat recht. Er ist der Allergrößte im holländischen Fußball, die höchste Institution. Er hat damals als Spieler in den Sechziger und Siebzigerjahren etwas etabliert, was die Welt noch nicht gesehen hat. Er hat dem FC Barcelona als Trainer ein Gesicht gegeben, von dem der Verein bis heute profitiert. Genauso bewundere ich van Gaal: Er geht immer seinen Weg. Nur, wenn ich hier so spielen lassen würde, wie er, dann wäre das Stadion leer.

Holland war nach dem Zweiten Weltkrieg drei Jahrzehnte lang eine kleine Nummer im Weltfußball. 1959 gab es mal ein 0:7 gegen Deutschland, und erst 1974 qualifizierte man sich erstmals wieder für eine WM, wurde Vize-Weltmeister in München und erspielte sich eine Anerkennung, die bis heute anhält. Was war der Auslöser?

Ricardo Moniz: Da muss ich wieder sagen: Cruyff. Er war der erste un-holländische Spieler. Johan hat uns Selbstbewusstsein gegeben. Nach dem Motto: Hier ist Holland. Wer bist du? Er war besser, als Messi es heute ist. Und er war nie ein Mitläufer.

Ein anderer Mann im holländischen Fußball, den Sie sehr bewundern, ist Wiel Coerver. Was hat es mit dem Mann auf sich.

Ricardo Moniz: Er war nicht nur ein Trainer, sondern auch ein Weltverbesserer. Seiner Ansicht nach kann fast jeder ein besserer Fußballer werden, wenn er nur hart arbeitet.

Bilder: Hier schauen Moniz & Co. das Holland-Spiel

Bilder: Hier schauen Moniz & Co. das Holland-Spiel

Man spricht von der Coerver-Methode, die auf exzellente Ballbeherrschung ausgerichtet ist.

Ricardo Moniz: Viele Leute sind ja der Ansicht: Was du nicht hast, kannst du nicht lernen. Man kann aber alle Spieler zu guten Technikern machen. Coerver war aber auch das Miteinander sehr wichtig. Sein Motto war: Der Beste hilft dem Schwächsten. Und wenn es einer als Fußballer dann doch nicht geschafft hat, hat er zumindest menschlich profitiert.

Sie hatten sehr engen Kontakt zu Coerver. Als er 2011 im Alter von 86 Jahren verstarb, waren Sie Trainer bei Red Bull Salzburg und ließen Ihre Mannschaft mit Trauerflor spielen. Was haben die Österreicher dazu gesagt?

Ricardo Moniz: Sie wussten, dass es mein Wunsch war, und sie haben ihn mir erfüllt. Aber es war schon komisch. Ausgerechnet vor meinem ersten Spiel als Cheftrainer ist Wiel Coerver gestorben. Das hatte irgendwas zu bedeuten.

Cruyff, Coerver, der holländische Stil, das 4-3-3-System – wie sehr wird all das durch Sie auch den TSV 1860 beeinflussen?

Ricardo Moniz: Ich will hier etwas formen und versuchen, ein System zu spielen, das Dominanz und Torchancen verspricht. Ein Spektakel. Und all das soll sich wie ein roter oder blauer Faden auch durch die Jugendmannschaften ziehen.

So wie bei Ajax Amsterdam.

Ricardo Moniz: Ja, wie früher bei Ajax. Inzwischen hat Ajax diese Identität verloren.

In der großen Zeit von Ajax, als man zwischen 1971 und 1973 dreimal den Europapokal der Landesmeister gewann, war auch ein deutscher Spieler dabei, der vorher bei 1860 unter Vertrag stand. Wissen Sie noch, wer?

Ricardo Moniz: Natürlich! Horst Blankenburg. Ich war doch großer Ajax-Fan. Und Blankenburg war mein Idol und mein Lieblingsspieler.

In die deutsche Nationalmannschaft hat er es allerdings nie geschafft.

Ricardo Moniz: Ja, weil er Libero war. Und die Deutschen hatten damals diesen Franz ­Beckenbauer…

Interview: tz

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